Mittwoch, 15. Juli 2009

Verzweifelter Spinner oder Gottes Sohn?


Wie stellen sich eigentlich fromme Christen zum Musical auf der Thuner Seebühne? Diese Frage hörte ich in den vergangenen Wochen immer wieder und auch von etlichen Journalisten. So hat diese Zeitung vor einigen Tagen getitelt: "Im Jerusalem des Berner Oberlands" und darüber berichtet wie sich so genannt evangelikale Christen zum Inhalt von "Jesus Christ Superstar" stellen. Meine Antwort war vor der Premiere kurz gefasst die: Inhaltlich kritisch, grundsätzlich sehe ich es aber als Chance, dass Jesus zum Thema wird. Am vergangenen Samstag durfte ich auf Einladung dieser Zeitung die Premiere mit meiner Frau besuchen. Und… ich wurde positiv überrascht!

Die Regisseurin Helga Wolf setzte in die Tat um, was sie im Interview am Tag der Premiere ankündigte: „Wir wollen die Religion nicht verunglimpfen; vielmehr zeigen wir das Verständnis davon im heutigen Kontext.“ Das ist ihr gelungen. Viele Szenen setzen aktualisiert biblische Begebenheiten um und tragen damit Wichtiges zur religiösen Bildung bei; was heute nötiger denn je ist. Da ist zum Beispiel die eindrückliche Szene, wie Jesus mit der ganzen Not dieser Welt konfrontiert wird: mit Krankheiten, Gewalt, Unterdrückung, Menschenhandel und Korruption.Und die Menschen setzen ihre Hoffnung auf Jesus, suchen ihre Hilfe und ihr Heil bei ihm.

Bei aller Nähe zu den biblischen Überlieferungen kommt aber gerade anschliessend doch die Handschrift von Texter Tim Rice zum Vorschein, der in Jesus den überforderten Menschen zeichnen will. So etwa, wenn Jesus in dieser Bedrängnis aller Nöte zu den bedürftigen Menschen sagt: „Heilt euch doch selber!“ - Aus den historischen Quellen lesen wir jedoch: „Jesus aber heilte sie alle.“ Dabei wird deutlich: Die Frage „Wer ist Jesus?“ kann nur in zwei Richtungen beantwortet werden. Entweder ist er der Verzweifelte, der an den Ansprüchen der Menschen und an sich selber letztlich zerbricht, oder er ist tatsächlich jener, der er behauptete zu sein: Gottes Sohn, der Retter aller Menschen. Die Frage wird in der Umsetzung am Thunersee fast durchwegs offen gelassen.

Überstrapaziert wird die Frage dort, wo sich Jesus seiner Identität selber nicht mehr sicher ist. Das ist nicht stimmig. Denn ans Kreuz geschlagen wurde Jesus gerade wegen seines Selbstverständnisses. Die Tatsache, dass er sich für Gottes Sohn und den Retter der Menschheit hielt, brachte den Mob dazu: "Gotteslästerung" und „Kreuzige ihn!“ zu rufen; nachdem sie den Superstar zuerst mit Hosanna in Jerusalem willkommen geheissen hatten.

Das Musical endet nicht - wie man meinen könnte - mit dem Tod und den letzten Worten Jesu am Kreuz. Nach einem Donnergrollen erhebt sich langsam und gleichmässig ein grosses leuchtendes Kreuz über dem Thunersee und blendet das Publikum lange und intensiv. So als ob die Regisseurin zeigen möchte: Sein Tod war nicht das Ende dieses Mannes. Doch die Frage bleibt stehen, wie sie auch im hervorragenden Programmheft vom englischen Philosophen C.S. Lewis zitiert wird: War dieser Mann bloss ein verzweifelter Spinner, der nicht hätte sterben müssen, wenn er nur vernünftig geworden wäre? Oder war er tatsächlich Gottes Sohn, der mit dem Kreuzestod alles Trennende zwischen Mensch und Gott aus dem Weg geräumt hat? Diese Frage beantwortet das Musical nicht, sondern muss von jedem Besucher selber beantwortet werden.

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