Dienstag, 12. November 2013

Glaube macht rechtlos

Rami* wurde Christ als erwachsener Mann im Nahen Osten. Er war verheiratet und hatte Kinder. Er liebte seine Familie und sorgte für sie. Rami hatte Arbeit in der Stadt und nahm seine Verantwortung als Bürger wahr. Eines Tages, etliche Jahre nachdem Rami Christ geworden war, beschuldigte ihn jemand der Apostasie und meldete diesen Abfall vom islamischen Glauben der Polizei.
Bildquelle: portesouvertes.ch

Bald darauf erfuhr Rami vor einem Scharia-Gericht der Region folgendes: Falls er nicht von seinem neuen Glauben absagen würde, verurteilte ihn das Gericht, und Rami würde all seine zivilen Rechte verlieren und zu einem Mündel des Staates werden. Seine Ehe würde annulliert. Seine Kinder würden ihm genommen. Es würde ihm verboten, irgendwelche Verträge zu unterzeichnen, sei es um ein Auto zu kaufen, ein Haus zu mieten oder einen Kredit aufzunehmen. Die einzige Religion, die ihm all diese Rechte in jenem Land ermöglichen würde, wäre der Islam.

Die Polizei und das Gericht dachten, Rami würde nun seinen neuen Glauben verlassen und zum Islam zurückkehren. Aber er weigerte sich dem christlichen Glauben abzusagen. Und so wurde er durch die Scharia dort zu einer durch den Staat bevormundeten Person verurteilt. Rami wusste, dass andere Menschen sich nun auch im Recht fühlten ihn zu töten, den Rechtlosen.

Rami konnte mit seiner Familie glücklicherweise das Land verlassen und zog in ein anderes arabisches Land. Es ist möglich, dass er bald in einem westlichen Staat um Asyl bitten wird. Seine Situation ist ein klarer Fall von religiöser Verfolgung. Andere Christen im Land wurden durch diesen Fall aufgeschreckt und leben nun so zu sagen unter dem Damoklesschwert einer potenziellen Verurteilung. (Quelle
http://www.sorrowandblood.com/)

Name geändert

Am Sonntag der verfolgten Kirche (10. & 17. November) sind wir eingeladen an Personen wie Rami und seine Familie zu denken und für sie zu beten. Tausende Menschen leben in ähnlichen oder schlimmeren Situationen, nur weil sie sich ihre Religion nicht vorschreiben lassen wollen und frei glauben möchten. Nehmen Sie sich doch alleine oder in einer kleinen Gruppe Zeit für diese Menschen zu beten.

Montag, 23. September 2013

ScanAFan - Anleitung - Marc, der grösste Fan der Post?

Bei der Schweizerischen Post läuft momentan ein Wettbewerb, an dem ich teilnehme. Auf 300 von insgesamt 15'000 gelben Briefkasten der Post ist mein Porträt zu finden (aktuell sind 169 Porträts von mir entdeckt/ gescannt worden; vgl. https://www.der-groesste-fan.ch/# ! Filter auf Marc J. einstellen).


Das Video zeigt, was es u.a. zu gewinnen gibt...
Worum geht es?
Wer ein Smartphone oder iPhone hat, kann mitmachen. Und das geht so:

1. Lade die App ScanAFan auf dein Handy:
AppStore (iOS): https://itunes.apple.com/ch/app/scan-a-fan/id696549631?mt=8
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2. Melde dich mit einer E-Mail-Adresse oder via facebook in der App an!
Jetzt kannst du mich auf zwei Wegen unterstützen:
- Du entdeckst Briefkasten mit meinem Foto, scanne mich und ich erhalte 10 Punkte, wenn der Briefkasten noch nicht entdeckt worden ist.

- Falls der Briefkasten bereits gescannt wurde, kannst du im Umkreis von 100m mit der App einloggen und ich erhalte 2 Punkte (alle 24h möglich).

Wäre cool,wenn du mir beim Punkte sammeln hilfst! Noch bin ich eher im Mittelfeld anzutreffen.

