Mittwoch, 15. Dezember 2010

Mache dich auf und werde Leak?

Wenn ich als Kind etwas Dummes angestellt hatte, machte es mir jeweils so lange innerlich zu schaffen, bis ich meinen Eltern davon erzählte und die unangenehme Sache ans Licht kam. Sie kennen das bestimmt. Es war befreiend, wenn es bekannt wurde und verziehen wurde. In den vergangenen Tagen brachte die Enthüllungsplattform Wikileaks auch einiges ans Licht, das dumm gelaufen war. Vor der Weltöffentlichkeit wurden vertrauliche und zugleich kritische Äusserungen amerikanischer Diplomaten über Politiker anderer Länder ans Licht gebracht. Dies wiederum hatte nicht denselben befreienden Effekt, den ich als Kind erlebt hatte. Wieso? Wie viel Transparenz an welchem Ort ist hilfreich und aufbauend? Zum zweiten Advent also eine Kolumne übers Licht. Aber diesmal in Verbindung mit Transparenz. Normalerweise gehen wir davon aus, dass Licht Klarheit bringt. Dinge werden ins rechte Licht gerückt. Täuschung wird beendet. Gibt es ein Zuviel an Licht und Transparenz? Offensichtlich schon. Wikileaks bringt nicht einfach Licht in die Dunkelheit, sondern Transparenz bis zum Overkill. Wie viel Transparenz dient dem Ganzen? Diese Frage stellt die Enthüllungsplattform nicht. Kaum jemand streitet ab, dass die jüngste Offenlegung von Wikileaks destruktiven Charakter hatte. Und zwar deshalb, weil die Beziehungen und die Zusammenarbeit einzelner Staaten wahrscheinlich unbelasteter wären, wenn nicht alle persönlichen Äusserungen der jeweiligen Diplomaten und Geheimdienste öffentlich geworden wären. Das Vertrauensverhältnis war nicht vorhanden, damit solche Patzer und Fehler hätten aufgearbeitet werden können. Es ist zu erwarten, dass die Offenlegungen die Zusammenarbeit der Staaten erschweren wird. Bei der Transparenz müssen wir Menschen uns überlegen, was eine Offenlegung beim anderen auslöst. Wenn ein Gegenüber durch ein Geständnis stark emotional bewegt wird, muss es in einem vertrauten Rahmen geschehen. Insbesondere dann, wenn solche Offenlegungen einzelne Personen kritisch oder abschätzig darstellen. Wenn in solchen Situationen jedoch die Öffentlichkeit gesucht wird, verschärft sich meistens die Situation, und ein Konflikt kann überborden. Fürs persönliche Leben lerne ich zwei Dinge aus der jüngsten Enthüllungsgeschichte. Erstens hilft die Frage: Dient es zum Guten, wenn ich diese Sache ans Licht bringe? Und zweitens: Wie kann ich einen Rahmen des Vertrauens schaffen, der dem anderen hilft, mit einer schwierigen Sache umzugehen, wenn sie ans Licht kommt? In aller Regel geschieht dies nicht in der Weltöffentlichkeit, sondern im kleinen Rahmen, der das Gegenüber nicht blossstellt. Wikileaks lässt sich also nicht einfach im persönlichen Leben anwenden. Dies ist insbesondere für die Vorweihnachtszeit von Bedeutung. «Mache dich auf und werde Licht!» kann also auch bedeuten, meinen Mitmenschen zu schützen und ihm die nötige Wärme zu geben, bevor ich ihn mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiere.

Rassistische Christen

Am Kongress der «Lausanner Bewegung» in Kapstadt hat mich ein Referat sehr nachdenklich gestimmt. Ein Mitglied der Kommission für Einheit und Versöhnung in Ruanda sprach über die jüngere Geschichte des Landes. Er berichtete davon, dass sich vor dem Genozid um 1994 90% der Bevölkerung als Christen bezeichneten. Diese Tatsache konnte nicht verhindern, dass Brüder und Schwestern sich bis aufs Blut bekämpften. Wieso? Die Kommission stiess bei der Versöhnungsarbeit auf vier Faktoren. Die Christen kannten die Bibel nur durch Auswendiglernen. Sie wendeten das Evangelium nicht im Alltag an und wurden nicht sozial-diakonisch tätig. Schliesslich gaben ausländische Missionare ein schlechtes Vorbild ab, indem sie nicht lebten, was sie predigten. Sofort dachte ich an meine Heimat, wo immer noch über 80% der Bevölkerung einer Kirche angehören (BE) und überlegte: Wie steht es um unseren Umgang mit der Bibel? Nicht nur im säkularen Umfeld, sondern bis tief in unsere Kirchen herrscht ein erschreckender Bibelanalphabetismus. Und wie steht es um unsere Anwendung des Evangeliums? Ich musste an unsere einsamen Kranken und Alten denken, an ausgegrenzte Fremde und an getötete Ungeborene. Wie steht es um unsere Vorbilder? Mir kamen die Mächtigen und Reichen in den Sinn: 21 Milliarden Franken betraegt die Summe, um welche das Vermögen der 300 reichsten Schweizer in einem Jahr gestiegen ist. Das alleine ist nicht verwerflich. Dass einige unter ihnen aber mit dem Wegzug drohen, wenn die Steuern steigen, statt sich wie andere auf ihre soziale Verantwortung zu konzentrieren, ist sehr stossend. Und unsere Fussballgötter werden von korrupten Funktionären dirigiert, welche die WM in Länder wie Russland und Katar vergeben, wo die Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Zeichne ich zu schwarz? Ich will nicht den Teufel an die Wand malen. Aber genau jener streut uns immer wieder Sand in die Augen, und wir müssen uns fragen: Wie kann ich das Miteinander von Menschen aus unterschiedlichen Nationen und Kulturen fördern? Denn Christsein heisst nicht Schweizer-Sein, sondern Botschafter der Liebe Gottes allen Menschen gegenüber.

