Dienstag, 23. Dezember 2008

Josef- Chapeau!

Von katholischer wie auch von evangelischer Seite wird viel Gutes über Maria, die Mutter von Jesus, geschrieben. Aber wie steht es eigentlich um ihren Verlobten, Josef? Dieser Nachkomme von König David ist eine eindrückliche Figur der Weihnachtsgeschichte.
Josef vernimmt wie alle anderen Bürger im Römischen Reich, dass er sich in seinem Heimatort in die Steuerliste eintragen soll. Für ihn bedeutet das gemäss "google map", einen Tag und neun Stunden Weg von Nazareth nach Bethlehem unter die Füsse zu nehmen. Und für diese 157 Kilometer gilt zudem: "Seien Sie vorsichtig! Auf dieser Route gibt es möglicherweise keine Bürgersteige oder Fusswege."
Aber das war nicht die grösste Herausforderung für den jungen Bauunternehmer: Josef war zu dieser Zeit bekanntlich mit Maria verlobt. Das hiess, dass er schon einen Teil des Brautpreises für Maria bezahlt hatte, dass die beiden öffentlich und vor Zeugen einander versprochen worden waren und dass sie sich trotz der arrangierten Partnerschaft noch nie unter vier Augen gesehen hatten.
Hätte sich eine der beiden mit einer anderen Person eingelassen, wäre dies einem Ehebruch gleichgekommen. Im mosaischen Gesetz stand für diesen Fall Todesstrafe durch Steinigung. Zur Zeit Josefs wäre von ihm zumindest verlangt worden, sich von Maria scheiden zu lassen und sie der öffentlichen Schande preiszugeben. Er hätte sie aber auch ohne grosses Aufsehen im Beisein von zwei Zeugen entlassen können. Das war es, was Josef tun wollte, als er von der Schwangerschaft seiner Verlobten erfuhr.
Dann jedoch spricht Gott in einem Traum zu ihm und teilt ihm mit, dass Gott selber das Kind durch den Heiligen Geist zeugte. Den Glaubensschritt, den Josef darauf tut, ist grösser als man denkt. Er ist der erste Mensch, der an die Jungfrauengeburt glaubt. Er bleibt Maria treu. Das hatte nicht nur sexuelle Enthaltsamkeit bis zur Geburt Jesu und die beschwerlichen Umstände in Bethlehem zur Folge, sondern auch die Flucht mit Frau und Kind nach Ägypten. Chapeau!

Samstag, 6. Dezember 2008

Nikolaus und wir Schweizer

Heute vor genau 1722 Jahren wurde in der heutigen Türkei ein Junge geboren. Er hatte ein sehr besonderes Leben. Schon in jungen Jahren ging er ins Kloster und wurde mit 19 Jahren zum Bischof geweiht. Der bis heute bekannte Abt hatte sehr reiche Eltern. Jedes Jahr werden in seinem Namen Kinder beschenkt, weil er sein ganzes Vermögen an arme Menschen gegeben hatte. Sein Mitleid und seine Barmherzigkeit liessen ihn, von seinem unverdienten Vermögen weitergeben, liessen ihn helfen und Not lindern. Was hat Sankt Nikolaus mit uns Schweizern gemeinsam?
Auch wir Schweizer sind Kinder reicher Eltern. Hand aufs Herz! was ist unser Verdienst, dass wir gerade hier geboren sind? Was konnten wir dafür tun, dass wir in einem der reichsten Länder der Erde das Licht der Welt erblickten? Die meisten von uns besuchten zwar keine Klosterschule, aber unser Bildungssystem ist - PISA und Harmos hin oder her - sehr gut. Auch angesichts düsterer Aussichten der Wirtschafts- und Finanzwelt müssen wir nicht darum bangen, ob wir morgen noch genug zu essen und ein Dach über dem Kopf haben.
Der Wohlstand von Sankt Nikolaus bewegte ihn zum Weitergeben und Helfen. Und während vieler Jahre war dies auch die Tradition der Schweiz: Das Rote Kreuz, viele Hilfswerke und auch die öffentliche Hilfe zeigen dies. Nun aber scheint diese Tradition der Solidarität plötzlich ins Stocken zu geraten. Nur sehr zögerlich lässt sich das Bundesparlament bewegen mit mehr Hilfe, die weltweite Armut zu bekämpfen. Aber immerhin hat Nikolaus dieses Jahr mehr zu loben als auch schon. Hat sich doch endlich auch der Nationalrat durchgerungen, 0,5 Prozent des Volkseinkommens ins Auge zu fassen. Noch wird Sankt Nikolaus jedoch mit uns Arbeit haben, denn wir sind noch weit entfernt von den versprochenen 0,7 Prozent, die der Bundesrat vor der UNO zur Halbierung der weltweiten Armut zugesagt hat.

Freitag, 7. November 2008

Was ist ein Märtyrer?

Wenn man heute auf der Strasse fragt: Was ist ein Märtyrer? Dann wird man hauptsächlich zur Antwort erhalten: Das ist ein islamischer Selbstmordattentäter, der glaubt, im Auftrag Gottes sein Leben als Waffe gegen Menschen anderen Glaubens einsetzen zu müssen. Fragt man aber, was das Wort ursprünglich bedeutete, bekommt man ein ganz anderes Bild des Märtyrers.

