Samstag, 26. Januar 2008

Kindisch oder kindlich?

Vier von zehn Schweizern beten mehrmals in der Woche. 60 Prozent sagen, das persönliche Gebet sei ihnen wichtig. Das Abendgebet ist an jedem dritten Kinderbett üblich und wird wieder beliebter.* Ist das Gebet etwas für ein paar wenige? Ist das Reden mit Gott nur etwas für Kinder? Offensichtlich beten mehr Menschen, als ich dachte. Dabei liegt es doch eigentlich auf der Hand, dass Menschen sich nach ihrem Schöpfer sehnen; wenn sie Geschöpfe sind...
In einer Zeit, in der es auf alle Fragen (mehr als) eine Antwort gibt, scheinen wir Menschen uns vermehrt an den zu richten, der die passenden Antworten zu unseren Lebensfragen hat. Manch einem kommt dies naiv vor. Aber beten ist nicht kindisch, schon eher kindlich. Jedenfalls macht Jesus gerade die Kinder zu Vorbildern in der Begegnung mit Gott: «Wenn ihr euch nicht ändert und so werdet wie die Kinder, kommt ihr nie in das Reich Gottes. Wer aber so klein und demütig sein kann wie ein Kind, der ist der Grösste in Gottes Reich (Matthäus 18).»
Als Mann fällt mir das oft schwer. Ich habe gelernt, mich zu behaupten, die Dinge im Griff zu haben und nie die Fassung zu verlieren. Und jetzt soll ich in der Begegnung mit Gott zugeben, dass ich Hilfe brauche, vieles nicht verstehe und vor ihm schwach sein darf? Das ist nicht nur gewöhnungsbedürftig. Das muss ich üben. Ich will die Praxis des kindlichen Gebets lernen. Ich will es versuchen; kindliche Vorbilder gibt es ja (noch) genug.

* alles gemäss «Religionsmonitor» der Bertelsmann-Stiftung

Samstag, 19. Januar 2008

Armut fördern?

Ein Alt-Bundesrat hat einmal gesagt, er wisse nicht, ob es besser wäre, Afrika sich selbst zu überlassen und keine Entwicklungshilfe mehr zu leisten. Ins gleiche Horn blasen zu meinem Entsetzen viele Christen, mit denen ich ins Gespräch über öffentliche Entwicklungshilfe komme. Die Kultur in einigen Drittweltstaaten geprägt durch Korruption und kurzfristige Lebensbewältigung mache Investitionen aus Industrieländern kontraproduktiv, sagen sie. Zudem sei die Arbeit der DEZA ineffizient, wenig erfolgreich und nicht christlich.

Wen wunderts, dass die weltweite Armut so bloss schleppend bekämpft werden kann? Wenn sogar wir Christen, die wir einen Gott kennen, der sich mit den Armen identifiziert (Mt 25), eine solche Ignoranz an den Tag legen.

Die öffentliche Entwicklungshilfe der Schweiz ist besser, als viele Menschen denken. Aber man muss sich halt bemühen, genau hin zuschauen. Das tun manche Kritiker jedoch nicht. Man würde erkennen: Entwicklungshilfeprofis sind sich sehr wohl bewusst, dass Korruption ein ernst zunehmendes Problem ist, das auch bekämpft wird. Die öffentliche Hilfe wird ständig verbessert, indem Prävention, Vorsorge und Nachhaltigkeit gross geschrieben werden. Dass die DEZA keine religiösen Aktivitäten unterstützt, kann jedenfalls kein Grund sein, ihre Arbeit zu miss kreditieren.

Es ist schon mehr als bedenklich, wenn man sieht, dass die Entwicklungshilfe der Schweiz schrumpft (2006 unter 0,4% des BIP), angesichts der Absichtserklärung unseres Bundesrats das Milleniumsziel von 0,7% bis 2015 erreichen zu wollen. Das ist umso beschämender, wenn man sieht, dass Schweden über 1% in Entwicklungshilfe investiert, und die skandinavische Hilfe weiterhin wächst.