Samstag, 13. November 2010

Kirche wird zum Grab

In Zeitungen ist zu lesen: „Während der Sonntagabend-Messe haben Bewaffnete eine Kirche in der irakischen Hauptstadt gestürmt und rund 120 Geiseln genommen. Als eine Elitetruppe sie befreien will, zünden die Terroristen ihre Granaten und Sprengstoffgürtel. Mindestens 58 Geiseln und Sicherheitskräfte sterben.“ Eine tragische Meldung der letzten Tage unter vielen? Nicht für mich. Letzte Woche wurde ich von einer irakischen Familie eingeladen, die zu ebendieser Kirche – der assyrisch-katholischen - gehörte, bevor sie in der Schweiz Asyl bekam. Wer weiss, was mit ihnen wäre, wenn sie sich nicht für die Flucht in die Schweiz entschieden hätte. Diese Nachricht aus Bagdad wird plötzlich lebendig, unmittelbar und bewegend. Es ist nur eines von unzähligen Beispielen rund um die Welt, in welchen Menschen - nur weil sie Christen sind – umgebracht werden. Aus erster Hand erfahre ich, was es bedeutet in Bagdad heute als Christ zu leben: „Wir waren Aussenseiter in unserem Quartier. Alle anderen Familien waren Muslime und nannten uns immer nur ‚die Christen’.“ Wenn es dunkel wurde, wagten sie sich nicht mehr auf die Strasse. Auf dem Markt erfahren sie Benachteiligungen. Und schliesslich entkommt der älteste Sohn nur knapp einem Kidnapping-Versuch durch Schiiten. Das ist denn schliesslich auch der Tropfen, der das Fass für die Familie zum Überlaufen bringt. Sie entscheiden sich, ihre Heimat zu verlassen. Eine Fahrt ins Ungewisse ist es, ohne ein klares Ziel vor Augen zu haben. Aber einfach nicht mehr dort bleiben, wo das eigene Leben bedroht ist, weil man den christlichen Glauben lebt. Ich bin bewegt, wie ich vom Schicksal dieser Familie höre und lese die Meldungen über den Irak seither anders. Weltweit gibt es leider viele ähnliche Tragödien. Etwa 100 Millionen Christen in über 50 Ländern werden wegen ihres Glaubens von Misshandlungen, Gefängnis oder Tod bedroht. 80 Prozent der Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen und gehören damit der grössten Weltreligion an. An diesem Wochenende begehen etliche Kirchen den „Sonntag der verfolgten Kirche“. Sie informieren über die Situationen in verschiedenen Ländern und beten für die verfolgten Glaubensgeschwister. Wenn Sie dies auch tun möchten, finden Sie hier Hilfestellungen dazu: www.verfolgung.ch Ich bin überzeugt, danach werden auch Sie die Zeitung anders lesen!

Dienstag, 2. November 2010

Lösungen aus der Mitte

Allen Kandidierenden für den Thuner Gemeinderat wurden – mit Ausnahme der letzten – dieselben Fragen gestellt.

Warum soll das Volk gerade Sie wählen, was qualifiziert Sie für dieses Amt?
Ich bringe politische Erfahrung als Grossrat mit und kenne das Bildungs- und das Sozialwesen als Lehrer und Pfarrer aus nächster Nähe. In der kantonalen Justizkommission und in kirchlichen Gremien habe ich zudem Führungserfahrung gesammelt.

Wofür würden Sie sich nach Ihrer Wahl in den Gemeinderat zuerst einsetzen?
Für ein funktionierendes Sozialwesen im Einklang mit gesunden Stadtfinanzen.

Wo würden Sie investieren?
ÖV und Langsamverkehr. Das Verkehrsproblem ist noch nicht gelöst.

Wo würden Sie den Sparstift ansetzen?
Zuerst gilt es, zweckmässig und schlicht zu bauen. Dann würde ich bei gewissen Kulturprojekten sparen. Kulturschaffende finden auch in der Wirtschaft und bei Privaten Sponsoren.

Woran krankt Thuns Politik?
Am gleichen wie die kantonale und nationale Politik: Die politischen Blöcke links und rechts blockieren. Es braucht Lösungsorientierung aus der Mitte, keine unrealistischen und populistischen Initiativen.

Was bringt Sie zum Jubeln?
Schöner Fussball und Fortschritte meiner Kinder in ihrer Entwicklung.

Wer ist für Sie Thunerin oder Thuner des Jahres 2010?
Alle, die täglich zu einer Zeit aufstehen, wo ich noch tief schlafe: Der Zeitungsverträger, der Bäcker, der Buschauffeur, Spitalangestellte etc…

Welchen Thuner möchten Sie auf den Mond schiessen?
Unverantwortliche Verkehrsteilnehmer, die mit massiv überhöhtem Tempo durch Wohn- oder Schulquartiere rasen.

Welchen Traum möchten Sie verwirklichen?
Ich bin ein unverbesserlicher Weltverbesserer, deshalb träume ich davon, dass unsere Generation Kinder prägt, die nicht nur an sich selber denken, sondern ihr Leben für andere einsetzen.

Schlussfrage: Sie erzielten bei den Regierungsratswahlen ein gutes Resultat. War das bloss ein Testlauf für die Thuner Exekutive?
Nein. Wie ich im Frühling bereit war, in der Kantonsregierung Verantwortung zu übernehmen, so habe ich auch jetzt das Ziel, Gemeinderat zu werden. (Thuner Tagblatt)

Donnerstag, 14. Oktober 2010

THE OLD PASTOR

While watching television on Sunday, I watched a church in Atlanta honoring one of its senior pastors who had been retired many years. He was 92 years old and I wondered why the church even bothered to ask the old gentleman to preach at that age.

After a warm introduction of this speaker, he rose from his high back chair and walked slowly, with great effort and a sliding gait to the podium. Without a note or written paper of any kind, he placed both hands on the pulpit to steady himself and then quietly and slowly he began to speak.

"When I was asked to come here today and talk to you, your pastor asked me to tell you what was the greatest lesson ever learned in my 50-odd years of preaching. I thought about it for a few days and boiled it down to just one thing that made the most difference in my life and sustained me through all my trials. The one thing that I could always rely on when tears and heartbreak and pain and fear and sorrow paralyzed me, the only thing that would comfort was this verse:

"Jesus loves me this I know.
For the Bible tells me so.
Little ones to Him belong,
We are weak but He is strong.
Yes, Jesus loves me.
The Bible tells me so."

When he finished, the church was quiet. You actually could hear his footsteps as he shuffled back to his chair.

A pastor once stated, "I always noticed that it was the adults who chose the children's hymn 'Jesus Loves Me' during a hymn sing, and it was the adults who sang the loudest because I could see they knew it the best."

author unknown

Montag, 11. Oktober 2010

Sei keine Ziege!