Danke für deine Unterstützung!

Freitag, 13. September 2013

Ein Gebet voraus


„Ein Gebet voraus“ so heisst eine Impulsveranstaltung in Bern, welche morgen Samstag Christen aller Kirchen vor dem Bettag zum gemeinsamen Beten einlädt. Sind betende Menschen immer ein Gebet voraus? Gerade so, wie wenn schlagfertige Leute den anderen einen Schritt voraus sind? Oder hat „ein Gebet voraus“ ganz eine andere Dimension als die des Vorsprungs auf andere?

Als Christ und Theologe beschäftige ich mich viel mit dem Beten und pflege wie jeder betende Mensch einen ganz persönlichen Stil der Kommunikation mit Gott. Neben dem persönlichen Gebet während des Tages ist mir auch das Gebet in kleinen Gruppen sehr vertraut. In meinem Beruf habe ich das Privileg, dass fast jede Arbeitssitzung mit Gebet beginnt. Sei das bei der Schweizerischen Evangelischen Allianz, beim evangelischen Hilfswerkverband Interaction oder auch in der Evangelischen Volkspartei; ja sogar vor den Sessionen des Grossen Rates in Bern können jene mit einer Andacht beginnen, die das wünschen. Und diese Treffen schliessen wir jeweils mit dem Gebet „Unser Vater“ ab.

Ich empfinde dies als grosses Vorrecht. Nicht jeder hat die Möglichkeit in seinem Berufsalltag mit einer Gruppe von Menschen Gott zu danken und ihn um seine Führung, Ermutigung und Hilfe zu bitten. Mir ist es deshalb so wichtig, weil mir das Beten in der Gemeinschaft mit anderen noch besser gefällt, als das Gebet alleine. Von diesem Geheimnis hat schon Jesus gesprochen: „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte“, Matthäusevangelium Kapitel 18, Vers 20. Wenn Christen gemeinsam beten, dann verspricht Jesus, durch seinen Heiligen Geist bei ihnen zu sein.


Gott hört dann nicht nur ihre Gebete, sondern teilt sich auch immer wieder mit. Für mich ist das Reden Gottes zu uns Menschen ein Teil dieser unvergleichlichen Dimension, die mich im Voraus auf etwas Besonderes vorbereitet, auf etwas hinweist, warnt oder ermutigt. In diesem Sinn ist das „Gebet voraus“ eine persönliche Vorbereitung, die uns nicht Vorteile gegenüber anderen Menschen verschaffen soll, sondern die uns selber zum Vorteil für andere macht: Und zwar so dass wir anderen besser dienen und sie unterstützen können, wenn wir im Voraus Gott begegnet sind. Eine solche Begegnung wünsche ich mir für alle, die morgen gemeinsam beten!

Montag, 9. September 2013

Es geht um mehr als nur um die Wurst

Es geht bei der Abstimmung zum Arbeitsgesetz um die Ladenöffnungszeiten bei Tankstellenshops an Hauptverkehrswegen mit starkem Reiseverkehr. Künftig sollen diese während 24 Stunden geöffnet sein können und das ganze Sortiment verkaufen können. Mit der Liberalisierung der Öffnungszeiten von Tankstellenshops dürfte zum ersten Mal ein Detaillist die ganze Nacht sowie am Sonntag offen haben.

Die Befürworter werben für ein Ja mit dem Slogan „Bratwürste legalisieren“ und spielen auf die heutige Einschränkung des Sortiments an. Nun, ich habe schon bisher meine Bratwurst immer legal gekauft. Und  es geht bei dieser Abstimmung in der Tat nicht nur um die Wurst. Besser wird hier von der Salami gesprochen. Denn es ist offensichtlich eine Salamitaktik, welche die grenzenlosen Liberalisierer hier anwenden: Scheibe um Scheibe geht es in Richtung 24-Stunden Ladenöffnungszeiten und damit auch um die Abschaffung des Sonntags.

