Donnerstag, 17. Dezember 2009

Guter Hoffnung?


Maria war guter Hoffnung, als sie vor rund 2000 Jahren mit Joseph verlobt war. Und dies nicht nur, weil sie schwanger war. Allerdings hätte sie viel Grund gehabt, die Hoffnung aufzugeben. Sie wurde schwanger, ohne dass sie verheiratet war – damals ein grosser Skandal! Sie hatte eine beschwerliche Reise vor sich, weil sie sich mit ihrem Verlobten im Heimatort einschreiben sollte. Sie lebte als Jüdin in einem schwierigen Umfeld, weil die Römer ihr Gebiet besetzten, kontrollierten und nicht davor zurückschreckten auch mit harter Hand durchzugreifen. Und schliesslich lebte sie in einer Region, welche selbst bei ihren Volksgenossen keinen guten Ruf genoss und immer wieder in Unruhe versetzt wurde. Wie konnte Maria trotzdem rundum guter Hoffnung sein?


Die Schweiz ist weder besetzt noch ein Ort von regelmässigen Unruhen. Die meisten langen Reisen nehmen wir freiwillig auf uns, und um Anstoss zu erregen, braucht es in unserer Skandal
geschwängerten Gesellschaft mehr als eine Teenie-Mutterschaft. Trotz allem sind viele Schweizer nicht gerade hoffnungsvoll, was die Aussichten unseres kleinen Inselstaates anbelangt

Weshalb war die junge Maria im turbulenten Palästina hoffnungsvoller als wir in unserer wohl behüteten Schweiz? Ihre Hoffnung gründete sich offenbar nicht in dem, was um sie abging. Die Umstände konnten ihre Zuversicht nicht brechen. Woher kam diese Hoffnung denn? Im ersten Kapitel des Lukasevangeliums können wir dies nachlesen: „Wie freue ich mich an Gott! Er hat mir Beachtung geschenkt.“ Sie setzte ihre Hoffnung auf Gott, der sie würdig empfand, den Sohn Gottes zu gebären. Deshalb gibt es Hoffnung, weil Christus geboren wurde! Nicht bloss für Maria. Durch ihn ist Gottes Barmherzigkeit und verändernde Kraft für jeden Menschen greifbar nahe. Gott wird Mensch im Baby der Maria und zeigt uns, dass er uns in dieser hoffnungslosen Zeit nicht alleine lässt, sondern treu versorgt und führt, wenn wir ihm Vertrauen schenken.

Mittwoch, 25. November 2009

Frei denken


Kein Mensch wünscht sich, gefangen zu sein, auch nicht in seinem Denken. Vielmehr wünschen wir uns Freiheit für unser Denken, Glauben und Reden. Als Christ glaube ich, dass Gott diese Freiheit grundsätzlich allen Menschen schenkt. Und zwar so umfassend, dass der Mensch sogar die Existenz Gottes in Frage stellen kann. Damit ist die von Gott gewährte Freiheit quasi absolut: Die Gedanken sind frei. Das bedeutet aber nicht, dass Gott unsere Gedanken nicht beurteilt und wertet. Im Gegenteil: Jesus sagt in der Bergpredigt, dass Gedanken genau gleich wie Taten vor Gott verwerflich sein können.
Als Gesellschaft haben wir ein Interesse daran, die menschliche Freiheit zu begrenzen. Dort nämlich, wo sie dem Gemeinwohl und dem sozialen Frieden schadet. Wir können keine Gedanken verbieten, aber wir können die Redefreiheit und die Meinungsfreiheit begrenzen. So sind rassistische, Gewalt verherrlichende oder verleumderische Äusserungen nicht erlaubt. In letzter Zeit wurde sehr heiss über Freidenker, Minarette, Plakatwerbung diskutiert. Die Frage stellt sich: Was schadet dem Gemeinwohl, was fördert es?
Gott selber hat uns die Möglichkeit gegeben, seine Existenz in Frage zu stellen. Deshalb muss die Frage auch öffentlich Raum haben. Gleichzeitig müssen in der Öffentlichkeit aber auch klare religiöse Bekenntnisse Platz haben. Gerade die Möglichkeit der öffentlichen Diskussion - der Wettbewerb von Werten - fördert letztlich das Gemeinwohl, wenn nicht manipuliert wird. Sind Christen also die besseren Freidenker? Sie sollten es sein, denn ihre Heilige Schrift sagt: «Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit!» Freiheit von Angst, Freiheit vor Manipulation, Freiheit von Gesetzlichkeit, Freiheit vor Verurteilung. Wer Freiheit so versteht, ist ein wahrer Frei-Denker durch Gott.

Montag, 26. Oktober 2009

Urteil


Niemand erscheint gerne vor dem Richter, ausser vielleicht ein Anwalt, der davon lebt. Es ist besonders für den sehr unangenehm, der wegen eines schuldhaften Vergehens vor Gericht erscheinen muss und ein Urteil erwartet. Was im Rechtswesen normal ist, müsste eigentlich im Alltag nicht der Fall sein. Aber sehr oft werden auch in Schule, Familie, Beruf und Politik Urteile von Menschen über andere gefällt, obwohl weit und breit kein Richter ist. Sehr schnell sind wir mit einem voreiligen Urteil bereit, wenn wir von einem angeblichen Vergehen wissen oder bloss davon gehört haben. Und nicht immer sind es die Medien, die zu solchen Vorurteilen verleiten.
Es liegt in der beeinträchtigten Natur des Menschen, dass er sich nicht nur als Anwalt der Gerechtigkeit, sondern auch als Richter in Szene setzen will. Wieso geschieht dies? Vielleicht liegt es an unserem Verlangen nach Gerechtigkeit. Nach einer Miss-Handlung haben wir das Bedürfnis auf Wiedergutmachung. Ein Prinzip, das auch unserem Rechtssystem zu Grunde liegt und sinnvoll ist. Und doch lesen wir Worte Jesu in der Bergpredigt wie: "Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfliessendes Mass wird man in euren Schoss geben; denn eben mit dem Mass, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen."
Sehr herausfordernde Worte für jemanden der ungerecht behandelt wurde! Wer auf ein Urteil verzichtet und zur Vergebung bereit ist, macht sich nicht zum Richter über andere, sondern überlässt diese Rolle Gott. Das ist keine Aufforderung, unsere Rechtssprechung nicht in Anspruch zu nehmen. Aber es ist eine Herausforderung für unseren Alltag, hier und dort auf unser Recht zu verzichten. Grosszügig zu sein und auf die Verheissung zu trauen, dass uns Gott auch vergebend begegnen wird.

Freitag, 25. September 2009

Sex im Wandel


Es gab tatsächlich Zeiten und es gibt tatsächlich Orte auf diesem Planeten, wo der Geschlechtsverkehr in erster Linie zum Zeugen von Kindern dient. Es geschieht dies vor allem in einem Umfeld, wo das Bewusstsein der Abhängigkeit von den zukünftigen Generationen stark vorhanden ist. Es ist nicht zufällig, dass in ärmeren Ländern oder zu Zeiten als unser Sozialsystem noch nicht so stark ausgebaut war, Familien mit sieben und mehr Kindern keine Ausnahme bildeten. Wer seinen letzten Lebensabschnitt wirtschaftlich und sozial sichern wollte, zeugte Kinder, die ihn später versorgen würden. Und weil die Kindersterblichkeit hoch war, lag die Kinderzahl eher bei zehn als bei drei.
Heute erklärt "Dr. Sex" in "20 Minuten" wie eine 14Jährige ohne das Wissen ihrer Eltern zur Pille gelangen kann. Es ist ja klar, wer geschlechtsreif ist, soll heute seinen Spass haben dürfen. Denn dazu ist doch Sex da. Sex in jeder Zeitung, Sex an allen Orten, Sex in allen Lagen. Die Sexualität im Wandel der Zeit hat soweit geführt, dass Prostituierte in Zukunft als Sexarbeiterinnen Steuern zahlen werden. Natürlich nicht um die kommende Generation zu formen, sondern bloss aus Spass.
Während die Generation meiner Eltern lernen musste, dass Sex auch Spass machen darf, werde ich meinen Kindern einmal erklären müssen, dass Sexualität auch zur Fortpflanzung dient. Schade, dass wir vom einen Extrem der Tabuisierung der Sexualität ins andere Exterm der Sexualisierung unserer Gesellschaft geschlittert sind. Denn die goldene Mitte wäre nicht bloss für den Einzelnen das beste, sondern auch für die kommende Generation! Dass die Bibel beide Aspekte der Sexualität zum Thema hat, dürfte viele überraschen. Aber es ist so, die Lust und die Fortpflanzung sind Gaben Gottes an den Menschen: In 1. Mose 1, 28 steht: "Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch." Und im Hohelied 4,5 lesen wir: "Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter den Lilien weiden." Ideal ist es, wenn die beiden Aspekte der Sexualität in einer Beziehung von gegenseitigem Vertrauen und von Verbindlichkeit gelebt werden.
erschienen in Berner Oberländer vom 25.09.09

Dienstag, 22. September 2009

Angstgesteuert


Es ist ja eher selten, dass Menschen offen über ihre Ängste reden. Trotzdem werden in letzter Zeit je länger je mehr Ängste offenbar; auch unter Christen. Das Gefährliche an der Angst ist eigentlich nicht ihr Vorhanden-Sein, sondern ihre Auswirkung auf mein Denken und Handeln. Angst lähmt und verhindert klares Denken und im dümmsten Fall, lässt sie mich mein Vertrauen auf Gott vergessen oder sogar verlieren; ausser ich gehe mit meiner Angst dorthin, wo sie hin gehört: abgelegt bei Jesus. Wenn ich verschiedene öffentliche Debatten von Christen über aktuelle Themen verfolge, werde ich den Verdacht nicht los, dass wir uns zu oft von der Angst steuern lassen: Ich denke da zum Beispiel an unsere Diskussionen über biometrische Pässe, Minarette oder Harmos. Es gibt bei allen drei Themen vernünftige Argumente dafür und dagegen. Aber waren unsere Debatten nicht vor allem von Ängsten geprägt, statt von Vertrauen auf Gott? Ich bestreite nicht, dass man aus dem Vertrauen auf Jesus auch zu einem Gegner der genannten Vorlagen werden kann. Aber gerade als Nein-Sager müssen wir uns überprüfen, ob mein Nein nicht von inneren Ängsten provoziert wurde, die mein Denken und Vertrauen beeinträchtigt haben. Als Befürworter andererseits müssen wir uns fragen, ob unser Vertrauen nicht Gleichgültigkeit oder Leichtfertigkeit geworden ist aus der Angst zur Opposition zu gehören. So oder so: „In der Welt da habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!“, sagt Jesus. Christen sollten Menschen sein, die nicht durch Angst gesteuert werden, sondern durch das Vertrauen auf den Herrn, der die Welt überwunden hat.
erschienen in idea Spektrum 22. Sept. 2009

Samstag, 5. September 2009

Grosser Rat will «christlich-abendländischen Wert stärken»


Der Grosse Rat will die «christlich-abendländischen Werte stärken». Er hiess ein Postulat aus EVP- und EDU-Kreisen gut.

