Montag, 29. September 2008

HarmoS ist nicht gefährlich!

Harmos ist für viele Eltern ein Wort der Verunsicherung geworden. Weshalb? Es wird in Verbindung gebracht mit zu früher „Einschulung“ und Verlust der Kindheit. Harmos beinhaltet mehr als den Zeitpunkt des Kindergartenstarts, aber ich nehme aus Platzgründen nur zum umstrittensten Punkt Stellung.

Eigentlich ändert sich für die meisten Kinder im Kanton Bern nicht viel: Schon heute besuchen mehr als zwei Drittel der Kinder freiwillig zwei Jahre den Kindergarten. In der Regel sind sie etwa fünfjährig, wenn sie beginnen. Harmos verschiebt das Stichdatum für den Start um drei Monate nach vorne, so dass beispielsweise unser Sohn, der anfangs Jahr vierjährig wird, mit 4 ½ Jahren in den Kindergarten gehen würde. Nach bestehendem Modell könnte er im genau gleichen Alter in den Kindergarten gehen, falls wir wünschen, dass er zwei Jahre geht. Finden wir, dass es zu früh für ihn ist, geht er ein Jahr später. Was ändert sich daran nach Harmos? Nichts. Der Eintritt in den Kindergarten wird auch mit Harmos flexibel bleiben. Sowohl der Grosse Rat als auch der Regierungsrat sind für eine flexible Lösung. Wenn wir als Eltern wünschen, dass unser Kind aufgrund des Entwicklungsstandes oder des langen Schulweges ein Jahr länger zu Hause bleibt, ist das möglich. Was ändert dann wirklich? Aufgrund des neu obligatorischen zweijährigen Kindergartens verlängert sich die obligatorische Schulzeit auf 11 Jahre. Hand aufs Herz: Das ist genau dieselbe Dauer, die ich in Kindergarten und Volksschule verbracht habe; und viele Altersgenossen teilten mein „Schicksal“. Dabei habe ich nicht den Eindruck, dass mich der Staat meinen Eltern entrissen hätte, auch wenn mein Schulweg eine halbe Stunde dauerte. Ich konnte jedoch früh lernen, in der Gruppe mit Kindern umzugehen. Bis heute habe ich das nie als Nachteil angesehen.

in Wort & Wärch Oktober 2008

Freitag, 12. September 2008

Fehlerhaft führen


Mose war ein Mörder, König David ein Ehebrecher und Petrus ein Lügner. Hätte es die Boulevard-Medien schon damals gegeben, wären diese drei biblischen Führerfiguren kaum so einflussreich und erfolgreich gewesen.

Ein Bundesrat vertraut einem Mitarbeiter zu lange, entscheidet sich falsch, informiert irreführend und sofort wird von politischen Gegnern und den Medien sein Kopf gefordert. Welche Fehler kann man sich als Führungspersönlichkeit erlauben? Welchen Verantwortungspersonen schenken wir unser Vertrauen nach Fehlern wieder? Gelegenheit, über unseren Umgang mit Führung und Fehlern nachzudenken! Bill Clinton, Elisabeth Kopp oder Samuel Schmid, ihnen allen sind Fehler passiert. Ich rufe in Erinnerung, dass wir als einzelne Menschen auch Verantwortung dafür tragen, wie wir mit unseren Leitern und unserer Obrigkeit umgehen. Vor langer Zeit hat der Apostel Paulus seinem jungen Mitarbeiter Titus geschrieben: „Erinnere sie daran, dass sie der Gewalt der Obrigkeit untertan und gehorsam seien, zu allem guten Werk bereit, niemanden verleumden, nicht streiten, gütig seien, alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen.“ (Kapitel. 3,1-2) Nach Fehlern, die auch unseren Bundesräten passieren, sind die Presse, die Politik und der Stammtisch jeweils rasch mit Kritik, Gerücht und Urteil. Unsere Obrigkeit auch kritisch zu verfolgen, ist bestimmt berechtigt. Ja, von den Medien erwarten wir das sogar. Was jedoch in den letzten Wochen geschehen ist, hat nicht mehr viel mit Respekt und Zurückhaltung der Regierung gegenüber zu tun. Was die Presse druckt, wird als Tatbestand übernommen und die Öffentlichkeit fällt ihr Urteil vorschnell ohne Rücksicht auf allfällige offizielle Ergebnisse. Kein Wunder, dass unsere Minister mittlerweile auch fünf Bodyguards brauchen. Wäre das Volk vor vielen Jahren mit Mose, David und Petrus ähnlich ins Gericht gegangen, hätten wir heute wohl weder die Zehn Gebote noch das grosse diakonische Erbe.

Berner Oberländer, 12.09.08

Mittwoch, 3. September 2008

Animismus

Was haben das Freilichtmuseum Ballenberg und ein peruanisches Dschungeldorf gemeinsam? Seit unserem Pfarrer-Ausflug in die Miniatur-Schweiz im Berner Oberland weiss ich es. Hier wie dort fand ich Zeugen eines lebhaften Aberglaubens. Während in den alten Häusern - katholischer wie auch reformierter Herkunft - auf dem Ballenberg Äste, Rosshaare und Messer die bösen Geister fernhalten sollten, waren es beim peruanischen Jäger Schutzrituale mit Wurzeln, die ihn vor dem Schlangenbiss bewahren sollten.
Animismus herrschte beidseits des Atlantiks; und heute? Wie steht es eigentlich um den Glauben an magische Rituale in unserer Zeit und Kultur? Es wird schnell klar: Ob Ogis Edelsteine im Hosensack, Frau Meiers Glücksbringer um den Hals oder des Olympia-Sportlers Ritual vor dem Start, die Schweiz ist nach wie vor fasziniert von animistischen Handlungen. Aber wie ist das unter gläubigen Christen? Sind wir völlig jenseits von Freitag, dem 13. und der schwarzen Katze?
Wer in Jesus Christus seinen Herrn sieht, ist mit dem verbunden, der über allen Mächten und Ritualen steht. Christen sind nicht auf Rituale und bestimmte "Erfolgsmethoden" angewiesen. Aber auch wir sind nicht ganz gefeit vor animistischem Aberglauben. Es wird zum Beispiel dann verdächtig, wenn unser Wohlergehen davon abhängig gemacht wird, ob die eigene Wohnung gesalbt wurde, ob die Stadt mit einem Gebetsmarsch eingenommen wurde oder ob wirklich der "vollmächtige Pastor" meine Zukunft in Gottes Hand gelegt hatte. Nicht dass solche Handlungen verwerflich wären. Wichtig scheint mir aber, dass wir dem souveränen Jesus vertrauen und nicht an simple Aktionen glauben.
publiziert in idea Spektrum vom 3. Sept. 2008