Lange bevor dem radikalen Islam solche Mörder entsprangen, sprach Jesus von Nazareth von einer ganz anderen Art des Martyriums. Er sagte zu seinen Freunden: „Ihr werdet meine Zeugen sein.“ Also: Ihr werdet mit eurem Leben davon zeugen, was ihr mit mir erlebt habt. Ihr werdet bezeugen, dass ich euer Leben erneuert habe, euch Sinn und Ziel gegeben habe: Den Sinn, das eigene Leben im Dienst für Gott und damit für die Mitmenschen einzusetzen und nicht gegen sie.

Ein eindrückliches Beispiel, wie ein Freund Jesu das verstanden hat, ist das Zeugnis von Stephanus. Er ist einer der Männer, die in der ersten christlichen Gemeinschaft dazu eingesetzt wurden, sich speziell der armen Menschen anzunehmen. Er war so etwas wie der erste Sozialarbeiter. Nun könnte man meinen, mit diesem Auftrag für die Witwen und Waisen sollte man keinem Menschen zum Ärgernis werden. Dem war aber nicht so. Weil Stephanus auch offen bezeugte, weshalb er sich der armen Menschen mit so grosser Liebe annahm - nämlich weil er dies im Namen von Jesus Christus tat - geriet er in die Schussbahn der religiösen Gesetzeshüter. Sie warfen ihm Gotteslästerung vor. Und weil Stephanus sich nicht davon abbringen liess, seine Arbeit im Namen von Jesus Christus zu tun, seinem Herr und Erlöser, steinigten seine Ankläger ihn kurzerhand. Damit wurde Stephanus zu einem der ersten Märtyrer im ursprünglichen Sinn. Er starb, weil er nicht von seinem Glauben an Jesus Christus ablassen wollte. Leider wird diese Art des Märtyriums weltweit auch immer häufiger. Beten Sie für die 200 Mio. bedrohten Nachfolger Jesu!

erschienen in Sonntagsblatt BeO, 7.11.08

Montag, 27. Oktober 2008

Ich habe Angst...

Auch wenn es mir als erwerbstätiger Schweizer, als sportlicher Familienvater oder ganz einfach als Individuum gut geht, kann ich es nicht vermeiden, dass ich manchmal Angst habe. Ich bin mir bewusst: Angst ist meistens ein schlechter Ratgeber. Angst kann lähmen. Und als Christ bin ich angehalten meine Ängste bei Gott abzulegen.
Und trotzdem, die kommenden Zeiten haben es in sich! Meine Gesundheit ist auf diesem Planeten je länger je mehr durch umweltschädigende Einflüsse in Gefahr: CO
2 ist da bloss ein Phänomen unter vielen. Die Lebensmittelpreise steigen für mich, aber vor allem für Menschen in weniger privilegierten Ländern. Dieser weltweite Hunger von einer Milliarde Menschen ist nicht nur ein Skandal, sondern birgt ein Gewaltpotenzial in sich, das sich auch in meiner Heimat entladen kann. Und auch um die Energieressourcen könnten Konflikte entstehen. Meine tägliche Energie droht plötzlich nicht mehr bereitgestellt zu werden. Muss ich bald mit einem Stromkontingent rechnen? Ja, sogar das Wasser soll bald knapper werden.
Und jetzt auch noch die Bankenkrise! In einem der reichsten und sichersten Länder muss ich mich plötzlich um meinen Wohlstand fürchten. Werde ich als alter Mensch noch auf irgendeine Vorsorge-Versicherung zurückgreifen können?
Natürlich, versuche ich mich zu beruhigen: Ich kann doch verzichten auf etwas Wohlstand, auf etwas Energie, auf etwas Wasser. Aber was, wenn es plötzlich hier zu gewälttätigen Konflikten im grösseren Ausmass kommt? Was, wenn ich zudem als Christ wegen meines Glaubens schikaniert und benachteiligt werde?

Jesus sagt mir: "Fürchte dich nicht! Ich bin mit dir bis zum Ende." Ich will ihm vertrauen!

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Werdet wie die...



Sie sind die Zukunft. Sie machen unendlich Freude und bieten uns gleichzeitig immense Herausforderungen. Sie sind äusserst wertvoll und zugleich ein Armutsrisiko in der Schweiz. Manche kommen unerwünscht, andere kommen gar nicht, obwohl man sie sich wünscht.
Kinder sind auf jeden Fall etwas Besonderes, vielleicht schon deshalb, weil wir alle es einmal waren. Ja, wie war das eigentlich damals in der eigenen Kindheit? Empfinde ich sie heute als Hypothek oder als gute Investition? Trage ich heute eher Verletzungen oder gute Früchte davon?
Ob man sich eher nach der eigenen Kindheit sehnt oder viel mehr froh ist, dass sie vorüber ist - so oder so lässt einen die biblische Aufforderung "Werdet wie die Kinder!" aufhorchen. Was soll das? Was ist damit gemeint? Was an der Kindheit ist denn so durch und durch vorteilhaft; auch für eine erwachsene Person?
Die Aussage von Jesus folgte auf eine Frage seiner Freunde: "Wer ist in der neuen Welt Gottes der Grösste?" Das wollten sie von ihm wissen. Die Antwort Jesu:"Wenn ihr euch nicht ändert und den Kindern gleich werdet, dann könnt ihr in Gottes neue Welt überhaupt nicht hineinkommen. Wer es auf sich nimmt, vor den Menschen so klein und unbedeutend dazustehen wie dieses Kind, ist in der neuen Welt Gottes der Grösste."
Klein, hilfsbedürftig und abhängig - so vor Gott, geschweige denn vor andere Menschen zu treten ist schwierig. Und doch stellt Jesus genau dieses Bild des kleinen Geschöpfs als Vorbild vor seine Jünger. Sich klein machen und abhängig werden, ist gefährlich in einer Welt, die jede Schwäche auszunutzen scheint. Vor Gott können wir es trotz allem wagen, weil er uns als Schöpfer und guter Vater durch und durch kennt und unser Bestes will und bereit hält. Und wer erfahren hat, dass Gott die menschliche Schwäche nicht kaltblütig ausnützt, fasst Mut auch vor Menschen nicht dauernd den Grossen spielen zu müssen.
erschienen: Sonntagsblatt, Berner Oberländer 10.10.2008