Gegen Ende des Matthäusevangeliums wird eine Rede von Jesus zitiert, die mich immer wieder sehr bewegt und beunruhigt. Jesus sagt dort zu den Anwesenden, dass er selber am Ende der Zeiten alle Menschen der Erde in zwei Gruppen teilen werde, so wie ein Hirte Schafe von Ziegen trenne. Und zu den „Schafen“ werde er sagen: "Kommt her, ihr seid von meinem Vater gesegnet! … Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war ein Fremder, und ihr habt mich aufgenommen; ich hatte nichts anzuziehen, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt euch um mich gekümmert; ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht." Daraufhin werden die Angesprochenen fragen: Wann war denn das? Wir können uns nicht erinnern. Die Antwort Jesu: "Ich sage euch: Was immer ihr für einen meiner Brüder getan habt – und wäre er noch so gering geachtet gewesen–, das habt ihr für mich getan."

Dann wird er sich an jene auf der anderen Seite wenden – im Gleichnis die Ziegen - und sagen: "Geht weg von mir, ihr seid verflucht!", und wird dann in Negativform aufzählen, was sie ihm nicht getan haben. Die Betroffenen fragen wiederum: Wann soll das geschehen sein? Und die Antwort Jesu: "Ich sage euch: Was immer ihr an einem meiner Brüder zu tun versäumt habt – und wäre er noch so gering geachtet gewesen –, das habt ihr mir gegenüber versäumt."

Es ist die Zuspitzung der Nächstenliebe par Exellence, was dieses Gleichnis ausdrückt. Und Jesus weist zudem darauf hin, dass unser Verhalten gegenüber den Schwächsten auf dieser Erde Konsequenzen vor Gott haben werde. Sind das nicht krasse Worte? Ja, und zugleich - wenn da ein gerechter Gott ist, wird er auch von seinen Geschöpfen Gerechtigkeit fordern.

Am Sonntag dem 10.10.10 werden weltweit christliche Kirchen mit dem „StopArmut-Sonntag“ an jene Milliarde Menschen denken, die auf unserem Globus in Armut leben. Sie haben weniger als einen Dollar pro Tag um zu leben. Das endzeitliche Gleichnis Jesu wird in unserer Zeit umso herausfordernder, weil wir in einer globalisierten und mobilen Welt täglich unzählige Nöte von überall mitbekommen. Wie können wir da dem Anspruch Jesu noch gerecht werden? Wie können wir all der Not in geforderter Weise begegnen? Sind wir nicht schlicht überfordert, noch wenn wir denn möchten?

Gott kennt uns. Er hat uns gemacht und weiss um unsere Möglichkeiten und Grenzen. Er sieht das Herz des einzelnen Menschen an. Und wenn wir im Herzen den Entschluss gefasst haben, dass es uns nicht egal ist, wie es anderen Menschen zum Beispiel auf der Südhalbkugel geht, dann werden wir dem Notleidenden und Schwachen grundsätzlich anders begegnen. Und ganz sicher ist es eine Hilfe, wenn wir das zu Herzen nehmen, was Jesus in diesem Gleichnis sagt: Wenn wir einem Menschen in seiner Schwachheit helfen, so ist es, als ob wir Gott begegnen. In diesem Sinne: Sei keine Ziege, sondern ein Schaf und höre auf die Stimme des Hirten, so begegnest du ihm in deinem Nächsten!

erschienen in Thuner Tagblatt, Berner Oberländer vom 9. Okt. 2010

Mittwoch, 6. Oktober 2010

«Die weltweite Armut hat mich zornig gemacht»

Marc Jost zu seinem Engagement bei «Interaction» und zur wirkungsvollen Entwicklungshilfe

Weltweit hungern eine Milliarde Menschen. Als neuer Geschäftsführer des Hilfswerkverbandes «Interaction» möchte der Thuner Pfarrer und Grossrat Marc Jost gerade Politikern den Ernst der Lage bewusst machen. Aber auch den vielen Mitchristen. Und er möchte aufzeigen, welche Hilfe effektiv Wirkung erzielt.

VON: ANDREA VONLANTHEN

«Spektrum»: Als was sind Sie eigentlich geboren, als Pfarrer, als Politiker oder als Entwicklungshelfer?

Marc Jost: Die drei Ämter haben sehr vieles gemeinsam. Es geht immer um den Menschen und seine Bedürfnisse. Mir ist es ein Anliegen, dem Einzelnen ganzheitlich zu helfen. Das kann ich in der Politik kombiniert mit «Interaction» nun sehr gut tun.

Wovon hatten Sie einst mit sieben Jahren geträumt?

Ich wollte Zimmermann werden. Mit Holz gestalten, das hat mich fasziniert.

Und mit zwanzig?

Damals hat mich ein Jugendleiter ermutigt, vermehrt Führungsverantwortung zu übernehmen. Er hatte den Eindruck, Gott möchte mich für eine grössere Verantwortung vorbereiten. Darauf habe ich mich entschieden, Gott verfügbar zu sein, was mich Schritt für Schritt in neue Leitungsverantwortung geführt hat. Mein Traum ist, dort Verantwortung zu tragen, wo Gott dies möchte.

Am 1. Oktober haben Sie Ihre Stelle als Geschäftsführer bei «Interaction» angetreten. Das Evangelische Gemeinschaftswerk verliert in Thun einen begabten Prediger?

Der Abschied schmerzt schon auch. Meine Frau und ich, wir haben uns für den Wechsel entschieden, weil die Anfrage des Verbandes genau in dem Zeitpunkt kam, als wir uns fragten, ob ich noch am richtigen Ort wirke. Bill Hybels schreibt in einem Buch, dass Gott uns oft dort einsetzen möchte, wo uns eine Not am meisten drückt. Er spricht sogar davon, dass uns etwas zornig machen kann. Das ist bei mir mit der weltweiten Armut passiert.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Ihnen die Augen für die Armut öffnete?

Ein Schlüssel war unsere Zeit 2001 und 2002 als Ehepaar in Südamerika. In Peru war es die Armut der Menschen, die uns bewegte, und in Kolumbien war es das Chaos in einem total korrupten und gewaltbeherrschten Staat. Dort gingen uns die Augen auf, was für ein Privileg es ist, in der Schweiz geboren worden zu sein. Diese Erfahrung der Gnade, in einer funktionierenden Demokratie, einem Rechtsstaat und in Wohlstand leben zu dürfen, hat mich letztlich auch für die Schweiz politisiert.

Was wollen Sie nun erreichen mit «Interaction»?

Der Verband will gegen innen mit der Kampagne «StopArmut 2015» das Anliegen der Entwicklungszusammenarbeit unter den 250'000 Christen im Umfeld der Evangelischen Allianz bekannt machen und für die Milleniumsziele sensibilisieren. Gegen aussen wollen wir als christliche Hilfswerke im Rahmen der SEA mit einer Stimme bei Entscheidungsträgern lobbyieren und die Qualität unserer Arbeit bei öffentlichen Stellen transparent machen.