Der Schutz des Sonntags als Ruhe- und Feiertag und der Schutz der Arbeitnehmenden haben Vorrang. Der Sonntag ist ein Tag der Ruhe und Erholung, ein Tag der Familie, der Begegnung und der Gemeinschaft, ein Tag der religiösen und spirituellen Besinnung und ein Tag des Gottesdienstes. Der arbeitsfreie Sonntag ermöglicht gemeinsame Aktivitäten in der Familie, im Freundeskreis, in Vereinen oder in der Kirche.

Viele Angestellte lehnen Nacht- und Sonntagsarbeit ab, müssen sich aber anpassen, weil sie auf die Jobs angewiesen sind. Der Staat steht in der Verantwortung, für die Schwächeren einzustehen und dem Arbeitnehmerschutz Priorität einzuräumen. Vor allem in den Städten werden Polizei und Rettungsdienste der 24-Stunden-Gesellschaft und ihren Auswüchsen kaum noch Herr. Da ist es nicht sinnvoll, das Dienstleistungsangebot in der Nacht und am Sonntag weiter auszudehnen.

Wenn die Tankstellenshops die ganze Nacht offen haben, nimmt der Druck für eine generelle Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten zu. Die Mitbewerber im Detailhandel werden rasch darauf pochen, dass sie gleich lange Spiesse haben wie die Tankstellen.

Ich bin gegen diesen ersten Schritt zur 24-Stunden-Konsumgesellschaft. Wenn wir einen Dammbruch bei der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten und mehr Sonntagsarbeit verhindern wollen, müssen wir am 22. September dringend NEIN stimmen. Weitergehende Vorstösse sind im Parlament nämlich bereits deponiert, obwohl Volksabstimmungen in der Vergangenheit solche Liberalisierungen regelmässig abgelehnt haben.

Freitag, 19. Juli 2013

Grosse Pläne?

Auf der Erde leben heute über 7 Milliarden Menschen. Rund 10 Prozent davon wohnen in Europa, oder gut 1 Promille der Welt lebt in der Schweiz. Meine Agglomeration macht etwa 1 Prozent der Schweizer Bevölkerung aus, und unsere Familie macht etwa 0,001 Prozent unserer Stadt aus. Wenn ich als Vater meine vier Kinder beeinflusse, habe ich rechnerisch einen direkten Einfluss auf 0,000000057 Prozent der Weltbevölkerung. Gott sei Dank nicht mehr, werden die einen sagen! Dann richtet er nicht mehr Schaden an. Was ist das schon, denken andere.

Sich selber als wirksam erleben: Dieses Bedürfnis wächst schon als kleines Kind. „Freude am Effekt“ ist wahrscheinlich die erste Bezeichnung, die man in der Entwicklungspsychologie dafür gefunden hat. Ich bin überzeugt, dass dieser Effekt – etwas in der Welt bewegen zu wollen – von Gott in uns Menschen gelegt wurde. Gott hat mit jedem Menschen etwas ganz Persönliches und Individuelles vor. Für ihn sind wir nicht nur eine Nummer. Er kennt nicht nur die Anzahl der Haare auf meinem Kopf, er weiss auch, was er alles an Gaben in mein Leben gelegt hat. Und Gott möchte, dass meine Mitmenschen etwas davon zu spüren bekommen.

Dabei ist es Gott wahrscheinlich weniger wichtig, wie gross die Zahl der Menschen ist, die du bereicherst durch deine Gaben, aber dass du es dort tust, wo du gerade bist und wo er dir die Möglichkeiten dazu gibt.

Was auch immer du über dein Leben denkst, Gott hat grosse Pläne mit dir. Es mag sein, dass sie dir klein erscheinen oder dass du sie noch gar nicht kennst. Aber es lohnt sich zu vertrauen, dass Gott zu dir reden möchte und dir zeigen will, wo gerade du einen grossen Unterschied machen kannst; und sei es auch nur im Leben eines der 7 Milliarden Menschen.