Donnerstag, 2. Oktober 2008

10 cyberspace commandments

Hervorragende Idee meiner Freunde der Ev. Allianz in England:

"Ten cyberspace commandments to give bloggers a moral edge in a virtual age. The commandments are intended to cause bloggers to consider the social impact of their blogging.

1. You shall not put your blog before your integrity.

2. You shall not make an idol of your blog.

3. You shall not misuse your screen name by using your anonymity to sin.

4. Remember the Sabbath day by taking one day off a week from your blog.

5. Honour your fellow-bloggers above yourselves and do not give undue significance to their mistakes.

6. You shall not murder someone else’s honour, reputation or feelings.

7. You shall not use the web to commit or permit adultery in your mind.

8. You shall not steal another person’s content.

9. You shall not give false testimony against your fellow-blogger.

10. You shall not covet your neighbour's blog ranking. Be content with your own content."

From: http://www.eauk.org/articles/blogging-ten.cfm

Montag, 29. September 2008

HarmoS ist nicht gefährlich!

Harmos ist für viele Eltern ein Wort der Verunsicherung geworden. Weshalb? Es wird in Verbindung gebracht mit zu früher „Einschulung“ und Verlust der Kindheit. Harmos beinhaltet mehr als den Zeitpunkt des Kindergartenstarts, aber ich nehme aus Platzgründen nur zum umstrittensten Punkt Stellung.

Eigentlich ändert sich für die meisten Kinder im Kanton Bern nicht viel: Schon heute besuchen mehr als zwei Drittel der Kinder freiwillig zwei Jahre den Kindergarten. In der Regel sind sie etwa fünfjährig, wenn sie beginnen. Harmos verschiebt das Stichdatum für den Start um drei Monate nach vorne, so dass beispielsweise unser Sohn, der anfangs Jahr vierjährig wird, mit 4 ½ Jahren in den Kindergarten gehen würde. Nach bestehendem Modell könnte er im genau gleichen Alter in den Kindergarten gehen, falls wir wünschen, dass er zwei Jahre geht. Finden wir, dass es zu früh für ihn ist, geht er ein Jahr später. Was ändert sich daran nach Harmos? Nichts. Der Eintritt in den Kindergarten wird auch mit Harmos flexibel bleiben. Sowohl der Grosse Rat als auch der Regierungsrat sind für eine flexible Lösung. Wenn wir als Eltern wünschen, dass unser Kind aufgrund des Entwicklungsstandes oder des langen Schulweges ein Jahr länger zu Hause bleibt, ist das möglich. Was ändert dann wirklich? Aufgrund des neu obligatorischen zweijährigen Kindergartens verlängert sich die obligatorische Schulzeit auf 11 Jahre. Hand aufs Herz: Das ist genau dieselbe Dauer, die ich in Kindergarten und Volksschule verbracht habe; und viele Altersgenossen teilten mein „Schicksal“. Dabei habe ich nicht den Eindruck, dass mich der Staat meinen Eltern entrissen hätte, auch wenn mein Schulweg eine halbe Stunde dauerte. Ich konnte jedoch früh lernen, in der Gruppe mit Kindern umzugehen. Bis heute habe ich das nie als Nachteil angesehen.

in Wort & Wärch Oktober 2008

Freitag, 12. September 2008

Fehlerhaft führen


Mose war ein Mörder, König David ein Ehebrecher und Petrus ein Lügner. Hätte es die Boulevard-Medien schon damals gegeben, wären diese drei biblischen Führerfiguren kaum so einflussreich und erfolgreich gewesen.