Wird «Interaction» zur frommen Konkurrenz von «Brot für alle» und «Fastenopfer»?

Ein Verband, der sich echt und von Herzen für die Ärmsten einsetzt, wird sich über mehr Engagement durch andere freuen und mit ihnen zusammenarbeiten!

Wir werden im Westen immer reicher - warum bekommt die Welt das Problem mit der Armut nicht in Griff?

Als Pfarrer sage ich: Das hat mit dem Herzen des Menschen zu tun. Wir haben Angst, zu kurz zu kommen und müssen uns zum Teilen überwinden, geschweige denn zum Verzichten. Als Politiker sage ich: Das Problem ist die Verbindung von Geld und politischer Macht. Reiche Interessengruppen haben mehr Mittel für Wahlkampf und entsprechend mehr politischen Einfluss, sei es national oder international. Als CEO von «Interaction» sage ich: Die Politik hat den Ernst der Lage von einer Milliarde Hungernder noch nicht erkannt. Migration und die Schwierigkeiten daraus in den Industrieländern sind nur eine direkte Konsequenz der ungerechten Verteilung der Güter.

In der Politik wird zunehmend vor fragwürdiger Entwicklungshilfe gewarnt. Viel Geld lande nur im Sumpf der Korruption...

Das ist ein ernsthaftes Problem. Gleichzeitig hat man diese Herausforderung erkannt und gepackt. Viele Hilfswerke arbeiten nicht direkt mit Regierungen zusammen, sondern mit NGOs vor Ort. Aber letztlich bleibt die Frage: Soll man Menschen keine Nothilfe leisten, bloss weil sie von einem Tyrannen regiert werden?

Woran erkennt der Spender das seriöse, unterstützungswürdige Hilfswerk?

Vorab: Kleiner und bekannter heisst nicht immer besser! Das Verhältnis von Verwaltung und konkreter Hilfeleistung nimmt zum Beispiel ab, je grösser ein Werk ist. Aber grosse Werke brauchen dafür mehr Controlling. Für den Spender sind Labels wie der Ehrenkodex der SEA oder das Gütesiegel von Zewo so oder so eine Hilfe und Gewähr für seriöse Arbeit.

Welche Hilfe erzielt Wirkung?

Ich denke an Projekte, die einen partizipativen Ansatz haben, lokal verwurzelt und ganzheitlich sind, sprich: auch Spiritualität einbeziehen. Das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe sowie das partnerschaftliche Miteinander sind zentral. Mikrokredite beispielsweise verkörpern vieles davon.

Wie lässt sich diese Wirkung kompetent prüfen?

Die Wirkung der Nothilfe ist ziemlich offensichtlich. Jeder Überlebende ist ein lebendiger Beweis der Wirkung! Aber gerade weil es um Leben und Tod geht, ist eine gute Evaluation von grosser Bedeutung. Bei der Entwicklungszusammenarbeit ist es sehr anspruchsvoll. Eine Hilfe ist gewiss die Orientierung an den Milleniums-Entwicklungszielen der UNO in Bildung, Landwirtschaft oder Gesundheit. Dann gibt es natürlich Wirkungsberichte, die den Input, den Output und die sogenannten Outcomes (mittelfristige Wirkungen) oder den Impakt (langfristige Wirkungen) messen. Die unzähligen externen Faktoren, die teilweise nicht im Einflussbereich eines Projekts liegen, machen aber eine exakte Wirkungsmessung schwierig.

Welche Hilfe tut besonders Not?

Neben der Tatsache, dass über eine Milliarde Menschen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen, ist gewiss die HIV/Aids-Problematik in Afrika eine der ganz grossen Nöte, die auch viele Kinder betrifft. 2010 wird es 20 Millionen neue Aids-Waisen geben, davon 18 Millionen in Afrika!

Was bezahlt heute der Staat und was bezahlen Private an Schweizer Entwicklungshilfe?

Der Bund setzt heute rund 0,4 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE) ein. Die privaten Spenden machen etwa 0,1 Prozent des BNE aus. Damit sind wir immer noch deutlich unter den der UNO zugesagten 0,7 Prozent, welche die öffentliche Hilfe ausmachen sollte. Immerhin hat das Parlament nun Signale in Richtung 0,5 Prozent gegeben. Das würde momentan 350 Franken pro Schweizer ausmachen.

Welches müsste das Ziel staatlicher und privater Hilfe sein?

Es muss eindeutig darum gehen, den von der Menschheit selber gemachten Missstand, dass zwar genügend Nahrung da wäre, die aber ungerecht verteilt ist, zu korrigieren. «StopArmut» und die UNO sagen: Bis 2015 soll die Armut halbiert werden. Ein sehr hohes Ziel!

Sie stehen seit vier Jahren als Grossrat mit einem Bein in der Politik. Wie haben sich die Kanzel und der politische Alltag miteinander vertragen?

Besser als ich zuvor angenommen hatte. Für mich war allerdings Parteipolitik von der Kanzel ein Tabu. Vielleicht war bei uns die ganze politische Frage fast besser geklärt als anderswo, wo sich die Pastoren zwar kein politisches Etikett angeheftet haben, aber ihre Meinung umso mehr unterschwellig einbringen. Auch Seelsorge am politischen Gegner wurde für mich nicht zum Problem. Wichtig dabei ist Transparenz, Sachlichkeit und Vertrauen.

Nun suchen Sie neben Ihrem Grossratsmandat ein neues politisches Engagement in Ihrer Stadt, indem Sie für den Gemeinderat kandidieren. Warum streben Sie gerade das Sozialressort an?

Ich habe als Pfarrer in diesem Bereich reiche Erfahrungen sammeln können. Andererseits könnte ich als Sozialvorsteher Behörden, Kirchen und private Institutionen in ihrer Zusammenarbeit fördern. Ich könnte mir aber als ehemaliger Lehrer auch das Ressort Bildung vorstellen.

Wie stehen Ihre Wahlchancen?

Sie sind intakt. Die Listenverbindung von EVP, EDU und CVP könnte bei den Proporzwahlen in die Exekutive tatsächlich ein Mandat holen. Allerdings haben neben mir drei weitere Kandidaten der christlichen Parteien Ambitionen.

Grossrat, Gemeinderat, Entwicklungshelfer, Familienvater: Keine Angst vor grösseren Zielkonflikten?

Sollte ich tatsächlich Gemeinderat werden, würde ich im Grossen Rat den Sitz in der Justizkommission aufgeben. Aber man darf nicht vergessen, dass sich Politik und Lobbyarbeit für die Ärmsten auch ein Stück weit ergänzen.