Donnerstag, 20. Juni 2013

Wie politisch war denn Jesus?

Prediger sollten nicht politisieren und Politiker nicht predigen, meint SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli. Doch, für ihre Überzeugungen soll die Kirche Position beziehen, kontert Marc Jost, Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz. Ein Streitgespräch im Bundeshaus.

Wann erfüllt die Kirche ihren Auftrag?
Marc Jost: Sie hat grundsätzlich den Auftrag, das Evangelium zu verkündigen, und zwar in Wort und Tat. Es ist ein ganzheitlicher Auftrag, der letztlich dem Gemeinwohl und der ganzen Gesellschaft dient.
Christoph Mörgeli: Ich stimme dem zu. Die Kirche hat den Auftrag, die Botschaft der Gnade zu verkündigen und den Menschen mit Seelsorge beizustehen. Sie erfüllt den Auftrag dann nicht, wenn ihre Prediger politisieren. Und umgekehrt sollten wir Politiker nicht predigen.

Ist die die SVP eine christliche Partei, Herr Mörgeli?
Mörgeli: Die SVP ist eine christliche Partei, gerade weil sie das nicht explizit in ihrem Namen tragen muss. Sie trägt aber das Wort «schweizerisch» im Namen, und die Schweiz ist für mich ein christlicher Staat. Das zeigt sich durch die Anrufung Gottes in der Bundesverfassung, aber auch im Wappenkreuz. Die SVP war übrigens mal fast ausschliesslich protestantisch, heute aber ist sie interessanterweise die grösste katholische Partei der Schweiz.

Was ist an der EVP speziell christlich, Herr Jost?
Jost: Die Menschen, die in der EVP politisieren, sind Christen, das heisst ihr Glaube ist geprägt vom biblisch-christlichen Bekenntnis. Das wiederum definiert die Werte dieser Personen und natürlich die Kernthemen der Partei. Das zeigt sich in Themen wie dem Einsatz für die Religionsfreiheit, der Bewahrung der Schöpfung und auch beim Schutz des menschlichen Lebens vom Anfang bis zum Ende.

Die Kirchen haben sich jetzt erneut lautstark eingemischt und die Asylgesetzrevision zur Ablehnung empfohlen. War das in einer Frage, die verfolgte Menschen betrifft, nicht ihre Pflicht
Mörgeli: Das wäre sicher so, wenn es vor allem verfolgte Menschen betreffen würde. Doch die Realität zeigt leider das Gegenteil. Die jungen Männer, die massenhaft bei uns einreisen, suchen einfach bessere wirtschaftliche Bedingungen und Aufstiegschancen. Das ist nicht illegitim, hat aber nichts mit dem Flüchtlingswesen zu tun. Wir betreiben mit dem Asylantismus ein Milliardengeschäft, bei dem wir unglaublich viel Geld und Kraft für eine falsche Sache einsetzen.
Jost: Es stimmt, die Landeskirchen haben eine ablehnende Empfehlung abgegeben. Die Schweizerische Evangelische Allianz hat sich bewusst einer Parole enthalten, weil wir wie der Bundesrat und grosse Teile des Parlamentes nicht glauben, dass durch diese Revision zusätzliche Menschen in Not geraten. Das wegfallende Botschaftsasyl oder der wegfallende Schutz der Dienstverweigerer wird durch andere Möglichkeiten aufgefangen.

Dann hätten Sie als Evangelische Allianz auch eine Ja-Empfehlung abgeben können ...
Jost: Im Bewusstsein, dass unsere Basis in der Beurteilung der Asylgesetzrevision vielfältige Einschätzungen vornimmt, haben wir auf eine Parole verzichtet. Denn gleichzeitig hielt sich ja auch die Begeisterung der Befürworter in Grenzen. Die SEA muss nicht zu jeder politischen Frage die Stimme erheben.