"Wir wollen keine fundamentalistischen Ansichten vermitteln und niemanden zum Glauben bekehren", versicherte Philippe Messerli (EVP, Nidau). Die Motion, die von Marc Jost (EVP, Thun) und dem inzwischen in den Nationalrat nachgerutschten Andreas Brönnimann (EDU, Belp) mitunterzeichnet worden war, bezwecke zweierlei: «Eine bessere Umsetzung des bestehenden Lehrplans in Bezug auf den Religionsunterricht», und dass sich der Erziehungsdirektor auch im neuen Lehrplan für die Vermittlung christlich-abendländischer Werte einsetzt.

...

SP, Grüne und die BDP lehnten den Vorstoss ab. Zu gross war die Angst, die konfessionelle Neutralität der Schule würde beschnitten. Nachdem Messerli die Motion in einen unverbindlichen Prüfauftrag umgewandelt hatte, sah Erziehungsdirektor Bernhard Pulver nur noch «kleine Differenzen». Der Rat nahm das Postulat mit 84 Ja zu 48 Nein bei 13 Enthaltungen an.

BZ vom 4.9.09

Mittwoch, 26. August 2009

EVP mit Kopf und Kragen

Genau sieben Monate vor den Kantonswahlen steigt die Berner EVP mit ­einer originellen Idee ins Rennen.

Als prominenten Kopf portiert ihren Regierungsratskandidaten Marc Jost mit einem EVP-Branding auf dem Kragen. «Viele Sportler treten mit Logos auf, wir haben das abgekupfert», so der 35-Jährige. Die zweite Kragenspitze will die EVP Unternehmen, die ihre Werte teilen, zur Verfügung stellen. Während man bei anderen Parteien nicht wisse, woher die Spenden kämen, sorge die EVP so für Transparenz auf den ersten Blick.
20min vom 27.8.09

Montag, 17. August 2009

Christen in Thun


„Wir sind heute fast soweit, dass wir alles thematisieren können." Dies sagt der Präsident der Evangelischen Allianz Region Thun, Marc Jost, im Gespräch mit idea Spektrum Schweiz.

Die regionale Allianz am oberen Ende des Aaretals verbindet 30 christliche Gemeinden und Gemeinschaften. Jost hebt die geistliche Qualität des Miteinanders hervor; dazu trage das gewachsene Vertrauen unter den Leitern bei. „Wir haben keinen Ehrenkodex für die Praxis, aber die verantwortlichen Leiter haben das ‚Gspüri‘, was man gemeinsam praktizieren kann."

Vor 15 Jahren habe es noch tiefe Gräben zwischen charismatischen und traditionellen evangelikalen Freikirchen gegeben. „Vor etwa zehn Jahren begann man vermehrt aufeinander zuzugehen und sich zu versöhnen. Als ich vor vier Jahren Allianz-Präsident wurde, hatten sich die Beziehungen unter den Leitern schon sehr positiv entwickelt."

Grosse Feiern, vertraute Gemeinschaft
Bei den Gottesdiensten (die Allianzgemeinden sprechen von insgesamt 3000 Gottesdienstbesuchern) sieht Jost zwei Trends: Grossveranstaltungen und Hausversammlungen. „Beides entspricht offensichtlich einem Bedürfnis. Man möchte mit vielen Leuten Gott feiern, und man möchte in kleinen Gruppen über den Glauben im Alltag reden. Ideal ist, wenn eine Gemeinschaft beides miteinander verbinden kann."

Gemeinsam Grosses angepackt
Marc Jost (35) bezeichnet sich als Vermittlertyp. Er habe die Beziehungen weiter gefördert. „So konnten wir dann auch grosse gemeinsame Projekte starten, bei denen die einzelnen Gemeinden in den ganzen Leib eingebunden wurden." Ulrich Parzany war für eine Grossevangelisation in Thun zu Gast; dreimal hat die Evangelische Allianz diakonische Stadtwochen durchgeführt, in denen sich Hunderte von Christen nützlich machten.

Erweckliche Aufbrüche nach 1815
Die stärkere Präsenz der Frommen in Thun hat laut dem Theologen, der für die EVP auch im Berner Grossen Rat sitzt, historische Wurzeln: „Anfangs 19. Jahrhundert waren in dieser Gegend viele Erweckungsprediger unterwegs. Daraus sind einige Erneuerungsbewegungen entstanden. Zu ihnen zählen auch heute aktive Gemeinschaften und Freikirchen... Im Laufe der Zeit wurden sie ergänzt und verstärkt durch neue Bewegungen wie die Pfingstler, Charismatiker, Hauskirchen, Gebetsbewegungen oder die Sportlerbewegung." Entscheidend ist ein zweiter Faktor: „Die alten und die neuen Bewegungen haben zusammengefunden. Über die Gräben hinweg wurden Brücken gebaut."

Hindernisse
Das gemeinsame Zeugnis in der Region liess die Gemeinden auch bei Alphalive-Kursen kooperieren. Es wird aktuell gestört durch „sektenartige Gruppierungen, die mit Leuten aus unseren Gemeinden in Berührung kommen und sie verwirren und teils auch vereinnahmen".

Weiter macht Jost und seinen Mitstreitern „die verbreitete Tendenz zur Tabuisierung alles Religiösen" zu schaffen. Der persönliche Glaube werde immer mehr zum Tabu erklärt. „Bei unsern Werbeaktionen kam schon der Vorwurf auf, Religion dürfe nicht vermarktet werden. Doch unser Anliegen muss es sein, dass Gott zum Thema wird."
Wie wehrt der Allianz-Präsident der Fundamentalismus-Keule, die das Gespräch kaputt macht? „Indem ich jede Gelegenheit nutze, um gegenüber Medien oder im persönlichen Gespräch zu erklären, wer wir wirklich sind und was wir glauben."

www.Gott.info / www.jesus.ch

Freitag, 14. August 2009

Jesus im Thuner Alltag

Von: Andrea Vonlanthen

Der Thuner Sommer wird von Jesus geprägt. Jedenfalls von einer Rockoper mit diesem Namen: «Jesus Christ Superstar». Das legendäre Musical handelt von den letzten sieben Tagen von Jesus. Von einem sehr menschlichen, lebenslustigen Jesus. Erotische Gefühle für die Jüngerin Maria Magdalena sind ihm hier keineswegs fremd. Für gläubige Christen eine klare Provokation. Ausgerechnet in Thun, das als «fromme Hauptstadt der Schweiz» gilt! Doch die Aufregung unter den Frommen bleibt kleiner, als anzunehmen wäre. Und als von den Musical-Promotoren vielleicht erhofft. Das ist auch damit zu erklären, dass sich die regionale Evangelische Allianz nicht provozieren lässt. Allianz-Präsident Marc Jost hält das Musical auch für problematisch. Von öffentlichem Protest jedoch rät er ab. Er geht selber hin und stellt sich den Fragen der Medien und der Zweifler. Und er rät andern Christen, das gleiche zu tun. Er macht eine frivole Rockoper zur Chance für das Evangelium von Jesus Christus.

Das Beispiel erklärt auch die bemerkenswerte Entwicklung und Ausstrahlung der Evangelischen Allianz in der Region Thun (siehe Seite 4). Sie zählt nicht weniger als 30 vorwiegend freikirchliche Gemeinschaften. Ihr Präsident Marc Jost ist ein gründlicher Theologe, ein begabter Politiker und ein profilierter Journalist. Er denkt als Theologe an die Botschaft, als Politiker an Beziehungen und als Journalist an die Kommunikation. Ein guter Allianz-Präsident ist dreifach bewandert: theologisch, politisch, journalistisch. Er ist Brückenbauer, Chancennutzer und Motivator. Er motiviert immer wieder zum Miteinander. Auch zum Miteinander mit den Medien! In einem Klima des vertrauensvollen Miteinanders werden attraktive Grossanlässe möglich. In Thun etwa diakonische Stadtwochen oder evangelistische Projekte. Sie stärken die eigene Gemeinschaft und wecken das öffentliche Interesse. Und sie hinterlassen Segensspuren.

In Thun spricht man schon lange von Jesus. Dafür sorgten leidenschaftliche Erweckungsprediger bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Ein Marc Jost und mit ihm die Evangelische Allianz setzen diese wichtige Arbeit zielstrebig fort. Widerstand bleibt ihnen nicht erspart. Auch im Berner Oberland wird Jesus gerne zur Privatsache erklärt und als Tabu behandelt. Wird ausgeklammert, warum der Gottessohn Mensch geworden ist. «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben»: Eine Stadt, die ihre kulturelle Mitte gewinnen will, wird diesen Anspruch von Jesus mehr und mehr zum Thema machen.