Ein Bundesrat vertraut einem Mitarbeiter zu lange, entscheidet sich falsch, informiert irreführend und sofort wird von politischen Gegnern und den Medien sein Kopf gefordert. Welche Fehler kann man sich als Führungspersönlichkeit erlauben? Welchen Verantwortungspersonen schenken wir unser Vertrauen nach Fehlern wieder? Gelegenheit, über unseren Umgang mit Führung und Fehlern nachzudenken! Bill Clinton, Elisabeth Kopp oder Samuel Schmid, ihnen allen sind Fehler passiert. Ich rufe in Erinnerung, dass wir als einzelne Menschen auch Verantwortung dafür tragen, wie wir mit unseren Leitern und unserer Obrigkeit umgehen. Vor langer Zeit hat der Apostel Paulus seinem jungen Mitarbeiter Titus geschrieben: „Erinnere sie daran, dass sie der Gewalt der Obrigkeit untertan und gehorsam seien, zu allem guten Werk bereit, niemanden verleumden, nicht streiten, gütig seien, alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen.“ (Kapitel. 3,1-2) Nach Fehlern, die auch unseren Bundesräten passieren, sind die Presse, die Politik und der Stammtisch jeweils rasch mit Kritik, Gerücht und Urteil. Unsere Obrigkeit auch kritisch zu verfolgen, ist bestimmt berechtigt. Ja, von den Medien erwarten wir das sogar. Was jedoch in den letzten Wochen geschehen ist, hat nicht mehr viel mit Respekt und Zurückhaltung der Regierung gegenüber zu tun. Was die Presse druckt, wird als Tatbestand übernommen und die Öffentlichkeit fällt ihr Urteil vorschnell ohne Rücksicht auf allfällige offizielle Ergebnisse. Kein Wunder, dass unsere Minister mittlerweile auch fünf Bodyguards brauchen. Wäre das Volk vor vielen Jahren mit Mose, David und Petrus ähnlich ins Gericht gegangen, hätten wir heute wohl weder die Zehn Gebote noch das grosse diakonische Erbe.

Berner Oberländer, 12.09.08

Mittwoch, 3. September 2008

Animismus

Was haben das Freilichtmuseum Ballenberg und ein peruanisches Dschungeldorf gemeinsam? Seit unserem Pfarrer-Ausflug in die Miniatur-Schweiz im Berner Oberland weiss ich es. Hier wie dort fand ich Zeugen eines lebhaften Aberglaubens. Während in den alten Häusern - katholischer wie auch reformierter Herkunft - auf dem Ballenberg Äste, Rosshaare und Messer die bösen Geister fernhalten sollten, waren es beim peruanischen Jäger Schutzrituale mit Wurzeln, die ihn vor dem Schlangenbiss bewahren sollten.
Animismus herrschte beidseits des Atlantiks; und heute? Wie steht es eigentlich um den Glauben an magische Rituale in unserer Zeit und Kultur? Es wird schnell klar: Ob Ogis Edelsteine im Hosensack, Frau Meiers Glücksbringer um den Hals oder des Olympia-Sportlers Ritual vor dem Start, die Schweiz ist nach wie vor fasziniert von animistischen Handlungen. Aber wie ist das unter gläubigen Christen? Sind wir völlig jenseits von Freitag, dem 13. und der schwarzen Katze?
Wer in Jesus Christus seinen Herrn sieht, ist mit dem verbunden, der über allen Mächten und Ritualen steht. Christen sind nicht auf Rituale und bestimmte "Erfolgsmethoden" angewiesen. Aber auch wir sind nicht ganz gefeit vor animistischem Aberglauben. Es wird zum Beispiel dann verdächtig, wenn unser Wohlergehen davon abhängig gemacht wird, ob die eigene Wohnung gesalbt wurde, ob die Stadt mit einem Gebetsmarsch eingenommen wurde oder ob wirklich der "vollmächtige Pastor" meine Zukunft in Gottes Hand gelegt hatte. Nicht dass solche Handlungen verwerflich wären. Wichtig scheint mir aber, dass wir dem souveränen Jesus vertrauen und nicht an simple Aktionen glauben.
publiziert in idea Spektrum vom 3. Sept. 2008

Donnerstag, 12. Juni 2008

Befreit von sich selber

Freiheit ist ein Wort, das Sehnsucht weckt. Und obwohl Abraham Lincoln sagt: „Die Welt hat nie eine gute Definition für das Wort Freiheit gefunden“, meine ich: Wenn es einen Begriff gibt, mit dem wir Positives verbinden, dann ist es Freiheit: Freiheit für Unterdrückte! Freiheit für Burma! Cuba libre! Freiheit den Frauen! Free Nelson Mandela! Free Willy! Unabhängig sein, selber entscheiden können, sich frei bewegen können, keinem Zwang ausgeliefert sein, das verbinden wir gewöhnlich mit Freiheit. Selbst unsere Bundesverfassung in Artikel 10 nimmt diesen beflügelnden Begriff auf: „Jeder Mensch hat das Recht auf persönliche Freiheit.“

Albert Camus meint hingegen: „Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten.“ Damit spricht er die Verantwortung des Menschen für die Gemeinschaft an, die heute alles andere als selbstverständlich ist. Aber auch wer sich für andere engagiert, muss Matthias Claudius zur Kenntnis nehmen: „Niemand ist frei, der über sich selbst nicht Herr ist.“ Damit sagt er etwas allgemein Menschliches. Es ist das Leiden des Menschen an sich selber. Ist nicht die Sehnsucht nach Freiheit gerade auch eine Sehnsucht nach Überwindung der eigenen Grenzen? Befreit sein vom eigenen Unvermögen, wer möchte das nicht? Jesus von Nazareth sagte: "Ihr werdet die Wahrheit kennen und die Wahrheit wird euch frei machen!" Bestimmt meinte Jesus damit auch die Wahrheit über uns selbst: Unsere Freiheit braucht Leitplanken. Wir müssen manchmal von uns selber befreit werden. Oder anders gesagt vor uns selber geschützt werden. Ideal ist es, wenn wir uns freiwillig zu solchen Grenzen verpflichten. Solche Grenzen sind beispielsweise die zehn Gebote. So könnte die Definition von Oscar Wilde für die Ehe auch zu einem Vertrag zwischen Gott und Mensch werden. Er nennt die Ehe eine gegenseitige Freiheitsberaubung im beiderseitigen Einvernehmen. Für den Menschen ist eine Freiheitsberaubung durch Gott auf jeden Fall ein Gewinn!

