Freitag, 13. April 2012

Randständige Unternehmer

Es war im Januar 2007 in Leipzig als ich ein Aha-Erlebnis hatte. Friedhelm Loh (Bild), Unternehmer, Vizepräsident des grössten deutschen Industrieverbandes und einer der 30 reichsten Deutschen hielt ein Seminar. Ich kann mich nicht mehr an den genauen Titel erinnern. Aber es ging um die Fragen, wie Unternehmer in der christlichen Gemeinde besser integriert werden könnten. Mein Aha-Erlebnis: Unternehmer sind tatsächlich so etwas wie „Randständige“ in unseren Kirchen. Milliardär Loh erzählte von sich und anderen Unternehmern und davon, was es so schwierig machte.
In einem Interview sagte er später dazu: „Man begegnet erheblichen Vorurteilen. Alles zwischen Ausbeuter und Wohltäter... Das liegt auch daran, dass es leider immer weniger christliche Unternehmer gibt. Man wird nicht "normal" behandelt... Das empfinde ich in vielen Bereichen als Belastung.“ Gleichzeitig seien Unternehmer geprägt vom Berufsumfeld, wo sie ständig entscheiden. Das ergebe eine gewisse Persönlichkeitsstruktur: „Da fällt es manchmal schwer, sich hinzusetzen, zuzuhören – und seinen Erfahrungshintergrund zu vergessen.“
Ich hatte mir davor kaum jemals überlegt, dass es gerade für diese Berufsgruppe schwierig sein könnte, sich in der christlichen Gemeinde wohl zu fühlen. Aber in einem Seminar mitten unter dieser Spezies fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ja, in der Tat, sowohl Pastoren wie auch Unternehmer müssen mutige Schritte aufeinander zugehen. Wir brauchen keine besonderen „Unternehmerkirchen“. Nötig ist eine Portion Mut und Demut, sich dem so ganz anderen auszusetzen. Unternehmer wollen nicht auf ihre Firma und ihr Vermögen reduziert werden. Und die Kirche tut gut daran, sie zuerst einfach als Menschen mit Hoffnungen, Ängsten und Sorgen zu nehmen, wie sie jeder kennt.
Was dann geschehen kann, lernte ich auch von Loh: Er engagiert sich nicht nur in der Gemeinde, sondern zudem in den Vorstanden vom Bibellesebund, bei ProChrist und Christival, ist Vorsitzender der Stiftung Christliche Medien (SCM) und hat das Bundesverdienstkreuz erhalten.
erschienen in idea Spektrum 11. April 2012

Donnerstag, 5. April 2012

Warum hast du mich verlassen?

In schwierigen Situationen des Leidens liegt manchen Menschen die „Warum-Frage“ auf der Zunge. Sind wir uns bewusst, dass diese Frage ein Gebet ist und deshalb sicher nicht das Falscheste in einer notvollen Lebenslage?
Als Jesus Christus vor rund 2000 Jahren brutal am Kreuz hingerichtet wurde und lange leiden musste, stellte er ebendiese Frage: Warum? Oder genauer: Er betete aus dem Psalm 22, wo es heisst: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wer „warum?“ fragt, hat eine Gottesbeziehung, sonst würde er Gott nicht fragen, sondern könnte nur über die verzweifelte Lage fluchen. Aber die Hinwendung zu Gott mit dieser Frage ist ein guter Reflex.
Es ist jedoch selten so, dass darauf die Frage auch gleich beantwortet würde. Ja, das bleibt wahrscheinlich eher die Ausnahme. Viel entscheidender scheint mir, dass Gott auf die verzweifelte Frage immer mit seiner Gegenwart, mit seiner Nähe antwortet. Das hat auch der Schreiber von Psalm 22 so erlebt; König David.
Nachdem er Gott all seinen Kummer klagt, folgt die Wende in seinem Herzen, und er findet zum Loben zurück, weil er sich an all das erinnert, was Gott Gutes für ihn getan hat und was Gott ihm verheissen hat. Er ist überzeugt, dass Gott trotz allem treu bleibt: „Deine Treue preise ich in der grossen Gemeinde!“
Wir können annehmen, dass auch Jesus am Kreuz den ganzen Psalm gebetet hat. Auch er hat dem himmlischen Vater die „Warum-Frage“ gestellt. In der Not war er verzweifelt wie wir alle, wenn tiefes Leid über uns kommt. Dann aber wird sich auch Jesus am Kreuz an Gottes Treue und Macht erinnert haben, wenn er im Psalm fortgefahren ist: „Denn der Herr regiert als König; er herrscht über die Völker.“ Und noch viel mehr als Gottes Macht, ist Gottes Nähe im Leiden gewiss: „Er verbirgt sein Gesicht nicht vor mir; er hat auf mein Schreien gehört.“
Jesus Christus kennt nicht nur die Not, die mich vielleicht gerade plagt. Er teilt sie auch mit mir. Karfreitag soll uns daran erinnern, dass Gott im Leiden mit uns Gemeinschaft hat und uns schliesslich daraus erlösen will.
erschienen im Berner Oberländer vom 5. April 2012