Gerne fliegen rührige Schweizer Christen in die USA oder nach Korea, um neue spirituelle Entwicklungen und erweckliche Aufbrüche zu bestaunen. Oft kehren sie mit frischem Herzensfeuer zurück. Doch nicht immer bleiben längerfristige Auswirkungen. Wer sich über eine blühende und nachhaltige Allianz-Arbeit erkundigen will, braucht jedenfalls nicht über den grossen Teich zu jetten.

in idea Spektrum vom August 2009

Mittwoch, 12. August 2009

"Eine Stadt soll wissen, was Christen wollen"

Der Thuner Allianz-Präsident Marc Jost zur Entwicklung seiner «frommen Hauptstadt»

Potrait von Marc Jost

Einheit unter den Thuner Christen: Als regionaler Allianz-Präsident versteht sich EGW-Pfarrer Marc Jost stark als Brückenbauer.

30 christliche Gemeinschaften in der Evangelischen Allianz vereinigt. 3000 Menschen versammeln sich jeden Sonntag in ihren Gottesdiensten. Thun gilt als besonders fromme Stadt. Hier werde wohl mehr gebetet als anderswo, räumt der regionale Allianz-Präsident Marc Jost ein. Und in Thun wird ein frivoles Jesus-Musical zur Chance gemacht.

«Spektrum»: Wann haben Sie im Thuner Alltag das letzte Gespräch über Jesus geführt?
Marc Jost: Das war Mitte Juli anlässlich der Premiere des Musicals «Jesus Christ Superstar». Da fragte mich der Chefredaktor des «Thuner Tagblatts», ob dieses Musical wirklich gotteslästerlich sei. Ich solle doch einen Gastkommentar dazu schreiben. So konnte ich meine Einschätzung über das Musical und über Jesus äussern, zuerst mündlich, dann schriftlich.

Und Ihre Einschätzung?
Ich sagte, Jesus werde im Musical teils gut dargestellt, doch die Frage werde zu wenig klar beantwortet, ob Jesus nur Mensch oder eben doch Gottes Sohn war. Wer ist Jesus? Das ist die entscheidende Frage. Damit muss sich jeder Mensch auseinandersetzen.

Was löst das Jesus-Musical in Thun aus?
Das Musical wird innerhalb der christlichen Gemeinde kontroverser diskutiert, als ich erwartet habe. Wer über die Hintergründe des Musicals Bescheid weiss, ist weniger negativ überrascht als derjenige, der ahnungslos hingeht und meint, hier werde das Evangelium im Massstab eins zu eins verkündigt. Das Musical hat immerhin bewirkt, dass ich als Präsident der Allianz von sieben Journalisten angefragt wurde, was gläubige Christen dazu meinen. Für die Medien war es reizvoll zu erfahren, wie das Musical gerade hier, in einer Stadt mit vielen frommen Christen, aufgenommen wird.

Ein umstrittenes Musical als Chance für Thun?
Es wird vor allem dann zur Chance, wenn einzelne Christen mit ihren Freunden hingehen und über Jesus ins Gespräch kommen. Und Jesus wurde durch dieses Musical öffentlich zum Thema.

Thun sei eine Art fromme Hauptstadt der Schweiz, wird der Berner Religionswissenschafter Stefan Rademacher in der Presse zitiert. Wie wurde die Stadt Thun so fromm?
Das hängt zum einen mit der Geschichte zusammen. Anfangs 19. Jahrhundert waren in dieser Gegend viele Erweckungsprediger unterwegs. Daraus sind einige Erneuerungsbewegungen entstanden. Zu ihnen zählen auch heute aktive Gemeinschaften und Freikirchen wie die FEG, das EGW, die FMG oder die Gemeinde für Christus, früher Brüderverein. Im Laufe der Zeit wurden sie ergänzt und verstärkt durch neue Bewegungen wie die Pfingstler, Charismatiker, Hauskirchen, Gebetsbewegungen oder die Sportlerbewegung. Und der zweite Faktor: Die alten und die neuen Bewegungen haben zusammengefunden. Über die Gräben hinweg wurden Brücken gebaut.

Woran zeigt es sich, dass Thun eine sehr fromme Stadt ist?
Offensichtlich ist die Vielfalt von christlichen Gemeinschaften und Werken. Es sind insgesamt 30, die heute zur Evangelischen Allianz gehören. In Thun haben sich auch verschiedene christliche Hilfswerke niedergelassen wie HMK (Hilfe für Mensch und Kirche), SrS/Pro Sportler, die Schule für Heilung oder die 24/7-Gebetsbewegung.

Folglich gibt es in Thun weniger Scheidungen und weniger Verbrechen?
Ich hoffe es! Doch von konkreten Zahlen weiss ich nichts. Dieser Frage müsste man nachgehen!

Wird in Thun mehr gebetet als anderswo?
Das kann ich mir gut vorstellen. Dazu gibt es verschiedenste Allianz-Angebote, und ich denke nicht zuletzt auch an das 24/7-Gebet oder die ganze Gebetsbewegung von Walter Bernhard.

Wie profitiert Ihre Region von der starken Heilungsbewegung in Thun?
Spezielle Heilungsgottesdienste bieten unter anderem der Verein Lazarus oder die Schule für Heilung an. In diesen Gefässen kommen immer wieder Spontanheilungen vor. Aber letztlich geht es da um das ganzheitliche Heilwerden des Menschen. Die Region wurde dafür sensibilisiert.

Wie hat sich das fromme Thun in den letzten zehn Jahren entwickelt?
Vor 15 Jahren gab es hier tiefe Gräben zwischen charismatischen und traditionellen evangelikalen Freikirchen, auch im Zusammenhang mit dem Toronto-Segen. Vor etwa zehn Jahren begann man vermehrt aufeinander zuzugehen und sich zu versöhnen. Als ich vor vier Jahren Allianz-Präsident wurde, hatten sich die Beziehungen unter den Leitern schon sehr positiv entwickelt. Ich bin eher der Vermittlertyp. Als eine Art Katalysator habe ich die Beziehungen weiter gefördert. So konnten wir dann auch grosse gemeinsame Projekte starten, bei denen die einzelnen Gemeinden in den ganzen Leib eingebunden wurden.

An welche Projekte denken Sie?
Schon drei Mal haben wir diakonische Stadtwochen durchgeführt, es gab «ProChrist» als evangelistischer Grossanlass und weitere gemeinsame Initiativen, wie gemeinsame Gästegottesdienste begleitet von öffentlichen Kampagnen.

Wie stark wuchs die Zahl der Christen?
Tendenziell wachsen vor allem die jüngeren Bewegungen. Doch es gibt auch traditionelle Gemeinden wie die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (EFG) oder die BewegungPlus, die ein deutliches Wachstum verzeichnen. Zudem gibt es neue Gemeinden wie ICF oder Vineyard.

Wie stark ist angesichts der grossen Konkurrenz der Transfer von Gemeinde zu Gemeinde?
Diesen Transfer können wir nicht verhindern, doch er ist nicht intensiv. Wenn jemand die Gemeinde wechseln will, nehmen wir unter den Pastoren Kontakt auf, um die Situation zu klären.

Profitieren auch die Landeskirchen von der positiven Entwicklung?
Die Landeskirchen empfinden uns wahrscheinlich als gesunde Konkurrenz, die sie herausfordert, am eigenen Profil zu arbeiten. Auch hier werden Gräben aus der Vergangenheit zugeschüttet. Vor etwa zwei Jahren begann ein Gesprächskreis mit der Allianz und der Ökumene. Daraus wurde eine Weiterbildungsveranstaltung darüber, in welchem religionssoziologischen Umfeld Landeskirchen und Freikirchen tätig sind. Das ist momentan für die verschiedenen Kirchen der kleinste gemeinsame Nenner. Wir haben die Landeskirchen provoziert, darüber nachzudenken, wie sie die Leute besser erreichen können und damit eigentlich wieder missionarisch zu denken.

Was bedeuten die vielen Christen für das politische Leben?
In vielen öffentlichen Gremien sitzen Christen. Es gibt in Thun auch viele christliche Geschäftsleute. Im Wahlkreis Thun sind 4 von 15 Grossräten evangelikale Christen (2 EVP, 1 EDU, 1 SP). Im Stadtparlament gibt es Christen aus mehreren Parteien.

Was ist Ihnen als Allianz-Präsident bisher nicht gelungen?
Es gibt noch keine regelmässigen Retraiten für die Leiter. Wir machen jetzt dann einen neuen Versuch aus der Überzeugung heraus, dass die Beziehungen unter den Leitern einer der Schlüssel sind für eine funktionierende Allianz. Noch herrscht auch zu stark ein Denken vor, das sich auf die eigene Gemeinde bezieht. Die junge Generation denkt schon viel mehr in die Richtung, dass sie sich als Teil des gesamten Leibes Jesus vor Ort sieht.

Mit welchen Widerständen sieht sich Ihre Allianz besonders konfrontiert?
Eine ganz aktuelle Herausforderung sind sektenartige Gruppierungen, die mit Leuten aus unseren Gemeinden in Berührung kommen und sie verwirren und teils auch vereinnahmen. Dann denke ich an die verbreitete Tendenz zur Tabuisierung alles Religiösen. Der persönliche Glaube wird immer mehr zum Tabu erklärt. Bei unsern Werbeaktionen kam schon der Vorwurf auf, Religion dürfe nicht vermarktet werden. Doch unser Anliegen muss es sein, dass Gott zum Thema wird. Immer wieder hängt man uns auch die Etikette an, wir seien «extreme Evangelikale». Man kommt mit der Fundamentalismus-Keule und will die ganze Kommunikation verunmöglichen.

Wie begegnen Sie dieser «Keule»?
Indem ich jede Gelegenheit nutze, um gegenüber Medien oder im persönlichen Gespräch zu erklären, wer wir wirklich sind und was wir glauben.

Welchen Praktiken oder Lehren geht Ihre Allianz bewusst aus dem Weg?
Wir sind heute in der Thuner Allianz fast soweit, dass wir alles thematisieren können. Tatsache ist natürlich, dass ein Heilungsgottesdienst nicht das gleiche Spektrum von Leuten anzieht wie ein Sportlergottesdienst oder ein Strasseneinsatz. Wir haben keinen Ehrenkodex für die Praxis, aber die verantwortlichen Leiter haben das «Gspüri», was man gemeinsam praktizieren kann und was nicht, wie zum Beispiel den Zungengesang.