Ihre Vision für Ihr Leben?

«Keep doing your best and pray that it?s blessed. And the Lord takes care of the rest.» Was Gott in mich gelegt hat, soll möglichst wirkungsvoll anderen Menschen zu gut kommen.

Ihre Vision für die Schweiz?

Zurück zu den Wurzeln! Henry Dunants Vision mit dem Roten Kreuz sollte die Schweiz wieder ähnlich ganzheitlich erfassen wie in den Anfängen. Nicht nur unser Staatssystem darf man ruhig kopieren, auch unser Wohlstand darf anderen Ländern zu gut kommen. Und schliesslich wurde auch das Kreuz nicht zufällig als Symbol der barmherzigen Hilfe gewählt.

Worüber haben Sie jetzt bei Ihrem Abschiedsgottesdienst gepredigt?

«Das Leben ist nicht fair. Ist Gerechtigkeit bloss ein Traum?»

idea Spektrum, 2010-40

Freitag, 27. August 2010

Einsam und allein


Beinahe durch alle Generationen hindurch höre ich immer wieder den Seufzer: «Ich fühle mich oft sehr einsam!» Manchmal wird es von Senioren auch weniger direkt ausgedrückt. Sie sagen: «Wir würden so gerne wieder einmal mit... Aber es scheint niemand Zeit zu haben.» Aber auch jüngere Menschen fühlen sich isoliert und alleine. Und sie leiden daran.

Einsamkeit ist verbreitet, und dies in einer Zeit, in der alles möglich scheint. Noch nie war es technisch einfacher, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. Wieso bleiben wir trotzdem allein? Natürlich spielen verschiedene Umstände eine Rolle: die Wohnsituation des Einzelnen, der Medienkonsum und die Informationsflut, Arbeitsüberlastung oder Familienstress. Sehr oft begegne ich jedoch der Tatsache, dass der einsame Mensch gar nicht erst versucht hat, seine Einsamkeit zu durchbrechen. Stattdessen wartet er darauf, dass die Nachbarn, Verwandten oder Gemeindemitglieder mit ihm Kontakt aufnehmen und ihn einladen. Selber ist er nicht bereit, einen Schritt zu tun.

In Psalm 68,7 steht: «Den Einsamen schafft er eine Familie, die Gefangenen führt er in Freiheit und Glück; doch die Rebellen müssen zwischen kahlen Felsen wohnen.» Gott ist es ein Anliegen, dass wir in Gemeinschaft leben und nicht Gefangene unserer selbst bleiben. Und manchmal ist es tatsächlich so, dass wir unser rebellisches Herz belehren und überwinden müssen, indem wir (noch einmal) einen Schritt auf andere zu machen und die Gemeinschaft suchen. Sei es, indem wir den Zugang zu einer Kleingruppe wagen oder versuchen, verbindliche Freundschaften aufzubauen und zu pflegen. Mach doch den ersten Schritt!
idea Spektrum, 34-2010

Mittwoch, 7. Juli 2010

Der andere "Steuer-Betrug"


Ich sitze um 11 Uhr vormittags im Büro am Computer und will eine einfache Planungstabelle erstellen. Da vibriert das Handy. Aha, eine Mitteilung eines Jugendlichen. Was will er? Die Sitzung verschieben. Ich schaue im Online-Kalender nach. Und da begegnet mir ein anderer Termin und erinnert mich daran, dass ich noch einiges bereitlegen sollte. Wo habe ich das Material? Da klingelt das Telefon. Eine Mitarbeiterin teilt mir mit, dass ein Gemeindeglied im Spital liegt. Wann kann ich sie besuchen? Erneut konsultiere ich den Kalender und mache mir einen Eintrag. Da fällt mein Blick auf den Bildschirm: 12 neue Emails. Ob da etwas Dringendes gekommen ist? Tatsächlich, mit Herrn P. sollte ich telefonieren. Aber wo war ich eigentlich stecken geblieben? Ja, genau bei der Planungstabelle. Es ist halb Zwölf, ob ich es noch vor dem Mittag schaffe?
Viele technische Maschinen steuern unseren Alltag stärker als uns lieb ist. Mir wurde dies deutlich, als ich das Buch “Payback” von Frank Schirrmacher gelesen hatte. Er schreibt dort: “Der moderne Arbeitsplatz ist heute zu einem Ort äusserlicher Reglosigkeit und innerlichen Leistungssports geworden: Der durchschnittliche Bürobewohner wechselt ständig zwischen 12 verschiedenen Projekten, die er verfolgt, gerade beginnt oder noch zu Ende bringen muss.”
Ganz neue Herausforderungen ans Menschsein werden uns gestellt. Während der erste Mensch bei seiner Arbeit mit Disteln und Dornen zu kämpfen hatte, habe ich es mit Ablenkung und vermeintlichem Bedientwerden durch die Technik zu tun. Dabei riskiere ich nicht nur mein Gedächtnis, sondern stehe in der Gefahr, die Kontrolle über die Arbeit zu verlieren. Ich werde an eine Bibelstelle erinnert, wo die “Früchte des Geistes” aufgezählt werden (Gal 5,22). Die letzte lautet: Selbstbeherrschung. Sie ist aktueller denn je. Wer steuert mich? Bin ich es? Ist es mein Labtop oder mein i-Phone? Oder hat Gottes Geist Einfluss auf meine Entscheidungen? Eine praktische Hilfe für meine Selbstbeherrschung ist der folgende Tipp: Vor 11 und nach 23 Uhr kein Internet.

Montag, 28. Juni 2010

Gib mehr als du nimmst!