Oftmals kommt die bürgerliche Kritik auf, Herr Jost, die Kirche mache sich einseitig zum Sprachrohr linker Politik.
Jost: Die Kirche setzt sich für verschiedenste Anliegen ein. Oft geht es darum, dass sie Menschen an Leib und Leben bedroht sieht oder dass die Schwachen oder Fremden geschützt werden sollten. Das sind nicht einfach linke Anliegen. Wenn sich die Kirche zum Beispiel für die Religionsfreiheit stark macht, dann ist das ein liberales Anliegen. Oder wenn sie sich für den Schutz des Lebens einsetzt, dann geht es um konservative Werte. Ganz klar arbeitet die Kirche dort mit sozialen Kräften zusammen, wo es um die Bekämpfung von Armut oder den Schutz von Schwachen geht.
Mörgeli: Es hat sich leider bestätigt, dass der Eindruck nicht unberechtigt ist. Da kommen allerdings Kräfte zusammen, die nicht unbedingt zusammengehören. Es gibt nirgends sonst so viel bewusste und demonstrierte Ablehnung des christlichen Gedankenguts und auch erklärten Atheismus wie in linken Kreisen. Es gehört zum linken ideologischen Gedankengut, dass man mit dem christlichen Glauben nichts zu tun haben will. So gesehen handelt es sich um ein hoch problematisches Spannungsverhältnis.

Die Politik stützt sich auf eine Verfassung, die sich auf «Gott den Allmächtigen» beruft, Herr Mörgeli. Folglich kann die Politik Gott nicht einfach ausklammern.
Mörgeli: Die Politik kann und soll Gott nicht ausklammern. Aber die Politik und speziell die Parteien dürfen Gott auch nicht vereinnahmen. Parteien sind - das sagt schon der Name - nur ein Teil des Ganzen und darum parteiisch. Gott aber ist das Ganze.
Jost: Die Verfassung ist Grundlage unseres Staates. Dementsprechend bilden die Verfassung und damit auch die Präambel einen wichtigen und verbindlichen Rahmen für die Politik.

Wie politisch war der Sohn Gottes in seinem irdischen Leben?
Jost: Ganz grundsätzlich hatte Jesus natürlich einen massiven politischen Einfluss durch sein Reden und Tun. Das zeigt sich darin, wie er mit Kranken, mit Frauen, mit Kindern umging, also mit damaligen Tabuthemen. Doch Jesus war nicht im eigentlichen Sinn ein Amtspolitiker, sonst hätte er dem Hohen Rat angehört. Mörgeli: Jesus war sicher kein Politiker, kein Staatsvertreter und schon gar kein Staatsanbeter. Das Einzigartige von Jesus macht für mich aus, wie er den Wert des Individuums betonte. Der Einzelne ist für ihn wichtiger als die Gemeinschaft, als der Staat. So gesehen hatte Christus auch sehr liberale Züge. Er rief die Menschen zur Selbstverantwortung auf, natürlich auch zur Nächstenliebe. Doch das Wort heisst «Nächstenliebe» und nicht «Fernstenliebe». Wir müssen also nicht meinen, wir könnten als Einzelne die ganze Welt retten.