Laut Ihrer Homepage strömen jeden Sonntag 3000 Gläubige in Ihre Gottesdienste. Welche Gottesdienste sind im Trend?
Es gibt zwei Trends: Grossveranstaltungen und Hausversammlungen. Beides entspricht offensichtlich einem Bedürfnis. Man möchte mit vielen Leuten Gott feiern, und man möchte in kleinen Gruppen über den Glauben im Alltag reden. Ideal ist, wenn eine Gemeinschaft beides miteinander verbinden kann.

Was spricht noch für die traditionelle Gemeinde?
Sie kennt die Geschichte am Ort und hat ein bestehendes Beziehungsgeflecht, auch zu den Institutionen. Dazu kommt eine Art Verlässlichkeit: Hier weiss ich, woran ich in Bezug auf Lehre und Strukturen bin.

Was könnten andere örtliche Allianzen von Thun lernen?
Erstens: Wenn Gott begabte Leute an einen Ort stellt, muss eine Allianz bemüht sein, solche Leute nicht zu bremsen, sondern zur Entfaltung zu bringen. Zweitens: Es ist wichtig, Beziehungen über die Gemeindegrenzen hinaus zu pflegen und wo nötig auch Versöhnung zu suchen. Drittens: Wir müssen den Mut haben, die Öffentlichkeit immer wieder über unser eigenes Engagement zu informieren. Eine Stadt soll wissen, was Christen wollen und tun.

Wovon träumt der Thuner Allianz-Präsident?
Ich träume von einem professionellen sozial-diakonischen Netzwerk, das christliche Initiativen und Projekte koordiniert und fördert. Dazu von der Fortsetzung unserer evangelistischen Arbeit auf verschiedenen Ebenen: als Grossanlass und im Quartier. Wir wollen unsern Fokus noch vermehrt auf unsere überblickbaren Lebensräume legen und dort als Christ im Alltag wirken.

Wie kann die Kirche in der Schweiz nachhaltig wachsen?
Indem der einzelne Christ seine Berufung von Gott erkennt und wahrnimmt und diese Berufung für andere Menschen einladend und glaubwürdig lebt.

Interview: ANDREA VONLANTHEN

Mittwoch, 15. Juli 2009

Verzweifelter Spinner oder Gottes Sohn?


Wie stellen sich eigentlich fromme Christen zum Musical auf der Thuner Seebühne? Diese Frage hörte ich in den vergangenen Wochen immer wieder und auch von etlichen Journalisten. So hat diese Zeitung vor einigen Tagen getitelt: "Im Jerusalem des Berner Oberlands" und darüber berichtet wie sich so genannt evangelikale Christen zum Inhalt von "Jesus Christ Superstar" stellen. Meine Antwort war vor der Premiere kurz gefasst die: Inhaltlich kritisch, grundsätzlich sehe ich es aber als Chance, dass Jesus zum Thema wird. Am vergangenen Samstag durfte ich auf Einladung dieser Zeitung die Premiere mit meiner Frau besuchen. Und… ich wurde positiv überrascht!

Die Regisseurin Helga Wolf setzte in die Tat um, was sie im Interview am Tag der Premiere ankündigte: „Wir wollen die Religion nicht verunglimpfen; vielmehr zeigen wir das Verständnis davon im heutigen Kontext.“ Das ist ihr gelungen. Viele Szenen setzen aktualisiert biblische Begebenheiten um und tragen damit Wichtiges zur religiösen Bildung bei; was heute nötiger denn je ist. Da ist zum Beispiel die eindrückliche Szene, wie Jesus mit der ganzen Not dieser Welt konfrontiert wird: mit Krankheiten, Gewalt, Unterdrückung, Menschenhandel und Korruption.Und die Menschen setzen ihre Hoffnung auf Jesus, suchen ihre Hilfe und ihr Heil bei ihm.

Bei aller Nähe zu den biblischen Überlieferungen kommt aber gerade anschliessend doch die Handschrift von Texter Tim Rice zum Vorschein, der in Jesus den überforderten Menschen zeichnen will. So etwa, wenn Jesus in dieser Bedrängnis aller Nöte zu den bedürftigen Menschen sagt: „Heilt euch doch selber!“ - Aus den historischen Quellen lesen wir jedoch: „Jesus aber heilte sie alle.“ Dabei wird deutlich: Die Frage „Wer ist Jesus?“ kann nur in zwei Richtungen beantwortet werden. Entweder ist er der Verzweifelte, der an den Ansprüchen der Menschen und an sich selber letztlich zerbricht, oder er ist tatsächlich jener, der er behauptete zu sein: Gottes Sohn, der Retter aller Menschen. Die Frage wird in der Umsetzung am Thunersee fast durchwegs offen gelassen.

Überstrapaziert wird die Frage dort, wo sich Jesus seiner Identität selber nicht mehr sicher ist. Das ist nicht stimmig. Denn ans Kreuz geschlagen wurde Jesus gerade wegen seines Selbstverständnisses. Die Tatsache, dass er sich für Gottes Sohn und den Retter der Menschheit hielt, brachte den Mob dazu: "Gotteslästerung" und „Kreuzige ihn!“ zu rufen; nachdem sie den Superstar zuerst mit Hosanna in Jerusalem willkommen geheissen hatten.

Das Musical endet nicht - wie man meinen könnte - mit dem Tod und den letzten Worten Jesu am Kreuz. Nach einem Donnergrollen erhebt sich langsam und gleichmässig ein grosses leuchtendes Kreuz über dem Thunersee und blendet das Publikum lange und intensiv. So als ob die Regisseurin zeigen möchte: Sein Tod war nicht das Ende dieses Mannes. Doch die Frage bleibt stehen, wie sie auch im hervorragenden Programmheft vom englischen Philosophen C.S. Lewis zitiert wird: War dieser Mann bloss ein verzweifelter Spinner, der nicht hätte sterben müssen, wenn er nur vernünftig geworden wäre? Oder war er tatsächlich Gottes Sohn, der mit dem Kreuzestod alles Trennende zwischen Mensch und Gott aus dem Weg geräumt hat? Diese Frage beantwortet das Musical nicht, sondern muss von jedem Besucher selber beantwortet werden.

Samstag, 4. Juli 2009

Im Jerusalem des Berner Oberlands


Thun ist die Hauptstadt der evangelischen Freikirchler – und hier wird jetzt das Skandalmusical «Jesus Christ Superstar» gespielt. Ein Sakrileg?

«Wer sich nicht lossagt von allem, wie will er Jesu Jünger sein?» Das ist der Beginn einer mehrminütigen Predigt, um die man nicht herumkommt, wenn man auf dem Telefonbeantworter von Thomas David Hermann in Bönigen eine Nachricht hinterlassen möchte. Hermann bezeichnet sich als «Jünger Jesu», und er ist in den letzten Wochen in der Oberländer Öffentlichkeit dezidiert in Erscheinung getreten. Er hat eine kleine Aktion gestartet gegen die am 11.Juli startende Aufführung des Musicals «Jesus Christ Superstar» auf der Thuner Seebühne, er hat Musicalplakate überklebt und mit eigenen Traktaten versehen. Kein anonymer Protest, sondern alles fein säuberlich unterzeichnet mit Name und Adresse. Als bis jetzt praktisch Einziger tut Hermann, was man viel heftiger erwarten würde. Das Berner Oberland gilt als Trutzburg bibeltreuer Evangelikaler, die sich gegen die Inszenierung der frivolen Rockoper «Jesus Christ Superstar» im Herzen ihrer Homelands auflehnen müssten. 1971 ist das Musical von Andrew Lloyd Webber in London uraufgeführt worden, seine provokativen Botschaften erschüttern engagierte Christen bis heute.

Zu menschlicher Jesus

So endet das Stück in Webbers Urfassung mit der Kreuzigung von Jesus – die übernatürliche Auferstehung danach und die Himmelfahrt zu Pfingsten, die Jesus für gläubige Christen vom Menschen abheben, findet auf der Bühne nicht statt. Die Rockoper stellt Jesus menschlich dar – zu menschlich für viele Christen. Etwa in seiner Beziehung zur Jüngerin Maria Magdalena, im Musical eine attraktive Frau, die Jesus erotisch in ihren Bann zieht. Für eine sexuelle Schwäche Jesu für Maria wollen Gläubige in der Bibel partout keine Hinweise sehen. Damit erreicht der lebenslustige «Jesus Christ Superstar», der aus der fernen Hippiezeit stammt, auch für moderne Christen ein Provokationspotenzial im Stile von Dan Browns Thriller «Sakrileg». Dort wird suggeriert, Jesus sei mit Maria Magdalena gar verheiratet gewesen und habe Kinder mit ihr gehabt. Nur: Die künstlerische Provokation wird im doch so «evangelikalen» Thun mit einem freundlichen Lächeln erwidert. Man will sich nicht verheizen lassen und die Chance nutzen, Thun als christliches, aber tolerantes «Jerusalem des Berner Oberlands» zu positionieren. Gut gelaunt bittet Marc Jost, Pfarrer im Evangelischen Gemeinschaftswerk, in seinem Büro in einem Thuner Wohnblock zum Gespräch. Der dreifache Familienvater Jost, 35, gehört zu den Schlüsselfiguren in der Freikirchenszene Thuns. Er ist EVP-Grossrat und für die Kantonswahlen 2010 sogar Regierungsratskandidat.