Donnerstag, 15. Mai 2008

Ist das fair?

Es ist doch unfair, wenn die andere Mannschaft einen Spieler mehr hat! Es ist doch nicht gerecht, wenn unsere Nachbarn uns die gute Sicht verbauen! Es ist doch keine Fairness, wenn die Profis versteckt foulen! Ob bei Jugendanlässen wie am vergangenen Pfingsttreffen, ob beim Nachbarschaftsstreit vor dem Richter oder bei der bevorstehenden Fussball-EURO, immer wird Gerechtigkeit gross geschrieben. Wieso verlangen wir Menschen eigentlich immer nach Fairness?

Ungerechte Behandlung oder Benachteiligung einer Partei bedeutet immer ein Stück weit zu leiden. Und das wünschen wir weder uns selber noch den meisten Mitmenschen. Gleichzeitig erwarten wir auch, dass Vergehen bestraft oder Fehler wieder gut gemacht werden. Das gehört zu unserem Rechtsempfinden auf dem Fussballplatz wie vor dem Gericht. Und auch von Gott erwarten wir Menschen, dass er gerecht ist und fair handelt. Allerdings, was wäre ein gerechtes Handeln Gottes gegenüber uns Menschen?

Viele Missstände, die Menschen erdulden, könnte Gott ändern, aber er tut es nicht. Er wartet mit seinem richtenden Eingreifen zu und lässt vielen Menschen Zeit, überlässt uns ein Stück weit uns selber. Wann wäre denn der richtige Zeitpunkt, ins Geschehen der freien und autonomen Menschen einzugreifen? Wahrscheinlich hätte jeder Mensch seine eigene Vorstellung davon.

Gehen wir noch zu einem späteren Zeitpunkt: Wäre es gerecht, wenn Gott am Ende der Tage jeden Menschen gleich behandeln würde und Gutes und Schlechtes des Einzelnen ignorieren würde? Bestimmt nicht. Was dann? Ein gerechter Gott wird jeden Menschen gemäss seinem persönlichen Lebenswandel belohnen oder bestrafen. Es sei denn, es gehe ein Begnadigungsgesuch ein und durchkreuze die ganze göttliche Fairness. Ist es also fair, wenn Jesus Christus für die Menschen eintritt, die ihn um Vergebung baten und Gott all deren Vergehen nicht ahndet, weil Jesus schon dafür gebüsst hat? Fair ist es nicht, aber eine Gnade, die sich jeder wünscht und die man jedem wünscht.

Kolumne "Zum Sonntag" im BeO vom 17. Mai 2008

Mittwoch, 7. Mai 2008

Authentizität

In einem Redaktionsteam bewegen wir die Frage: Was genau bedeutet Authentizität? Ist es ein durchwegs positiver, idealer Begriff oder hat Authentizität ihre Grenzen? Gibt es ein zu viel an Authentizität?

Hier meine erste These, die hoffentlich auf rege Diskussion stösst:

Die Authentizität einer Person ist eine Echtheit, die als glaubwürdig, stimmig und zuverlässig erscheint.

Freitag, 2. Mai 2008

Diebstahl?

War es Diebstahl oder einfach Nachlässigkeit? Da soll ein millionenschweres Bild von Ferdiand Hodler in Bern ausgestellt werden und nach zwei Jahren stellt die Eigentümerin fest, dass sie gar nicht weiss, wo ihr Bild ist. Diebstahl? Gleichgültige Gelassenheit? Manch einer wünschte sich, es käme für ihn nicht so sehr darauf an, wo seine Millionen gerade stecken.

Mich erinnert dieses aktuelle Geschehen an ein Bild, das Jesus verwendet hat. Jesus vergleicht seine Wiederkunft mit einem Diebstahl: Man weiss weder die Nacht noch die Stunde, in welcher ein Dieb einbrechen wird.

Jesus braucht dieses Bild damals im Zusammenhang mit unserem Vermögen. Wie haushalten wir als Christen? Investiere ich meine Kräfte und meinen Besitz in die richtigen und wichtigen Dinge? Welches Gefühl hätte ich, wenn Jesus heute wieder kommen würde? Hätte ich das Gefühl, mir würde Zeit, Freude oder eine wertvolle Erfahrung vorenthalten? Oder wäre ich glücklich und würde sagen: „Endlich, ich habe mich so sehr auf diesen Moment gefreut?“

Ein Dozent am theologischen Seminar hat einmal gesagt: „Es gibt zwei Haltungen dazu: jene der Menschen, die mit Sehnsucht auf die Wiederkunft warten und jene der Christen, die kurz vor ihrer Heirat stehen.“