Jesus sagt zu den Pharisäern, sie sollten sowohl dem Kaiser als auch Gott geben, was ihnen zustehe. Was steht dem Kaiser oder eben dem Staat heute von der Kirche zu?
Mörgeli: Dem Rechtsstaat steht zu, dass er von der Kirche nicht bekämpft wird und dass sie sich mit diesem Staat identifiziert, solange er human und gesetzestreu funktioniert. Wir lesen ja in der Bibel auch, dass der Staat dem Bürger gewisse Mittel wegnehmen darf, um öffentliche Aufgaben zu erfüllen.
Jost: Ich sehe wenige Ansprüche des Staates an die Kirche selber. Für die Kirche geht es vielmehr darum, zu fragen, wo es in unserm Staat besondere Lücken gibt, bei denen es die Kirche braucht. Der Staat hat sehr viel gelernt von der Kirche und gute Anliegen übernommen. Doch es sollte nicht zu sehr zur Vermischung kommen.
Mörgeli: Wenn es ein guter Staat ist, hat er von der Kirche wichtige Anliegen übernommen, zum Beispiel die Achtung des Einzelnen. Der Staat darf nicht nur darauf achten, was der Gemeinschaft dient. Genau darum hat die Politik grundsätzlich die Aufgabe, etwa das einzelne Leben zu schützen, wenn es speziell gefährdet ist, und das im ganz frühen Stadium und dann wieder, wenn das Leben erlöscht.
Jost: Herr Mörgeli betont, wie sehr Jesus die Eigenverantwortung hervorgehoben habe. Jesus wollte aber ebenso die Gemeinschaft stärken im Sinne der Mitverantwortung und der Solidarität. Auch das ist Nächstenliebe. Und das hat unsere Gesellschaft je länger desto mehr nötig.
Mörgeli: Das sollte allerdings nicht so weit führen, dass Kirchenvertreter und Vertreter sogenannt christlicher Parteien eine nationale Erbschaftssteuer fordern. Wir leben und arbeiten ja auch dafür, um den eigenen Kindern später einmal etwas mitgeben zu können. Wenn man uns alles wegbesteuert, ist das für mich nicht christlich. Die Bibel redet noch vom Zehnten, doch heute ist es bald die Hälfte, die wir dem Staat abgeben müssen.
Jost: Ja, vom Zehnten ist im Alten Testament für gottesdienstliche Aufgaben die Rede. Gleichzeitig gab es im Alten Testament auch das Prinzip der Wiederverteilung, der neuen, gerechten Aufteilung. Von daher kann man die These aufstellen, dass eine Erbschaftssteuer einen biblisch-jüdischen Hintergrund hat. Zudem spricht niemand davon, den Erben die Hälfte, geschweige denn alles wegzunehmen.

Der grüne Zürcher Regierungsrat Martin Graf bezeichnet die katholische Kirche öffentlich als «rückständig» und «geschützte Werkstatt» und kritisiert, dass «die Kirchenoberhäupter in Chur und Rom meinen, weiterhin an den verfassungsrechtlich geschützten Grundrechten vorbeipredigen zu können». Das Bistum Chur wertet dies als «Ausdruck einer totalitären Gesinnung». Zu Recht
Mörgeli: Ich kann es ein Stück weit nachvollziehen. Ich bin ja protestantisch, aber die Art der Kritik, wie sie in letzter Zeit gegenüber dem Bistum Chur geschieht, ist billig und populistisch. In meiner Wohngemeinde Stäfa sagte einmal ein reformierter Pfarrer: «Wenn man das und das und das aus der katholischen Kirche nimmt, dann ist diese Kirche eben nicht mehr katholisch.» Herr Graf kann nicht befehlen, die katholische Kirche dürfe nicht mehr katholisch sein.
Jost: Solange auch die katholische Kirche eine Landeskirche sein will, muss die Bereitschaft da sein, sich in dem Gefüge einzuordnen und gewisse Kompromisse einzugehen. Für mich hat dieser Streit auch mit den beteiligten Persönlichkeiten zu tun, die gescheiter einmal bei einem Mittagessen über die aufgeworfenen Fragen reden sollten. Und ja, das Ganze ist auch etwas populistisch.

Der politisch regsame Einsiedler Abt Martin Werlen engagiert sich auch in einer Allianz gegen längere Ladenöffnungen am Sonntag. Stört Sie das?
Mörgeli: Ja, das stört mich, denn er ist unglaubwürdig. Sein Kloster-Shop in Einsiedeln ist den ganzen Sonntag geöffnet und macht einen hervorragenden Umsatz. Und zwar nicht nur mit Rosenkränzen, sondern auch mit Lebensmitteln.
Jost: Mich stört es nicht, ganz im Gegenteil! Wenn jemand bei diesem Thema die Stimme erheben soll, muss es doch jene Institution sein, für die der Auferstehungstag eine enorme Bedeutung hat. Dass der Sonntag als Tag der Ruhe, der Einkehr und Stille gerade heute für den Menschen eine besondere Bedeutung hat, darf die Kirche ruhig sagen, ja muss sie sagen.