Gewichtige Christen

Seit 2005 präsidiert Jost die Evangelische Allianz Region Thun (Earth), eine Art Dachverband von rund 30 vorwiegend freikirchlichen Gruppierungen. 3000 Gläubige erscheinen jedes Wochenende in Thun zu ihren Gottesdiensten. Die Gläubigen verleihen Thun politisches Gewicht: 4 der 15 Grossratssitze im Wahlkreis Thun werden von Angehörigen christlicher Parteien besetzt – weit über dem kantonalen Schnitt. Jost bestätigt, dass die Rockoper unter den Thuner Christen kontrovers debattiert wird. Aber von öffentlichem Protest rät der Allianz-Präsident ab. Er will einen anderen Weg gehen. Theologisch vermöge zwar auch er «Jesus Christ Superstar» nichts abzugewinnen. Trotzdem erwägt Marc Jost, sich das Stück anzuschauen: «Es ist ein Gesprächsstoff in Thun, und Gespräche über Christus sind immer auch eine Gelegenheit, unsere Sicht, unsere Werte darzustellen.» Jost plädiert für ein «fröhliches, engagiertes Christ-Sein im Alltag», das auf soziales Engagement und moderne Kommunikationsmittel setzt.

Freikirchler im Wandel

Der Begriff evangelikal, mit dem Christen wie er oft etikettiert werden, beschreibe die freikirchliche Realität im Berner Oberland ungenügend, beteuert Jost. Weil man evangelikal umgangssprachlich an den Haltungen der früheren US-Regierung Bush orientiere und gerne gleichsetze mit konservativ, intolerant, rechtsgerichtet, renditefixiert. Unter Thuns engagierten Christen, so Jost, wehe ein ganz anderer Wind. Denn die evangelischen Freikirchler vor Ort befänden sich seit einigen Jahren in einem kulturellen Wandel. Man suche, anders als früher, unter den Dutzenden oft kleiner Gemeinschaften, Erweckungsbewegungen, Freikirchen – die sich in ihrer Sicht der richtigen Beziehung zu Jesus nur geringfügig unterscheiden – aktiv das Gemeinsame, das Befruchtende, das Inspirierende. Was nicht bedeutet, dass die frommen Christen in Thun Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit biblischer Texte ausser Acht lassen. In einem vor zwei Monaten verabschiedeten Arbeitspapier der Schweizerischen Evangelischen Allianz – zu der auch Josts Allianz Region Thun gehört – wird zum Beispiel kritisiert, wie liberale Kirchen die Autorität der Bibel bei der Homosexualität in Frage stellen. Die Evangelische Allianz sieht sich laut diesem Papier ausser Stande, gleichgeschlechtliche Anziehung zu befürworten. Der homosexuelle, oft «individualistische und konsumorientierte Lebensstil» sei abzulehnen, die «davon betroffenen Menschen» hingegen müsse man aus seelsorgerischer Überzeugung annehmen – auch, weil das Leben von Homosexuellen oft in tragische Bahnen gerate.

Oberländer Bible-Belt

Trotzdem: Dass die Jesus-Rolle im Thuner Musical an einen homosexuellen Schauspieler vergeben worden ist, hat das christliche Thun öffentlich kaum in Wallung gebracht. Möglich, dass hier der erneuerte evangelikale «Thuner Geist» zum Ausdruck kommt, der laut Marc Jost auch die Wertschätzung gegenüber Andersdenkenden und -lebenden fördert. Der Berner Oberländer Bibel-Gürtel erstreckt sich von Beatenberg bis zu seinem heimlichen Hauptort Adelboden und besitzt in der Agglomeration Thun sein modernes Aktionszentrum. Obschon auch Winterthur und das Zürcher Oberland evangelikale Sammelpunkte seien, könne man Thun zweifellos als eine Art Hauptstadt der Schweiz bezeichnen, bestätigt Stefan Rademacher, Religionswissenschaftler an der Universität Bern. Von landesweiter Bedeutung ist laut Rademacher, der 2008 ein vorzügliches Handbuch über die religiösen Gemeinschaften im Kanton Bern herausgegeben hat, die aussergewöhnlich Lebendigkeit der Oberländer Freikirchenszene. Sie bringe immer wieder neue religiöse Strömungen hervor – bis heute.

Beatus, der Pionier

Zum Beispiel die Bewegung «Frisches Wasser», die Walter Bernhard 1996 nach einem persönlichen Erweckungserlebnis in Thun-Gwatt gegründet hat. Bernhard sieht Thuns spezielle Rolle in der religiösen Landschaft der Schweiz auch historisch begründet. Mit Beatus, der gemäss Überlieferung bei Merligen einen Drachen tötete und dort als Einsiedler lebte, wirkte der erste Glaubensbote, der in der Schweiz das Evangelium verkündete, am Thunersee. Und Ende des ersten Jahrtausends soll der am Thunersee lebende Rudolf II. von Hochburgund durch einen Traum dazu inspiriert worden sein, mit dem Bau von zwölf Kirchen die Region Thun zum religiösen Kraftort werden zu lassen. «Christlicher Glaube», sagt Bernhard, «besteht in ständiger Erneuerung und Weiterentwicklung.» Genau das finde in Thun in überdurchschnittlichem Mass statt, Thun sei eine Art «Jerusalem des Berner Oberlands», das begeistere die Leute und ziehe sie an – in Massen. Bernhard organisiert christliche Grossanlässe wie etwa das Jesusfest im Juni 2008 oder den nationalen Gebetstag, der traditionell am 1.August stattfindet. Mehrmals jährlich pilgern so Tausende Christen, oft auch aus dem Ausland, nach Thun.

Christen als Standortvorteil

Darin stecke vielleicht sogar ein wirtschaftliches Potenzial, das man noch gar nicht richtig erkannt habe, meint Marc Jost. Denn das «Jerusalem des Berner Oberlands» locke nicht nur sonntags Gläubige an. Es gebe christlich orientierte Unternehmer, die das religiöse Profil der Region Thun als Standortfaktor werten. Es sei kein Zufall, dass sich die Geschäftsstelle von Livenet/jesus.ch, dem wichtigsten christlichen Internetportal des Landes, im Berner Oberland befindet. Und es sei kein Zufall, so Jost, dass Thuner Unternehmer unlängst eine Ethik-Charta unterschrieben hätten. Der umstrittene «Jesus Christ Superstar» auf der Seebühne wird dieses Profil nichts verwässern. «Ich bete für die Musical-besucher, dass viele von ihnen einen Segen empfangen und sich für eine tiefere Auseinandersetzung mit Jesus motivieren lassen», sagt Walter Bernhard. Ein simplifizierendes Unterhaltungsstück könne der allmächtigen Kraft Jesu nichts anhaben – schon gar nicht in der göttlichen Landschaft des Thunersees.

Der Autor: Jürg Steiner (juerg.steiner @bernerzeitung.ch) ist «Zeitpunkt»-Redaktor. (Berner Zeitung)

Freitag, 26. Juni 2009

Mittwoch, 10. Juni 2009

Zeichen für die Ärmsten

von Dölf Barben
Der Grosse Rat verpflichtet den Regierungsrat, sich beim Bund mit einer Standesinitiative für mehr Entwicklungshilfe einzusetzen. Direkthilfe aus der Kantonskasse war für den Rat aber des Guten zu viel.
Der Thuner EVP-Grossrat Marc Jost klang gestern im Kantonsparlament wie ein Pfarrer. Allerdings: Jost ist auch Pfarrer (beim Evangelischen Gemeinschaftswerk), zudem eignete sich sein Thema perfekt für eine Predigt. Für Leute hierzulande sei es selbstverständlich, hob er an, dass sie ein Frühstück haben, und auch sauberes Wasser und Medikamente. «Jetzt stellt euch vor, ihr habt eine Infektion und könnt euch keine Medikamente leisten.»

Jost erinnerte an all die Menschen, die in Armut leben, und an jene, denen wegen der Finanzkrise ein Rückfall in die Armut droht. Vor diesem Hintergrund ist es für Jost unverständlich, dass der Bundesrat eine Erhöhung der Entwicklungshilfe von 0,4 auf 0,5 Prozent des Volkseinkommens ablehnt –zumal die Uno den Industrieländern empfiehlt, 0,7 Prozent für die Bekämpfung von Hunger und Armut einzusetzen. In seiner Motion forderte Jost deshalb, der Kanton Bern solle sich mittels Standesinitiative beim Bund dafür einsetzen, dass dieser Beitrag auf diesen Wert erhöht wird. Zudem soll der Kanton Bern künftig selber 0,7 Prozent seines Volkseinkommens in die Entwicklungshilfe investieren. Dies würde die bernische Staatskasse mit rund 60 Millionen Franken belasten. Jost präsentierte gleich einen Vorschlag, wie die Ausgabe finanziert werden könnte: durch eine Änderung bei der Erbschaftssteuer.

«Kann fast nicht dagegen sein»

Bei seinen Zuhörerinnen und Zuhörern stiess Jost grundsätzlich auf Zustimmung. «Man kann fast nicht dagegen sein», sagte Susanne Bommeli (fdp, Bremgarten). Wie sie argumentierten auch andere bürgerliche Sprecherinnen und Sprecher: Entwicklungshilfe sei zwar gut und richtig, aber sie gehöre nicht zu den Kernaufgaben und Kernkompetenzen eines Kantons. Und zu bedenken sei auch: 60 Millionen Franken würden anderswo fehlen.

Entwicklungshilfe sei primär eine Aufgabe des Bundes, sagte Gerhard Fischer (svp, Meiringen). Und wie Elisabeth Blaser (bdp, Oberthal) wies er auf das in der Schweiz verbreitete Engagement von Privaten hin. «Wenn man das hochrechnet, ergibt das einiges mehr als 0,7 Prozent.»

Vorbehaltlos unterstützt wurde Jost lediglich von seiner Partei und von den Grünen: Es gehe nicht um ein bisschen mehr oder weniger Fleisch, sagte sein Parteikollege Ruedi Löffel, «es geht um Leben und Tod». Es sei nicht richtig, wenn der Regierungsrat in seiner Antwort schreibe, die Thematik sei für den Kanton Bern «nicht von besonderem Interesse». Enttäuscht von der «eher formalistischen Antwort» des Regierungsrats zeigte sich auch Erik Mozsa (grüne, Bern). Armutsbekämpfung gehe auch den Kanton Bern etwas an. Und für die Grünen sei es unverständlich, dass die Schweiz als eines der reichsten Länder mit ihrem Engagement hinter anderen Industrieländern zurückbleibe. Diesen Umstand kritisierte ebenfalls die SP: «Das ist schäbig», sagte Paula Ramseier (Bern). Mit der zweiten Forderung – 60 Millionen Franken Direkthilfe des Kantons – habe die SP «aber Mühe».