Warten Sie auf eine Hoch-Zeit oder sind Sie bereit für Jesu Kommen? Wie würde Jesus Sie antreffen? Ist es gut so, wie er Sie antreffen würde? Ist es gut so, wo er Sie unterbrechen würde? Wenn uns irgendetwas komisch vorkommen sollte, beim Gedanken daran, dass Jesus uns dabei unterbrechen würde, sollten wir die Prioritäten und Gewohnheiten überdenken und anpassen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie wie Corrie ten Boom sagen können: „Das Beste kommt noch!“

erschienen in idea Spektrum am 29. April 2008

Freitag, 18. April 2008

Leben in der Fremde

Letzten Montag durfte (auch) ich eine Kinderwoche mit rund 50 Kids starten. Im Gwattzentrum verfolgten wir mit den Kindern das Leben des biblischen Daniel. Er wurde als Teenager aus der Heimat gerissen und an einem fremden Königshof ausgebildet. Headhunter aus Babylon suchten junge Männer der jüdischen Elite aus, die gebildet, vornehm und attraktiv als potenzielle Führungskräfte galten, um das Reich und die Macht des babylonischen Herrschers zu verstärken. Daniel war einer dieser gefragten Männer. Und mit ihm teilen viele gottesfürchtige Menschen heute die Frage: Wie leben in einem Land, das sich von Gott losgesagt hat?

Daniel stiess auf viele Widersprüche, die seinem Glauben und seinen Überzeugungen widersprachen. Das begann beim fremden Essen, ging weiter über verbreitete Astrologie und Magie und endete in der praktizierten Verleumdung und dem Machtmissbrauch. In all diesen Spannungen hatte Gott seine Pläne mit Daniel und seinen Freunden. Wie kam es, dass Daniel in diesem Umfeld seinen Prinzipien und Werten treu bleiben konnte? Ein Grund mag der sein, dass er sich regelmässig dreimal pro Tag zum Gebet zurückzog. Er gönnte sich diese besinnlichen Zeiten trotz seiner Fülle an Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die er als hoher Politiker trug.

Wurde Daniel deswegen weltfremd? Nein, er stand mit beiden Beinen auf dem Boden, total in der Welt. Er hat sich voll und ganz für seine Vorgesetzten eingesetzt und gehörte trotzdem ganz Gott. Daniel war radikal und doch loyal, gehorsam und doch freundlich, er bezog Stellung und wollte doch das Beste für seine Vorgesetzten.

Die Person Daniel ist nicht nur wertvoll für eine Kinderwoche, sondern auch vorbildlich für Christen, die ihre Verantwortung in einer komplexen Welt wahrnehmen wollen. Daniel erinnert mich zudem an die Worte Jesu, die er zu seinen Jüngern sprach: „So wie mich der Vater in die Welt gesandt hat, so sende ich euch!“

Samstag, 22. März 2008

Meine Ostern

Was bedeutet Ostern für den Alltag eines Christen im 21. Jahrhundert? Mit dem Ostergeschehen steht und fällt alles, was meinen christlichen Glauben ausmacht. Das jährliche Fest an die Erinnerung der Auferstehung des Jesus von Nazareth ist zentral. Wäre die Auferstehung Jesu keine historische Wahrheit, würde die ganze christliche Kirche in sich zusammenfallen. Wäre Christus nicht zum Leben auferweckt worden, hätten wir keine Gottesbeziehung, weil Jesus der Vermittler und Versöhner fehlen würde.
Keiner der Nachfolger von Jesus glaubte damals zum Voraus, dass so etwas möglich sein würde. Nicht einmal den ihrem Lehrer bevorstehenden Tod am Kreuz wollten die Jünger wahrhaben. Als schliesslich die ersten Zeugen der Auferstehung den Freunden Jesu davon berichteten, zweifelten diese – verständlicherweise - erst einmal. Doch Gott hat dieses übernatürliche und irrationale Wunder tatsächlich getan und seinen Sohn von den Toten auferweckt; das bezeugen die Evangelienschriften übereinstimmend. Damit hat der Schöpfer dieses Universums nicht nur gezeigt, dass er über allen physikalischen Gesetzen steht, sondern dass er auch eine unendliche Liebe zum Leben, ja zu jedem menschlichen Leben hat. Denn durch das Leben seines Sohnes Jesus schenkt er auch uns neues Leben.
Wenn Gottes Sohn den Tod nicht überwunden hätte, gäbe es für uns keine Perspektive über das Irdische hinaus. Erst die Auferstehung schliesst uns das Leben nach dem Tod und die unendliche Gemeinschaft mit Gott auf. Hätte es sie nicht gegeben, müssten wir uns ausschliesslich auf das Hier-und-Jetzt und auf uns selbst verlassen. Gott sei Dank ist Christus auferstanden!