Ein Berufskollege steht auf dem Friedhof und hält die Grabrede. Um ihn herum ist einzig der Sarg mit dem Toten und die Bestatter. Die Grabrede hält er zu sich selber. Es herrscht gähnende Leere. Eine sonderbare Situation, weshalb kam niemand zur Trauerfeier? In Gesprächen mit Angehörigen findet der Pfarrer heraus, dass der Tote ein Mensch war, der fast ausschliesslich auf seine eigenen Bedürfnisse bedacht war und der, je älter er wurde, umso verbitterter gewesen war. So wie er gelebt hatte, war er auch gestorben: alleine mit sich selber.
Bei einer anderen Beerdigung platzte die Kapelle aus allen Nähten, und man trat ratlos an den Pfarrer heran, was man mit den vielen weiteren Trauergästen nun tun solle. Auch am Grab war schlicht zu wenig Platz für alle, die von dem Verstorbenen Abschied nehmen wollten. Was war hier anders? Rückblickend auf das Leben der Person konnte man feststellen: All die Menschen waren nicht erschienen, weil der Verstorbene viel von der Welt nehmen wollte, sondern weil er so viel gegeben hatte. Was ihm anvertraut wurde, gab er anderen Menschen weiter. Er investierte seine Gaben und beschenkte andere. Aus Dankbarkeit und in guter Erinnerungen an diese Grosszügigkeit kamen die Menschen zur Trauerfeier.
“Geben ist seliger als nehmen.” So zitiert Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, Jesus im 20. Kapitel. “Selig”, was bedeutet das - über die Anzahl der Besucher meiner Beerdigung hinaus? Lukas verwendet dasselbe Wort, das Jesus in der Bergpredigt bei den Seligpreisungen gebraucht. Und verschiedene Bibelübersetzungen reden dort von “gesegnet” oder “glücklich” ist, wer dies oder jenes tut... Also kurz und fromm: “Wer viel gibt, wird reich gesegnet.” Oder etwas volkstümlicher: “Wer mehr gibt, als er nimmt, lebt glücklicher.”
Ein Soziologe wollte dieser These auf den Grund gehen und machte Umfragen. Über 200 alte Menschen, die andere als glücklich bezeichneten, hat er interviewt um herauszufinden, was es denn sein könnte, das ihr Leben erfüllt. Und siehe da! Ein Element, das immer wieder vorkam, war das grosszügige Geben: “Als wir den Menschen zuhörten, die andere uns als glücklich und weise beschrieben hatten, wurde uns bewusst, dass der, der am meisten gibt, das grösste Mass an Freude erntet.”
“Gib mehr als du nimmst”, ist demnach tatsächlich eine verheissungsvolle Aufforderung. Interessant wäre es bestimmt, einen Ökonomen zu fragen, was er über dieses Prinzip denkt. Wäre das Bibelzitat “Geben ist seliger als nehmen” vielleicht sogar etwas für die Finanzwelt? Es ist jedenfalls erstaunlich, dass viele Menschen sagen, dass sie reich beschenkt werden, wenn sie grosszügig weitergeben.
Nun ist es ja gut und recht, dass wir selber glücklich werden möchten und dass wir uns dem entsprechend anspornen viel weiterzugeben. Gleichzeitig ist es immer wieder schön zu sehen, wie sich der Beschenkte oder die Empfängerin selbst über eine Gabe freut. Es geht also nicht nur um die Anzahl der Besucher auf meiner Beerdigung, sondern auch darum, dass mein Mitmensch gesegnet wird.

Donnerstag, 10. Juni 2010

Ein alter Zopf?

In den letzten zehn Jahren wurde das Anliegen der Diakonie und der sozialen Verantwortung in der evangelikalen Kirchenlandschaft immer wieder zum Thema gemacht und gefördert. Und dies zu Recht! Nach wie vor leben zu viele Christen mit einer dualen Weltsicht: Wir sind die gesandten Evangelisten und machen Heiden zu Christen. Das ist unser wichtigster Dienst in dieser Welt. Die anderen, die säkularisierten und areligiösen Zeitgenossen können sich um die irdischen Dinge kümmern: um Sozialarbeit, Bildung und generell um das Gemeinwohl in öffentlichen Ämtern.

Dass mit der Trennung und Priorisierung dieser beiden Aufträge je länger desto mehr Schluss gemacht wird, ist höchste Zeit. Dass jedoch erst in relativ junger Vergangenheit die Mission Jesu wieder ganzheitlicher gesehen wird, überrascht mich. Denn seit meinem Geburtsjahr ist mit der «Lausanner Verpflichtung» vor 36 Jahren auch für die weltweite «evangelische Gemeinde» festgehalten: «Missachtung der Menschenwürde, Ausbeutung und die weltweiten sozialen Missstände» müssen angeprangert werden. Ein Dauerthema seit über einer Generation könnte man meinen. Leider nein.

Offensichtlich ist es so, wie ich vor Kurzem Dominik Klenk, den Leiter der «Offensive junger Christen» (OJC) sagen hörte: «Ein Leitbild auf dem Papier nützt nichts, es muss ‹inkarniert›
werden. Diakonie ist zwar ein alter Zopf und besteht nicht erst seit 1974, sondern mindestens seit Mose und Gottes Anweisungen an sein Volk. Dieser alte Zopf muss nicht abgeschnitten, sondern viel eher entflochten und entfaltet werden. Denn erst wenn Diakonie ‹Fleisch wird›, kommt das Evangelium zur Geltung.»

Samstag, 5. Juni 2010

Mein Tagebuch


Seit etwa sieben Jahren führe ich ein Tagebuch. Genau genommen ist es kein Tagebuch, ich schreibe da nämlich nicht täglich hinein. Ich schreibe am Morgen dann und wann mal meine Gedanken hinein. Es kann vorkommen, dass dies einige Tage hintereinander geschieht. Es kam aber auch schon vor, dass ich einen Monat lang keinen Eintrag machte. Das Tagebuch ist für mich eigentlich ein Gebetsbuch. Es sind meine Gedanken an Gott, meine Gefühle, die ich vor Ihm in Worten ausdrücken will. Ich versuche Erfahrungen aufzuschreiben, die mich dankbar machen. Ich notiere Erlebnisse, wo ich Gottes Eingreifen erlebt habe. Und ich schreibe Sorgen, Fragen und Nöte auf, die mich umtreiben. Auf dem Buchdeckel habe ich geschrieben: «Wenn du Gott bist, bitte öffnen!» Ich denke, dass bisher niemand, mein Zwiegespräch mit Gott mitverfolgt oder gelesen hat. Weshalb schreibe ich denn alles auf? Im Grunde genommen ist es eine durch und durch selbstbezogene Sache, die mir selber gut tut. Beim Schreiben komme ich zur Ruhe. Ich ordne meine Gedanken und finde oftmals Frieden für meine Seele, die hin und wieder richtig aufgewühlt ist. Dann wieder hatte ich irgendwann eine Frage oder ein Gedanke für kommende Zeiten notiert, und ich werde ermutigt durch die Tatsache, dass sich eine Antwort ergeben oder eine eingeschlagene Richtung bestätigt hat. Es kommt auch vor, dass ich eine Frage oder ein Anliegen immer wieder notiere. Ich denke nicht, dass dies ein Problem für Gott ist. Vielmehr zeigt es mir, wo ich anscheinend selber ein Problem habe. Manches löst sich plötzlich und verschwindet. Anderes bleibt unbeantwortet und begleitet mich weiterhin ungelöst. So oder so möchte ich aber dieses Tagebuch und die Zeiten des Schreibens und Lesens nicht missen. Gerade durch dieses Buch wurden für mich die folgenden Psalmworte sehr nachvollziehbar: «Still und ruhig ist mein Herz, so wie ein sattes Kind im Arm der Mutter - still wie ein solches Kind bin ich geworden.» Psalm 131,2