Punktuelle Unterstützung

Damit war für Jost klar, dass die Direkthilfe keine Mehrheit finden würde im Rat; deshalb zog er den Punkt zurück. Auch Finanzdirektor Urs Gasche (bdp) hatte die Argumente des Regierungsrats nochmals kurz erläutert. Dieser hatte dem Rat Ablehnung beider Punkte beantragt. Der Kanton, der bereits heute punktuelle Unterstützung leiste, brauche sich nicht vorwerfen zu lassen, er nehme diese Aufgabe nicht gebührend wahr, sagte Gasche. Nach den Kantonen Genf und Zürich leiste Bern diesbezüglich am meisten. Gegen eine Standesinitiative sprach sich Gasche auch deshalb aus, weil dieses Instrument durch die in letzter Zeit häufige Verwendung seine Wirkung zu verlieren drohe. Es sollte nur gebraucht werden für Dinge, «die wirklich wichtig sind für den Kanton Bern».

Den Grossen Rat beeindruckte dieses Argument wenig; er überwies Punkt 1 der Motion mit 73 zu 66 Stimmen. Der Regierungsrat muss nun – gegen seinen Willen – eine Standesinitiative ausarbeiten.
(Der Bund)

Dienstag, 26. Mai 2009

Wenig Geld für die Dritte Welt


Der Regierungsrat will sich nicht beim Bund für eine Erhöhung der eidgenössischen Entwicklungshilfe einsetzen. Und er will auch die bescheidene kantonale Entwicklungshilfe nicht aufstocken.

Laut einer Empfehlung der Uno sollen die Industrieländer zur Bekämpfung von Hunger und Armut 0,7 Prozent ihres nationalen Volkseinkommens in die Entwicklungshilfe investieren. Die Schweiz erfüllt die Forderung nicht. Ihr Beitrag an die Entwicklungshilfe lag in den letzten Jahren bei knapp 0,4 Prozent. Die Bundesversammlung hat darum Ende 2008 verlangt, der Bundesrat müsse eine Erhöhung auf 0,5 Prozent vorbereiten – was die Landesregierung nun aber vorerst nicht tun will (vgl. Seite 8).

Marc Josts Vorschlag

Wie auch immer: Auch 0,5 Prozent sind für den Thuner EVP-Grossrat Marc Jost deutlich zu wenig, und darum verlangte er mit einer Motion, der Kanton Bern solle mit einer Standesinitiative Druck machen, damit der Bund seine Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent erhöhe. Auch der Kanton Bern selber aber, so verlangte Jost weiter, solle 0,7 Prozent seines Haushalts in die Entwicklungshilfe stecken. Das wären rund 63 Millionen Franken pro Jahr –und davon ist der Kanton derzeit weit entfernt, sein jährlicher Beitrag beläuft sich auf rund 4 Millionen. Die zusätzlichen Aufwendungen, so schlug Jost vor, sollen «haushaltsneutral umgesetzt» werden – «zum Beispiel durch Änderung der Erbschaftssteuer».

Regierung verweist auf Bund

Der Berner Regierungsrat kann Josts Forderung wenig abgewinnen. Er empfiehlt dem Grossen Rat die Ablehnung der Motion, wie seiner kürzlich publizierten Antwort zu entnehmen ist. Die Entwicklungshilfe, so schreibt er, sei primär eine Aufgabe des Bundes. Die Thematik sei «nicht von besonderem Interesse» für den Kanton, weshalb sich eine Standesinitiative nicht rechtfertige.

Der Kanton Bern solle bei der Entwicklungshilfe wie bisher eine «punktuelle Unterstützung» leisten, findet der Regierungsrat. Der Kanton setze damit schon heute «ein Zeichen» –und er gebe nach Zürich und Genf am drittmeisten für die Entwicklungshilfe aus. Der Regierungsrat möchte die kantonalen Aufwendungen aber nicht erhöhen – und er wehrt sich auch dagegen, einen fixen Prozentsatz für die Entwicklungshilfe festzuschreiben.

Finanzpolitische Bedenken

Eine Aufstockung der kantonalen Entwicklungshilfe lehnt der Regierungsrat, wie er betont, auch aus finanzpolitischen Gründen ab. Er sehe keine Möglichkeit, eine Erhöhung der Entwicklungshilfe auf 63 Millionen haushaltsneutral umzusetzen, schreibt er. Eine Finanzierung über eine Anhebung der Erbschaftssteuer würde zudem den steuerpolitischen Entscheiden der letzten Jahre zuwiderlaufen und dem Kanton weitere Nachteile im interkantonalen Steuerwettbewerb einhandeln. Schliesslich habe der Kanton weder die personellen noch die organisatorischen Kapazitäten, eine neue Aufgabe in dieser Grössenordnung wahrzunehmen.

(Der Bund)

Mittwoch, 20. Mai 2009

Wir Schweizer und das Nadelöhr


In der Bibel gehören jene Berichte zu meinen Favoriten, die einen kniffligen Schluss haben. Auch diese hier gehört dazu: Ein junger Mann begegnet Jesus und fragt ihn: "Was muss ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben erhalte?" Jesus weist ihn als erstes auf einige der Zehn Gebote hin: "Du sollst nicht morden, nicht die Ehe brechen, nicht stehlen, nichts Unwahres über deinen Mitmenschen sagen; ehre deinen Vater und deine Mutter, und liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!" Hier folgt die erste Überraschung: Der junge Mann sagt: "Ich habe alle diese Gebote befolgt. Was muss ich sonst noch tun?" Jesus erwidert: "»Wenn du in der Liebe zu deinen Mitmenschen vollkommen sein willst, dann geh, verkaufe alles, was du besitzt, und gib das Geld den Armen, so wirst du bei Gott einen unverlierbaren Besitz haben. Und dann komm und folge mir!" Jetzt ist die Überraschung weniger gross: Der Mann geht nämlich traurig weg, weil er ein grosses Vermögen hat.
Dieser Schluss regte auch die Freunde von Jesus zum Denken an, Jesus wendet sich nun an sie und sagt: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt." Nicht überraschend, dass die Freunde bestürzt reagieren: "Wer kann dann überhaupt gerettet werden?"
Immerhin ein Drittel des Weltvermögens liegt noch auf Schweizer Banken. Gerade auch deshalb sind wir sehr wohlhabend. Weshalb können wir trotzdem Hoffnung auf ewiges Leben haben? Wer die Zehn Gebote kennt, dem ist vielleicht aufgefallen, dass Jesus den ersten Teil der Gebote zuerst weggelassen hat. "Du sollst keine andern Götter haben neben mir", hat Jesus dem jungen Mann vorenthalten. Aber nur um dann mit der Frage nach dem Reichtum zu prüfen, wie es genau um dieses erste Gebot steht. Die Reaktion des jungen Mannes zeigt: Sein Vermögen ist sein Gott und steht seiner Gottesbeziehung im Weg. Reichtum ist solange gut für uns, wie er nicht zu unserem Gott wird. Jesus schliesst übrigens mit den Worten: "Bei den Menschen ist das unmöglich, aber für Gott ist alles möglich."

Mittwoch, 6. Mai 2009

Werte öffentlich diskutieren



Vier junge Politiker der Region stören sich an religiöser Werbung. Sie schätzen und achten zwar die Glaubensfreiheit und gestehen ein, dass Religion eine wichtige Basis für ethische Werte sein kann. Gleichzeitig finden sie aber, dass Werbung mit Bibelzitaten sowie eine Plakatkampagne mit Fragen zur Identität des Menschen – wie sie in den letzten Wochen aushingen – religiöse Gefühle verletzen, den Frieden gefährden und ihr sittliches Empfinden stören würden. Sie stellen zudem die Frage, wie weit die Vermarktung von Religion gehen dürfe.

Als Verantwortlicher einer der beiden Kampagnen nehme ich zu diesen Fragen und Äusserungen gerne Stellung. Vorab ist es begrüssenswert, wenn sich junge Menschen mit Kampagnen auseinandersetzen, welche die Grundfragen des Menschseins angehen. Der Religionsfriede in unserem Land wird aber nicht dadurch gefährdet, dass Kernaussagen der Bibel wieder ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit kommen oder Fragen zum Menschsein gestellt werden. Im Gegenteil, wenn Religion tabuisiert und privatisiert wird, besteht diese Gefahr viel eher. Welche Werte ein Mensch auch immer vertritt, er wird sie eben gerade nicht nur im Privaten leben, sondern religiöse Überzeugungen und ethische Werte nimmt der Mensch überall hin mit. Gerade deshalb ist eine öffentliche Diskussion darüber, welche Werte zukunftstauglich sind und welche für eine Gesellschaft destruktiv sind, bitter nötig. Beide Kampagnen der letzten Wochen sind ein Beitrag, diese Wertediskussion wieder vermehrt öffentlich zu machen.

Es ist eine Illusion zu denken, Werbung sei grundsätzlich wertneutral und religionsfrei. Gerade Produktewerbung verbreitet heute sehr fragwürdige Werte. Ich denke an Geschlechter diskriminierende Werbung, an Materialismus-Vergötterung oder an Angstschürerei mit Plakaten. Sind die Kampagnen nicht immer hemmungsloser, weil christliche Werte in der Öffentlichkeit kaum mehr Bedeutung haben? Über viele Jahrzehnte waren biblische Inhalte und Werte hier allgemein bekannt. Entsprechend hat unsere Gesellschaft Respektierung der Menschenrechte, Rechtsstaat und Demokratie, ja auch Wohlstand und Sozialstaat entwickeln können. Diese Errungenschaften werden dann gestärkt, wenn religiöse und ethische Fragen in einer Gesellschaft öffentlich diskutiert werden. Eine Tabuisierung, wie es heute leider die Tendenz ist, würde vielleicht vordergründig niemanden vor den Kopf stossen, aber dem religiösen Wildwuchs Tür und Tor öffnen.

