Montag, 26. Oktober 2009

Urteil


Niemand erscheint gerne vor dem Richter, ausser vielleicht ein Anwalt, der davon lebt. Es ist besonders für den sehr unangenehm, der wegen eines schuldhaften Vergehens vor Gericht erscheinen muss und ein Urteil erwartet. Was im Rechtswesen normal ist, müsste eigentlich im Alltag nicht der Fall sein. Aber sehr oft werden auch in Schule, Familie, Beruf und Politik Urteile von Menschen über andere gefällt, obwohl weit und breit kein Richter ist. Sehr schnell sind wir mit einem voreiligen Urteil bereit, wenn wir von einem angeblichen Vergehen wissen oder bloss davon gehört haben. Und nicht immer sind es die Medien, die zu solchen Vorurteilen verleiten.
Es liegt in der beeinträchtigten Natur des Menschen, dass er sich nicht nur als Anwalt der Gerechtigkeit, sondern auch als Richter in Szene setzen will. Wieso geschieht dies? Vielleicht liegt es an unserem Verlangen nach Gerechtigkeit. Nach einer Miss-Handlung haben wir das Bedürfnis auf Wiedergutmachung. Ein Prinzip, das auch unserem Rechtssystem zu Grunde liegt und sinnvoll ist. Und doch lesen wir Worte Jesu in der Bergpredigt wie: "Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfliessendes Mass wird man in euren Schoss geben; denn eben mit dem Mass, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen."
Sehr herausfordernde Worte für jemanden der ungerecht behandelt wurde! Wer auf ein Urteil verzichtet und zur Vergebung bereit ist, macht sich nicht zum Richter über andere, sondern überlässt diese Rolle Gott. Das ist keine Aufforderung, unsere Rechtssprechung nicht in Anspruch zu nehmen. Aber es ist eine Herausforderung für unseren Alltag, hier und dort auf unser Recht zu verzichten. Grosszügig zu sein und auf die Verheissung zu trauen, dass uns Gott auch vergebend begegnen wird.