Montag, 10. Mai 2010

Mutter aller Mütter

Auf den ersten Seiten der «Heiligen Schriften» des Alten Testaments begegnen wir der ersten Mutter der Menschheit: Eva, ihr Name bedeutet die Leben Spendende. Man könnte auch sagen, sie ist die Mutter aller Mütter. Von ihr können Mütter – aber nicht nur sie – viel lernen. Schon im ersten Schöpfungsbericht der Bibel kommt sie vor: «Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, er schuf Mann und Frau.» Frauen waren also von Beginn weg nicht zweite Wahl (!). Im Gegenteil, der Mensch entspricht laut der Bibel dann am meisten dem Bilde seines Schöpfers, wenn Mann und Frau zusammen sind und eine Einheit bilden. Nur dann kann die Frau auch zur Mutter werden. Im zweiten Schöpfungsbericht gleich anschliessend erfahren wir noch einige weitere Einzelheiten über Eva: Sie passt sehr gut zu ihrem Gegenüber (Adam): «Endlich jemand wie ich»! Sie gehört zu mir («Fleisch von meinem Fleisch»)! Sie ist eine Hilfe (wörtl. Rettung!), die ihrem Mann entspricht. Sie ist für den Mann der Grund, alles stehen und liegen zu lassen und mit ihr zusammen zu leben (1. Mose 2,24). Die Bezeichnung «Hilfe» für Eva wird übrigens an anderer Stelle in der Bibel für Gott selber (!) verwendet. Ehemänner und Kinder können bestimmt nachvollziehen, dass die Bibel das Handeln einer Mutter mit dem von Gott selber vergleicht. Natürlich ist da aber auch die andere Seite. Eva ist es dann auch, die sich das Leben im Paradies zusammen mit ihrem Mann verscherzt: Sie will sein wie Gott und ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Ihr Misstrauen gegenüber Gott hat schliesslich die Konsequenz, dass ihr Leben als Mutter beschwerlich wird; sei es, was die Schwangerschaft oder auch die Beziehung zum Ehemann angeht (1. Mose 3,16). Von nun an lebt die Menschheit in der harten Wirklichkeit einer unsicheren Welt. Eva trauert mit ihrem Mann dem verlorenen Paradies nach und muss damit fertig werden, in einer Welt voller Scham, Schmerz und Schelte zu leben. Nur gut, dass das EVA-ngelium auch für alle Nachkommen der Mutter aller Mütter gilt!
Berner Oberländer, 8. Mai 2010

Samstag, 10. April 2010

Werde reich!

«Das ultimative Geschenk»: Dieser Film hat mir wieder einmal vor Augen geführt, dass sich Christen um mehr Reichtum bemühen sollten. Bevor Sie jetzt weiterblättern, sollten Sie erfahren, worum es in diesem Film geht.

Ein Milliardär stirbt, und sein Erbe wird verteilt. Der Grosssohn denkt, leer auszugehen, wird dann aber überrascht. Nachdem alle übrigen bloss den Pflichtteil erhalten haben, soll er zuerst verschiedenste Aufgaben erfüllen, bevor er sein Erbe antreten darf. Der verwöhnte Snob, der noch nie arbeiten musste, lässt sich auf das Wagnis ein und wird total verändert. Er macht sich zum ersten Mal die Hände schmutzig, lernt, was es heisst, echte Freunde zu haben und wird durch die Not, der er begegnet, motiviert, in Zukunft alle seine Gaben und Geschenke für andere Menschen zu investieren. Schliesslich ist er bereit für das Zwei-Milliarden-Erbe. Er erhält das Vermögen seines Grossvaters und setzt es für eine bessere Welt ein.

Es ist richtig: Geld ist Macht und hat das Potenzial zum Götzen. Es deswegen aber grundsätzlich zu verteufeln, wäre genauso falsch, wie ihm hörig zu werden. Christen, die sowohl fachlich wie auch geistlich darauf vorbereitet werden, mit grossen Geldsummen umzugehen, sind ein Segen für die Gesellschaft. Wer wie der junge Mann im Film erkennt, dass letztlich alles ein Geschenk ist, das wir in geeigneter Weise für und an andere weitergeben sollen, hat gute Voraussetzungen, ein reicher Jüngling zu werden, der Gott gefällt. Wer zudem eingebunden ist in eine verbindliche christliche Gemeinschaft, wird langfristig auch davor bewahrt bleiben, den Reichtum eigensinnig zu missbrauchen. Wieso also nicht christliche Investment- Banker ausbilden? In diesem Sinne: Werde reich!
idea Spektrum 7.4.2010

Mittwoch, 17. März 2010

Kandidatur-Vorstellung in BZ

Die EVP schickt mit Marc Jost und Patrick Gsteiger gleich zwei Kandidaten ins Rennen. Beide möchten vorab die christlichen Werte in die Regierung tragen. Beide fänden es zudem wichtig, dass auch die politische Mitte vertreten wäre. Mit einem EVP-Regierungsrat, meint Marc Jost, könnte die Exekutive des Kantons Bern an Glaubwürdigkeit und Akzeptanz gewinnen. Denn wenn die Mitte in der Regierung abgebildet wäre, «würde das ewige Hickhack zwischen links und rechts aufhören», sagt der 36-Jährige, der sich «vom Typ her als Vermittler» bezeichnet. Jost preist sich auf seiner Homepage als Brückenbauer an. Er politisiere nach keinem Schema, bei ihm stünden Lösungen im Vordergrund, und das bedeute zuweilen halt auch, Kompromisse einzugehen. Jost sitzt seit vier Jahren für die EVP im Grossen Rat. Der dreifache Familienvater wohnt mit seiner Familie in Thun und arbeitet als Pfarrer im Evangelischen Gemeinschaftswerk. In der Politik will er sich für «finanziellen Handlungsspielraum» der Familien als «Kernzellen der Gesellschaft» einsetzen, will Anreize schaffen zum Energiesparen und die Solidarität zwischen Jung und Alt fördern.

Dienstag, 9. März 2010

Der umweltfreundliche Pfarrer aus Thun

Wenn der Thuner EVP-Grossrat Marc Jost spricht, braucht er dazu schon mal Sätze aus der Bibel für humorvolle Wortspiele.