Schliesslich könnte man fragen, was wohl eher das sittliche Empfinden der Bevölkerung stört. Ist es der Satz: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Oder der Slogan der Jungfreisinnigen unter einem knapp bedeckten Frauenpo: „Politik darf dir nicht am Arsch vorbei gehen!“ Die Lesenden mögen selber urteilen.

Samstag, 11. April 2009

Ist er wahrhaftig auferstanden?

Warum es schwierig ist, nicht an die Auferstehung zu glauben.

Ist die Auferstehung Jesu Christi ein Symbol, da sie allen menschlichen Erfahrungen widerspricht? Ist sie eine weiterverbreitete Legende oder Erfahrung einer Massensuggestion seiner Nachfolger? Oder ist die Auferstehung ein historischer Fakt, dem man sich stellen muss? Einige handfeste Argumente, die für die historische Tatsache sprechen.

Ist Jesus gar nie gestorben? Das erste, was man gegen die Auferstehung Jesu vorbringen kann, ist die Behauptung, Jesus sei gar nicht gestorben. Diese Scheintod-Theorie wird etwa von Muslimen geteilt. Dagegen spricht verschiedenes. Zum einen war die Kreuzigung eine der brutalsten und sichersten Hinrichtungsarten im Römischen Reich. Medizinisch ist ein Überleben kaum haltbar. Sie war mit hohem Blutverlust und einem Schockzustand des Körpers verbunden. Zum andern war ein Römischer Hauptmann für die Hinrichtung zuständig. Er war sich diese Arbeit gewohnt und des Todes Jesu gewiss; wie übrigens auch Pilatus (Mk 15,39.44).


Wurde der Leichnam gestohlen? Das leere Grab wird in der Bibel verschiedentlich bezeugt. Es müsste also erklärt werden, wie schon kurz nach dem Tod Jesu die Botschaft von der Auferstehung verbreitet werden konnte. Wenn doch wenige Meter ausserhalb der Stadtmauer jederzeit das Grab Jesu hätte untersucht werden können; und weder die Römer noch die Hohenpriester hatten ein Interesse daran, eine christliche Lüge zu decken. Im Gegenteil, römische Soldaten wurden beauftragt, das Grab zu bewachen (Mt 27,64.65). Ein Diebstahl der Leiche Jesu wäre schier unmöglich gewesen.


Die Auferstehung erfunden? Am Jesus-Jünger Petrus lässt sich nachweisen, dass die Wahrscheinlichkeit einer vorgetäuschten Auferstehung der Jesus-Gemeinschaft äusserst gering ist. Petrus wird in den biblischen Berichten als ein selbstbewusster, wenn nicht sogar etwas vorlauter Jünger beschrieben. Er muss eine ausgesprochene Leiterfigur gewesen sein. So ist es vorerst ein grosser Rückschlag, dass Petrus seinem „Meister“ in den schwierigsten Stunden nicht beisteht. Er begleitet zwar die Gefangennahme Jesu aus einiger Distanz, leugnet jedoch, Jesus zu kennen mehrmals und verzweifelt. Nach der Hinrichtung Jesu zieht Petrus sich zurück. Durch die Jüngerinnen erfährt er vom leeren Grab und begegnet Jesus danach selber. Hätte die Auferstehung nicht stattgefunden, ist es kaum erklärbar, dass Petrus tatsächlich an Pfingsten mit dem Bau der Gemeinde Jesu beginnt. Ein verzweifelter Lügner wäre nicht in der Lage gewesen, 3000 Menschen zum Glauben an Christus zu führen (Apg 2). Gegen die Erfindung der Auferstehung spricht auch das Martyrium der ersten Christen von Jakobus bis Stephanus. Wer wäre schon bereit für einen Betrug, den er sich selbst ausgedacht hat, zu sterben?


Schwache Quellen? Es gibt kein historisches Ereignis der Antike, das besser belegt ist als die Auferstehung von Jesus von Nazareth. Während die ersten historischen Quellen über Alexander den Grossen 400 Jahre nach ihm entstanden, sind die biblischen Berichte bereits ein halbes Jahrhundert nach Jesu Geburt (!) verfasst worden. Neben den vier Evangelienschriften stellt Paulus die Zeugen der Auferstehung im 1. Korintherbrief übersichtlich dar:

15. Kapitel: „3 Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäss der Schrift, 5 und erschien [wurde gesehen von] dem Kephas, dann den Zwölf. 6 Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. 7 Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln.“

Frauen als Zeugen? Es gibt unterschiedliche biblische Quellen, die in einigen Punkten sogar voneinander abweichen. Das spricht dagegen, dass die Geschichte eine Erfindung ist. Ausserdem hätten die Christen als Zeugen wohl kaum die Frauen am Grab genommen, denn das Zeugnis von Frauen galt damals nichts.

Marc Jost in "Wort & Wärch 04-2009"

Donnerstag, 9. April 2009

Wahlen 2010: EVP will einen Sitz in der Regierung

Die EVP des Kantons Bern rechnet sich bei den kantonalen Wahlen von 2010 Chancen auf einen Sitz im Regierungsrat aus. EVP-Grossrat Marc Jost

EVP-Grossrat Marc Jost (Bild: Andreas Blatter)

Sie tritt höchstwahrscheinlich mit Grossrat und Pfarrer Marc Jost aus Thun und dem Ingenieur Patrick Gsteiger aus Moutier an.

Die Delegiertenversammlung der EVP muss diesen Vorschlag der Geschäftsleitung am 25. April noch bestätigen, wie die Partei am Freitag mitteilte. Chancen auf einen Sitz sieht die EVP, weil bei den nächsten Wahlen die ausseramtlichen, vorgedruckten Wahlzettel nicht mehr erlaubt sind.

«Erstmals gleiche Wahlchancen»

Diese Zettel hätten den beiden grossen politischen Blöcken einen entscheidenden Vorteil verschafft. «Zum ersten Mal überhaupt haben Kandidierende der blockunabhängigen EVP die gleichen Wahlchancen», frohlockt die Partei.

Die Kandidaturen der EVP richteten sich nicht gegen eine bestimmte Partei oder ein bisheriges Regierungsmitglied, heisst es weiter. Die Stimmenanteile der letzten kantonalen Wahlen zeigten aber, dass Rot-Grün derzeit mit einem Sitz übervertreten sei.

Vorschläge sind auch regionalpolitisch motiviert

Marc Jost ist Pfarrer beim Evangelischen Gemeinschaftswerk in Thun, verfügt auch über ein Primarlehrerpatent und sitzt seit 2006 im bernischen Grossen Rat. Er wurde 1974 geboren, ist verheiratet und hat drei Kinder.

Patrick Gsteiger kam im Jahr 1967 zur Welt, ist ebenfalls verheiratet und hat zwei Kinder. Der Mitinhaber eines Ingenieurbüros wohnt heute in Perrefitte. Er arbeitete früher als Kantonspolizist und Generalsekretär ad interim des Bernjurassischen Rats.

Die EVP spricht in ihrer Mitteilung von zwei profilierten Köpfen, doch haben auch regionalpolitische Überlegungen eine Rolle gespielt, wie EVP-Geschäftsführer Ruedi Löffel auf Anfrage sagte.

Die EVP wollte eine deutschsprachige und eine französischsprachige Kandidatur und sie wollte mit dem in Spiez aufgewachsenen Jost dem Oberland «eine Offerte bieten», wie Löffel sagte. Seit dem Ausscheiden des jetzigen Ständerats Werner Luginbühl sei dieses ja nicht mehr in der Regierung vertreten.

SDA-Meldung vom 27.03.2009

Samstag, 28. März 2009

Anonyme Christen heute

Im vergangenen Jahrhundert hat ein Theologe (Karl Rahner) den Begriff "anonyme Christen" geprägt, und zwar für Menschen, die in ihrem Leben nie mit dem christlichen Glauben und der Bibel in Berührung kamen, aber deren Lebenswandel potenziell der eines gläubigen Christen gewesen war.
Ich fülle den Begriff "anonyme Christen" heute anders, weil mich ein Phänomen in der Christenheit beschäftigt. Immer wieder begegne ich Menschen, die sich aus der Gemeinschaft der Gläubigen verabschiedet haben oder dabei sind sich zurückzuziehen. Sie tun dies nicht, weil sie den Glauben an Gott und das Vertrauen in Jesus Christus verloren hätten. Es ist also keine Abkehr vom Glauben, sondern eine Abkehr von den Gläubigen. Wenn ich nach Gründen frage, werden oftmals zwischenmenschliche Probleme, zeitliche Überlastung und Beschneidung der persönlichen Freiheit erwähnt. Das stimmt nachdenklich!
Lässt sich Christsein in der Anonymität leben? Weshalb fliehen Christen in die anonyme Einsamkeit? Bestimmt führen verschiedene Gründe dazu. Wer in der Gemeinschaft verletzt wurde, braucht Mut, das zu thematisieren. Wer überlastet ist, braucht Mut nicht bei der Gemeinschaft mit anderen zu sparen. Wer sich eingeengt fühlt, braucht Mut seinen Individualismus zu hinterfragen. Das Verheerende am Schritt in die Anonymität ist, dass er keine Arznei gegen die "konstatierte Krankheit" ist, sondern dass die Einsamkeit und die Selbstbezogenheit das Übel bloss vergrössern wird.
Ein anderer Theologe des vergangenen Jahrhunderts hätte dazu vieles zu sagen. Dietrich Bonhoeffer, der selber einige Jahre bis zu seiner Hinrichtung gezwungen war, getrennt von andern Christen zu leben, schreibt in "Gemeinsames Leben": "Es ist nichts Selbstverständliches für den Christen, dass er unter Christen leben darf. Sichtbare Gemeinschaft ist Gnade." Ich wünsche Ihnen immer wieder den Mut sich der Gemeinschaft zuzuwenden trotz Hindernissen, den Mut zur Gemeinde!
Berner Oberländer vom 28. März 2009

Dienstag, 3. März 2009

Begnadete Leistung?