Donnerstag, 6. März 2008

"Kirchenhüpfen"

Wer als Tourist an die Meeresküste fährt, geniesst da und dort das Angebot des Inselhüpfens. Man steigt in ein Boot und hat die Gelegenheit, an einem Tag mehrere Inseln zu besuchen. Was für Touristen schön und abwechslungsreich ist, wird leider für viele Christen in Bezug auf ihren Gemeindebesuch zur Gewohnheit. Je länger, je schneller fühlt sich eine Person oder eine ganze Familie dazu gedrängt, ihre geistliche Heimat auszutauschen. Sei es der inkompetente Pastor, die schwierigen Glaubensgeschwister, die mangelnden Familien oder die ungenügende Jugendarbeit; sehr schnell kommen Kirchengänger heute zum Entschluss, dass es für sie hier nicht mehr stimmt.
Ich behaupte nicht, dass es Umstände geben kann, die einen Wechsel tatsächlich nahe legen. Aber ich stelle fest, dass das „Kirchenhüpfen“ zu einer grossen Attraktion in der Christenheit geworden ist. Es braucht sehr wenig, dass die Bedürfnisse der postmodernen Predigtkonsumenten nicht mehr genügend gestillt werden.
Überhaupt stehen die eigenen Wünsche, Vorlieben und Forderungen viel zu stark im Zentrum. Es ist eine zu beglückwünschende Minderheit, die vor allem nach der Berufung und Platzanweisung Gottes auch in Bezug auf die Gemeindewahl und -mitarbeit fragt. Ich wünsche mir mehr Christen, die sich von Gott auch in schwierigen Situationen gehalten wissen und sich in nicht ganz einfache Umgebungen berufen lassen. Wieso nicht nach einem Umzug an einen neuen Wohnort Gott fragen: Wo möchtest du, dass wir unsere Gaben einsetzen? Wieso nicht um Jesu Willen und Auftrag bitten, wenn in der eigenen Gemeinschaft alles drunter und drüber zu gehen scheint? Lassen Sie doch das Hüpfen um Ihrer selbst Willen bleiben!

Donnerstag, 28. Februar 2008

Die Seelen oder die Umwelt retten?




Eine kurze Andacht zu:

5. Mose 4,6: Haltet euch an diese Gebote und befolgt sie; dann werden die anderen Völker sehen, wie weise und klug ihr seid.

Immer mal wieder kommt es zur Grundsatzdebatte: Macht es wirklich Sinn, sich als Christ öffentlich zu engagieren, sich für die Gesellschaft und auch die Natur einzusetzen? Sollten wir unsere Kräfte nicht besser bündeln und voll auf Evangelisation fokussieren? Solche Fragen bewegen lokale Kirchen, Sektionen der Evangelischen Allianz, christliche Ehepaare oder auch den evangelikalen Stammtisch. Wie ist das mit der christlichen Prioritätenliste? Ist es wichtiger Seelen oder die Umwelt zu retten?

In der evangelikalen Szene wird dabei selten die evangelistische Mission in Frage gestellt, vielmehr werden die Bemühungen um das allgemeine Wohl in Frage gestellt; oder zumindest der Umfang dieses Engagements.

Mose kannte diesen Konflikt zwischen Verkündigung oder Gerechtigkeit fördern nicht. Er hat das Volk Gottes darauf hingewiesen, dass gerade das Leben und Handeln gemäss den Geboten Gottes andere Menschen ins Staunen versetzen und zu Gott führen kann: „Wo ist ein Volk, das so gerechte Gebote und Weisungen hat?“ Oder anders gesagt: Öffentliches Engagement von Christen ist Evangelisation!

Das Fazit der beiden Schöpfungsberichte ist eindeutig: Gott hat den Menschen als ihm ähnliches Geschöpf auf die Erde gesetzt, damit er als sein Repräsentant über die ganze Schöpfung herrsche (Gen 1,28), sie pflege und bewahre (Gen 2,15). Die Fragen „Welchen Wagen würde Jesus fahren?“ oder „Welches Steuersystem würde Jesus wählen?“ sind angebracht und hilfreich; nach dem Sündenfall umso mehr.

In meinem Geburtsjahr (1974) kam es zur wunderbaren „Lausanner Verpflichtung“; für mich eine hervorragende Auslegung der Anweisung Mose an das Volk: Sowohl Evangelisation als auch soziales Engagement - das selbstverständlich auch die Bewahrung der übrigen Schöpfung meint - ist gefragt! Man denke bloss an die Problematik der Bioenergie-Gewinnung in Entwicklungsgebieten: Wir europäischen Energie-Junkies verstossen dabei eindeutig gegen das 10. Gebot, wenn wir die Lebensgrundlage der Afrikaner verpuffen.

Sich gegen solche Ungerechtigkeiten zu wehren ist letztlich Evangelisation. Wir sollten nämlich nicht nur „erlöster aussehen“ (Nietzsche), sondern auch mehr und mehr als Gottes Ebenbilder in seiner Schöpfung leben. Dazu schenke uns Gott seine Gnade!

erschienen in idea Spektrum vom 27.02.08 (Rubrik "Kleine Kanzel")

Karikatur: Jenni AG / Orlando Eisenmann

Donnerstag, 21. Februar 2008

Gott sucht uns

Gewöhnlich höre und lese ich Berichte, die beschreiben, wie Menschen Gott suchten. Wenn Menschen, die vorher Atheisten oder Agnostiker, Esoteriker oder Moslems, Buddhisten oder ganz einfach gleichgültig waren, Christen werden, erzählen sie, wie sie Gott auf ihrer spannenden oder spannungsvollen, langen oder kurzen und heftigen, verzweifelten oder zweifelnden Suche schliesslich fanden. Sie – und das sind weltweit immer wieder Millionen von Menschen – bestätigen jeweils die Aussage der Bibel: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, will ich mich von euch finden lassen“ (Jeremia 29,13). Viel entscheidender scheint mir jedoch, dass die Umkehrformel auch richtig ist: Gott sucht uns!