Worüber würden Sie gerne einmal im Berner Münster predigen, Herr Mörgeli?
Mörgeli: Ich würde als Nichttheologe nicht predigen, sondern vortragen. Eine unglaublich starke Münsterpredigt hielt einst Markus Feldmann, damals Berner Kirchenvorsteher und später SVP-Bundesrat. Er hat im Berner Münster seine Stimme erhoben gegen den berühmten Theologen Karl Barth, der gesagt hatte: «Ein Mann vom Formate Josef Stalins...» Solch fundamentale Auseinandersetzungen fehlen heute. Mein Thema wäre wahrscheinlich «Die Kirche und die Posaunen der Gnade».

Was würden Sie als Politiker freikirchlichen Pastoren gerne einmal an einer Retraite sagen, Herr Jost?
Jost: Ich würde die Pastoren gerne einladen zu einer breiten Debatte über Glaubens- und Gewissensfreiheit. Ich würde sie fragen, welche Rahmenbedingungen sie sich in der Schweiz wünschen würden. Sie dürften aber nur solche Wünsche äussern, die sie auch den Menschen anderen Glaubens zugestehen.

Wie müssten Kirche und Politik zusammenspielen, damit es der Gesellschaft dient?
Jost: Christen verschiedener Konfessionen bilden einen wichtigen Teil der Zivilgesellschaft. Die Politik tut gut daran, das nicht nur zu würdigen, sondern die Kirche auch in Zukunft als Partner anzuschauen. Christen und die Kirche in den Privatsektor zurückzudrängen oder öffentlich zu stigmatisieren, wäre der Gesellschaft nicht dienlich. Die Kirche ihrerseits tut gut daran, sich nicht auf hergebrachte Machtpositionen zu berufen, sondern auf Augenhöhe mit anderen Gruppen der Gesellschaft im Dialog zu stehen.
Mörgeli: Es wäre sinnvoll, man würde dort aufeinander hören, wo man sich etwas zu sagen hat, und man würde sich dort weniger äussern, wo man nichts zu sagen hat. Das gilt übrigens für beide Seiten. Sie kritisieren beide in Publikationen die wachsende Verfolgung von Christen in islamischen Ländern.

Wer müsste sich hier energischer zu Wort melden: die Schweizer Kirche oder die Schweizer Politik?
Mörgeli: Ich würde eher meinen die Schweizer Kirche. Sie ist nicht neutral und muss es auch nicht sein. Doch ich bin ein Verfechter der politischen Neutralität unseres Landes. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, wenn wir diese Länder politisch angreifen und den Terror ins Land holen.
Jost: Wenn Länder die Menschenrechte und insbesondere die Religionsfreiheit missachten, dann hat sich die Politik einzuschalten. Die Kirche muss das Thema der verfolgten Christen im Bundeshaus einbringen und mit den Politikern gemeinsam auf Missstände hinweisen.

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble stellt in einem Buch fest, die Gesellschaft komme nicht ohne Religion aus. Braucht auch unsere Politik mehr Religion - oder einfach mehr Glaube?
Jost: Mehr Religion wäre mir zu unpräzise. Aber natürlich wünsche ich mir Politiker, die nach Gott fragen und zum Glauben finden. Ich bin überzeugt, dass der christliche Glaube für den Einzelnen und christliche Werte für die Gemeinschaft sehr hilfreich sind.
Mörgeli: Ich bin überzeugt, dass es von Vorteil wäre, wenn Politiker einen inneren Kompass hätten, der von der Religion und vom Glauben her bestimmt ist. Ein religionsloser Zustand wäre unserer Gesellschaft nicht dienlich. Eine gottlose Gesellschaft läuft eher Gefahr, das Leben und das Eigentum der Menschen zu bedrohen.