Dass er zurzeit in Thun mit einem Elektroauto herumfährt und auf diesem Werbung für sich macht, kommentiert er so: «Ich setze mich für die Umwelt ein, weil nach uns nicht die Sintflut kommt.» Der 36-jährige Pfarrer, der beim Evangelischen Gemeinschaftswerk arbeitet und am Theologischen Seminar St. Chrischona bei Basel studiert hat, sieht kein Problem darin, als Theologe Regierungsrat zu werden. Auch dann nicht, wenn er die Polizeidirektion übernehmen müsste. Ein hart durchgreifender Pfarrer, geht das? Marc Jost findet, Gesetze seien da, um eingehalten zu werden – oder, wenn es denn nötig sei, sie zu ändern. Seine politischen Schwerpunkte allerdings liegen nicht beim Thema Sicherheit, sondern eben etwa beim Thema Umwelt. Insbesondere sind ihm Fördermassnahmen für erneuerbare Energien wichtig. Der Vater dreier Kinder macht aber auch gerne Familienpolitik. Er möchte Eltern, die Kinder fremd betreuen lassen, und Eltern, die dies selber tun, steuerlich gleichstellen. Jost ist zudem «im Moment» gegen weitere Steuersenkungen und zwar vorab, weil ihm die Bildung als ausgebildeter Primarlehrer ein wichtiges Anliegen ist. Und gute Bildung, findet Jost, dürfe etwas kosten. (gum) (Der Bund)

Dienstag, 26. Januar 2010

Mit Elektro-Power auf Wahlkampftour


Fast lautlos kurvt Regierungsratskandidat Marc Jost (EVP) über den Rathausplatz. Durch das auffällige Elektrofahrzeug hofft der 35-jährige Thuner, mit den Wählern ins Gespräch zu kommen.
Einziger Schönheitsfehler: Das Auto hat eine Zürcher Nummer. «Dass ich im Bernbiet keine Alternative fand, zeigt, dass wir umweltfreund liche Verkehrsmittel stärker fördern müssen», sagt Jost.
20min vom 26.01.2010

Mittwoch, 6. Januar 2010

Legislaturbilanz 2006-2010


Nach vier Jahren Parlamentsarbeit wurde ich von der EVP als Kandidat für den Regierungsrat nominiert. Somit laufen für mich in den nächsten drei Monaten eigentlich zwei Wahlkämpfe parallel: Einerseits kandidiere ich wieder als bisheriger Grossrat und zusätzlich neu als Regierungsmitglied.

Rückblick

Ich wurde im Jahr 2006 überraschend im Wahlkreis Thun gewählt. Die EVP gewann einen Sitz dazu, und ich konnte als zweiter Vertreter mit Walter Bieri nach Bern ziehen. In der laufenden Legislatur ist Walter Bieri zurückgetreten und an seiner Stelle ist im Wahlkreis Thun Hans Kipfer (damals Geschäftsführer Gwattzentrum) "nachgerutscht". Und so treten Hans und ich im Frühling als Bisherige an.

Arbeit in der JUKO

Über die ganze Zeit war ich aktiv in einer der ständigen Kommissionen: der Justizkommission (JUKO). Neben den ordentlichen Sitzungen arbeitete ich in zwei Ausschüssen mit und in einem Sonderausschuss. Ich bin Mitglied im Richterwahlausschuss und habe die Bewerber für alle Berner Gerichte jeweils gesehen und beurteilt. Den zweiten Ausschuss leite ich. Dabei geht es um die Aufsicht über das Verwaltungsgericht (VG). Ich leite die Aufsichtsbesuche, bestimme die Themen und Fragen und verfasse einen Bericht über die Geschäftsführung des VG. Der Sonderausschuss befasste sich mit der Reorganisation der JUKO auf Grund der Justizreform. Diese zweite Reform im Kanton Bern war das grösste Projekt der JUKO in den letzten vier Jahren. Ich fühlte mich geehrt, als mich die Kommission zum Sprecher für dieses historische Geschäft im Grossen Rat bestimmte. Momentan ist die Reform in vollem Gang. Neu entstehen 4 Gerichtsregionen im Kanton.

Persönliche Erfolge

In dieser Legislatur habe ich insgesamt 14 Vorstösse eingereicht. Davon waren 2 Interpellationen (Fragen zu Verschuldung und Informatik). Und mit 6 von 12 Motionen hatte ich im Parlament Erfolg. Es handelte sich dabei um:
  • Schuldenberatung
  • Entwicklungshilfe
  • Christliche Werte
  • Offene Software
  • Alkohol ab 18
  • Sporthallenbau in Thun
Mehr Hilfe für die Ärmsten
Für mich persönlich der bewegenste Moment in der ganzen Legislatur war die Überweisung meiner Initiative an den Bund zur Erhöhung der Entwicklungshilfe. Sie wurde mit 73:66 überwiesen. Ich hatte sehr viel Zeit, Geld und Arbeit in diesen Vorstoss investiert. Und es ist eines der Anliegen, weshalb ich in der Politik tätig bin: die weltweite Armut (momentan hungern 1'000'000'000 Menschen auf unserer Erde) zu verringern.

Schuldenberatung für alle

Ebenfalls ein schöner Erfolg waren die Vorstösse zur Schuldenberatung: "Marc Jost kämpfte erfolgreich dafür, dass alle Bernerinnen und Berner Zugang zur Schuldenberatung erhalten." schrieb die Berner Zeitung. Zudem konnte ich erreichen, dass der Kanton mit einer bestehenden Fachstelle in Thun zusammenarbeiten muss und so teure Doppelspurigkeiten vermieden werden.

Christliche Werte fördern

Grosse Freude hatte ich schliesslich auch an einem Postulat: "Grosser Rat will christlich-abendländischen Wert stärken" titelte die BZ. Das Ziel des Postulats ist: Eine bessere Umsetzung des bestehenden Lehrplans in Bezug auf den Religionsunterricht, und dass sich der Erziehungsdirektor auch im neuen Lehrplan 21 für die Vermittlung christlich-abendländischer Werte einsetzt.

Beziehungen im Grossen Rat

Von meinem Persönlichkeitstyp her verstand ich mich immer schon als Vermittler. So versuche ich mich auch in der Politik immer wieder als Brückenbauer einzubringen. Einen wichtigen Anteil daran bildet das Knüpfen von Beziehungen und das Verbinden von unterschiedlichsten Personen. Verschiedene politische Erfolge waren nur so möglich (z.B. Vorstoss Entwicklungshilfe).