Kennen Sie Calvin? Nein, ich meine nicht die kleine schulmüde Comic-Figur. Ich denke an den Reformator, der Genf und noch viele andere Städte tiefgreifend verändert hat. Vor rund 500 Jahren ist er geboren, deshalb feiern wir neben dem Darwin- auch das Calvin-Jahr. Mich beschäftigt eine Frage besonders, wenn ich an Johannes Calvin denke: Welchen Stellenwert hatte für diesen grossen Theologen (und Juristen) die Arbeit?
Wie ich gerade auf diese Frage komme? Einerseits hat Calvin ähnlich wie Luther und Zwingli messerscharf herausgearbeitet, wie der Mensch zum Heil gelangen kann: Nicht durch irgendwelche guten Werke, sondern durch bedingungslose Gnade. Andererseits hat Calvin eine Arbeitsethik vertreten, die zwar jeglichem Selbstzweck eine Absage erteilte, aber von den Menschen trotzdem alles abverlangte. Wie können zwei so unterschiedliche Ansätze von ein und demselben Menschen stammen?
Erst vor kurzem hatte ich dazu ein Aha-Erlebnis. Der Grund könnte in Calvins Prädestinationslehre liegen. Da gemäss seiner Auffassung jeder Mensch seit je her entweder für den Himmel oder die Hölle vorherbestimmt war, sollte sich der einzelne zumindest über seinen Gnadenstand Rechenschaft ablegen. Das hiess also: Kann ich an meinen Werken erkennen, ob ich von Gott gnadenvoll erwählt wurde oder weist mein Lebenswandel auf das Gegenteil? Mit anderen Worten: Fleiss, Zuverlässigkeit und wirtschaftlicher Erfolg bedeuteten, dass der Betroffene dies als Zeichen seiner göttlichen Erwählung verstehen konnte. So viel ich auch von Calvin in verschiedensten Fragen halte, äxgüsi, war seine Prädestinationslehre ein Schritt zurück in die Zeit vor der Reformation? Ich fürchte ja.

Donnerstag, 26. Februar 2009

Schlechte Geheimnisse

Früher als Primarlehrer, später als „Kinderpfarrer“ und heute als Vater bemühe ich mich den Kindern einen guten Umgang mit Geheimnissen beizubringen. In allen pädagogischen Ausbildungen wird heute darauf geachtet, dass bereits den Kleinsten klar gemacht wird: Es gibt gute und schlechte Geheimnisse. Gute Geheimnisse machen mir und anderen Freude. Sie sind angenehm und tun niemandem weh. Es ist auch nicht tragisch, wenn ein gutes Geheimnis aus Versehen mal verraten wird. Die fröhliche Überraschung fällt dann halt weg.

Ganz anders die schlechten Geheimnisse: Sie sind unangenehm, machen Schmerzen und können nur mit grossem Druck wirklich geheim gehalten werden.

Was bei Kindern präventiv gelehrt wird, damit sie keinen Übergriffen und Missbräuchen von Erwachsenen ausgeliefert sind, könnte das Vorbild für viele Erwachsene sein. Ich denke da zuerst an den Finanzplatz Schweiz, der gerade in diesen Tagen erkennen muss, wie unangenehme und weitreichende Konsequenzen schlechte Geheimnisse haben können. Es wird schon Kindern aufgezeigt, Unrecht zudecken lohnt sich nicht. Die „erwachsene Schweiz“ muss jetzt feststellen, dass diese Weisheit auch für Banken gilt.

Aber nicht nur das: Wer beispielsweise die Bergpredigt Jesu liest, stellt fest: Unrecht verdecken, um das eigene Wohlergehen zu erhalten, ist ein Trugschluss. Am Ende kommt die Wende: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. ... Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Transparenz können nicht bloss Betrug aufdecken, es sind auch jene Werte, die Vertrauen und Nachhaltigkeit fördern. Genau das braucht unsere Gesellschaft jetzt.

BeO vom 27.02.2009

Mittwoch, 18. Februar 2009

Trotzdem - die paradoxen 10 Gebote


von Dr. Kent M. Keith

Die Menschen sind unberechenbar, unvernünftig
und denken nur an sich.
Liebe sie trotzdem.

Wenn du Gutes tust, wird man glauben,
dass Du Hintergedanken hast.
Tue trotzdem Gutes.

Wenn du erfolgreich bist, machst du dir
falsche Freunde und wahre Feinde.
Sei trotzdem erfolgreich.

(...)

Offenheit und Ehrlichkeit machen dich verwundbar.
Sei trotzdem offen und ehrlich.

Die grössten Pläne der grössten Menschen können
von den geringsten und einfältigsten Menschen zunichte
gemacht werden.
Schmiede trotzdem grosse Pläne.

Die Menschen sympathisieren mit Verlierern,
folgen aber nur Gewinnern.
Kämpfe trotzdem für die Verlierer.

Dinge, an denen du jahrelang gearbeitet hast,
können über Nacht zerstört werden.
Arbeite trotzdem weiter.

Manche Menschen brauchen dringend deine Hilfe,
greifen dich aber an, wenn du sie Ihnen gibst.
Hilf Ihnen trotzdem.

Gib der Welt dein Bestes und Undank wird dein Lohn sein.
Gib der Welt trotzdem dein Bestes.

© Copyright Kent M. Keith 1968, renewed 2001
Übersetzt von Sirka Sander

Freitag, 30. Januar 2009

Freude am Effekt

Irgendwann in der klein kindlichen Entwicklung erscheint das Phänomen "Freude am Effekt". Das kleine Kind entdeckt den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Es drückt auf ein Spielzeug, und es folgt ein Quietschen. Unsere Kinder können dann jeweils stundenlang aus Freude am Erkennen so eines Effekts an Dingen drücken, stossen, schieben, ziehen oder was auch immer. Ich habe den Eindruck, dass die Freude am Effekt nicht auf Kleinkinder beschränkt bleibt, sondern dass wir diese Freude ein Leben lang nicht verlieren. Wir erleben uns auch als Erwachsene gerne als wirksam und effektiv. Eine Grafikerin freut sich am gelungenen Plakat. Ein Schreiner ist stolz auf sein passendes Möbelstück. Die Hausfrau freut sich - immerhin kurz - über die saubere Wohnung. Und der Pfarrer ist stolz auf seine verfasste Predigt.
Eigentlich ein schöner Effekt, diese Freude nach erfolgreicher und getaner Arbeit. Er gibt uns Zufriedenheit und bestätigt uns, dass wir etwas bewirken können. Aber dieser erfreuliche Effekt hat eine Grenze, wo es ins Ungesunde kippen kann. Und zwar dann, wenn mein ganzes Glück daran hängt, ob mein Engagement die erhoffte Wirkung hat. Es wird dann ungesund, wenn ich meine Daseinsberechtigung davon abhängig mache, ob mein Werk gelingt. Es kann dann bedrückend werden, wenn ich meine Identität darin finde, ob meine Leistung zum Ziel geführt hat.
Die Bibel spricht an verschiedensten Stellen zu diesem Thema. Zum Beispiel in den Psalmen: "Wie klein und unbedeutend ist der Mensch und doch denkst du an ihn und sorgst für ihn!" (Psa 8) Oder im Epheserbrief: "Wir sind (...) geschaffen zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen." (2,10) Worte wie diese helfen mir im Alltag dann die Freude am Effekt wieder zu entdecken, wenn ich selber gerade nicht auf erfolgreiche Leistungen zurückblicken kann. Sei es auch die Freude am Effekt, einfach für einen Menschen Zeit genommen zu haben.

Dienstag, 13. Januar 2009

Samstag, 3. Januar 2009

Dank und Ja

Zu Hause beim "Stillen Örtchen" hing während meiner Kindheit ein Zitat, das mir immer wieder zum Jahreswechsel einfällt: "Dem Vergangenen: Dank, dem Kommenden: Ja!" Es stammt von Dag Hammerskjöld. Er hat diese Worte seinem Tagebuch im Jahr 1953 anvertraut. Im selben Jahr wurde er UNO-Generalsekretär. Er übte dieses Amt bis 1961 aus, als er bei einem Flugzeugabsturz in Kongo ums Leben kam. In den vergangenen Zeiten habe ich mich vor allem mit dem Zitierten und seinem Leben auseinandergesetzt. Während meiner Kindheit hingegen hatte ich überhaupt keine Vorstellung, wer sich hinter diesem Namen verbirgt. Die Worte "Dem Vergangenen: Dank, dem Kommenden: Ja!" habe ich aber hunderte von Malen gelesen und darüber nachgedacht. Rückblickend frage ich mich, ob es dieses Zitat war, das in mir dieselbe Grundhaltung wachsen liess oder ob sich meine bisherigen Lebenserfahrungen mit der Einsicht des skandinavischen Mystikers einfach sonst deckten.
So oder so stelle ich fest, dass es keine hilfreichere Einstellung zum Leben gibt als diese: Dankbarkeit gegenüber Gott für all das, was das eigene Leben ausgemacht hat: Also alles Schöne und alles Schwere, weil beides dazu dienen kann, näher zu Gott und näher zum Mitmenschen zu wachsen. Und Ja zu all dem, was mich erwartet. Das ist kein Fatalismus, sondern ein Ausdruck des Vertrauens in den, der mich durch alle zukünftigen Herausforderungen führen und tragen wird; wenn ich das denn will.
Ich bin nicht sicher, ob das Zitat immer noch dort hängt, wo es vor Jahren hing. Beim nächsten Besuch will ich darauf achten. Mittlerweile weiss ich, wer Dag Hammerskjöld war, und es gibt noch etliche Zitate von ihm, die mir zu denken geben. Zum Beispiel dieses: "Du wagst dein Ja und erlebst Sinn. Du wiederholst dein Ja - und alles bekommt Sinn." Ich wünsche Ihnen Gottes Segen und ein Ja zum 2009!
Berner Oberländer 31.12.08