Man mag Beda Stadler, Richard Dawkins oder Dalai Lama heissen: – ganz egal ob man nicht an die Existenz Gottes glaubt oder sich selbst zur höchsten Instanz macht – Gott hat ein unendliches Interesse an jedem einzelnen Menschen. Deshalb sucht und verfolgt Gott uns. Der englische Philosoph C.S. Lewis oder der Theologe Augustinus (3. Jhdt.) erzählen eindrücklich, wie Gott ihnen auf den Fersen war, sich ihnen in Erlebnissen immer wieder bemerkbar machte und sie schliesslich vor ihm kapitulieren liess. Lewis beschreibt seine Situation als „schachmatt“ im Spiel. Gott suchte ihn nicht nur auf, sondern widerlegte alle persönlichen Einwände, die Lewis hinderten, ihm (Gott) zu vertrauen. Auch die Bibel enthält anschauliche Beispiele davon, wie Gott Menschen sucht: z.B. Lukasevangelium Kapitel 15. Anregende Lektüre für suchende Menschen!

Samstag, 26. Januar 2008

Kindisch oder kindlich?

Vier von zehn Schweizern beten mehrmals in der Woche. 60 Prozent sagen, das persönliche Gebet sei ihnen wichtig. Das Abendgebet ist an jedem dritten Kinderbett üblich und wird wieder beliebter.* Ist das Gebet etwas für ein paar wenige? Ist das Reden mit Gott nur etwas für Kinder? Offensichtlich beten mehr Menschen, als ich dachte. Dabei liegt es doch eigentlich auf der Hand, dass Menschen sich nach ihrem Schöpfer sehnen; wenn sie Geschöpfe sind...
In einer Zeit, in der es auf alle Fragen (mehr als) eine Antwort gibt, scheinen wir Menschen uns vermehrt an den zu richten, der die passenden Antworten zu unseren Lebensfragen hat. Manch einem kommt dies naiv vor. Aber beten ist nicht kindisch, schon eher kindlich. Jedenfalls macht Jesus gerade die Kinder zu Vorbildern in der Begegnung mit Gott: «Wenn ihr euch nicht ändert und so werdet wie die Kinder, kommt ihr nie in das Reich Gottes. Wer aber so klein und demütig sein kann wie ein Kind, der ist der Grösste in Gottes Reich (Matthäus 18).»
Als Mann fällt mir das oft schwer. Ich habe gelernt, mich zu behaupten, die Dinge im Griff zu haben und nie die Fassung zu verlieren. Und jetzt soll ich in der Begegnung mit Gott zugeben, dass ich Hilfe brauche, vieles nicht verstehe und vor ihm schwach sein darf? Das ist nicht nur gewöhnungsbedürftig. Das muss ich üben. Ich will die Praxis des kindlichen Gebets lernen. Ich will es versuchen; kindliche Vorbilder gibt es ja (noch) genug.

* alles gemäss «Religionsmonitor» der Bertelsmann-Stiftung

Samstag, 19. Januar 2008

Armut fördern?

Ein Alt-Bundesrat hat einmal gesagt, er wisse nicht, ob es besser wäre, Afrika sich selbst zu überlassen und keine Entwicklungshilfe mehr zu leisten. Ins gleiche Horn blasen zu meinem Entsetzen viele Christen, mit denen ich ins Gespräch über öffentliche Entwicklungshilfe komme. Die Kultur in einigen Drittweltstaaten geprägt durch Korruption und kurzfristige Lebensbewältigung mache Investitionen aus Industrieländern kontraproduktiv, sagen sie. Zudem sei die Arbeit der DEZA ineffizient, wenig erfolgreich und nicht christlich.

Wen wunderts, dass die weltweite Armut so bloss schleppend bekämpft werden kann? Wenn sogar wir Christen, die wir einen Gott kennen, der sich mit den Armen identifiziert (Mt 25), eine solche Ignoranz an den Tag legen.

Die öffentliche Entwicklungshilfe der Schweiz ist besser, als viele Menschen denken. Aber man muss sich halt bemühen, genau hin zuschauen. Das tun manche Kritiker jedoch nicht. Man würde erkennen: Entwicklungshilfeprofis sind sich sehr wohl bewusst, dass Korruption ein ernst zunehmendes Problem ist, das auch bekämpft wird. Die öffentliche Hilfe wird ständig verbessert, indem Prävention, Vorsorge und Nachhaltigkeit gross geschrieben werden. Dass die DEZA keine religiösen Aktivitäten unterstützt, kann jedenfalls kein Grund sein, ihre Arbeit zu miss kreditieren.

Es ist schon mehr als bedenklich, wenn man sieht, dass die Entwicklungshilfe der Schweiz schrumpft (2006 unter 0,4% des BIP), angesichts der Absichtserklärung unseres Bundesrats das Milleniumsziel von 0,7% bis 2015 erreichen zu wollen. Das ist umso beschämender, wenn man sieht, dass Schweden über 1% in Entwicklungshilfe investiert, und die skandinavische Hilfe weiterhin wächst.