Welches ist denn Ihr persönlicher Kompass?
Mörgeli: Mein Kompass ist die Beachtung der Rechte der Einzelnen. Darum habe ich mich auch einer Partei angeschlossen, die das selbstverantwortliche Individuum betont. Das ist auch der grosse Vorteil des christlichen Glaubens gegenüber andern Religionen. Wir dürfen nicht mit Sprenggürteln auftreten und möglichst viele in den Tod mitreissen. Bei uns hat jeder Einzelne eine grosse Würde. Das ist der Kompass, der meinen Glauben und mein Handeln prägt.
Jost: Einmal abgesehen von den Zehn Geboten, die ich sehr hoch halte, sind für mich die sogenannten «Früchte des Geistes» im Galaterbrief eine grosse Ermutigung und zugleich eine Herausforderung: Bin ich geduldig, freundlich, gütig, treu, keusch? Fördere ich den Frieden und die Nächstenliebe?

Zu den Personen
Christoph Mörgeli, 53, wohnhaft in Stäfa. Promovierter Historiker, Diplom für das Höhere Lehramt. 2001 zum Titularprofessor für Medizingeschichte an der Universität Zürich ernannt. Von 1985 bis Herbst 2012 Leiter des Medizinhistorischen Museums der Universität Zürich. 1986 bis 1994 Mitglied und Aktuar der reformierten Kirchenpflege in Stäfa. Seit 1999 Nationalrat der SVP. Programmchef der SVP Schweiz. Gilt als einer der Chefstrategen seiner Partei. Oberstleutnant der Schweizer Armee. Vizepräsident der Europäischen Totentanz-Vereinigung. Regelmässiger Kolumnist («Weltwoche»).

Marc Jost, 39, wohnhaft in Thun. Ursprünglich Realschullehrer. Theologische Ausbildung am Seminar St. Chrischona, dann Pfarrer des Evangelischen Gemeinschaftswerks (EGW) in Thun. Seit 2012 Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz und Geschäftsführer von «Interaction», einem Verband von 23 christlichen Hilfswerken, Entwicklungsorganisationen und Missionsgesellschaften. Seit 2006 Mitglied des Berner Grossen Rates, Vizepräsident der EVP-Fraktion. Von seiner Fraktion für 2015 als Grossratspräsident vorgeschlagen. Regelmässiger Kolumnist («Berner Oberländer», «idea Spektrum»). DIESER ARTIKEL ERSCHIEN IN IDEA Spektrum 2013-25 VON: ANDREA VONLANTHEN

Freitag, 12. April 2013

Interview mit "20 Minuten" zu Erziehung und Gewalt


Die Fachstelle für Sektenfragen hat rund 21 evangelikale Erziehungsratgeber unter die Lupe genommen und festgestellt: Viele der Bücher raten zur körperlichen Bestrafung von Kindern - diese reicht vom Klaps auf den Hintern bis hin zum Verprügeln. Wo setzen sie die Grenze?
Marc Jost Wir verurteilen Ratgeber, die Eltern dazu auffordern, Kindern Gewalt anzutun. Ich selber bin dem besonders kritisierten Buch «Kindererziehung nach Gottes Plan» bis zu diesem Bericht in der Praxis nicht begegnet - und ich bin selber Pädagoge und habe als Vater christliche Erziehungskurse besucht. Dass gewisse Leute oder Organisationen darauf zurückgreifen, können wir jedoch nicht verhindern.
Können Sie Ihren Mitgliedern nicht klar kommunizieren, dass jegliche Form von Gewalt in der Erziehung Tabu sein sollte?
Wir verleihen gemeinnützigen Organisationen, welche sich an Kinderschutzrichtlinien halten, ein freiwilliges Gütesiegel. Darunter fällt auch, dass Mitarbeitende niemals ein Kind schlagen dürfen. Explizit eine Stellungnahme dazu haben wir aber noch nicht erarbeitet. Eine 2011 gegründete Arbeitsgruppe soll sich unter anderem diesem Thema annehmen.

Kritisiert wird aber nicht nur die körperliche, sondern vor allem auch die seelische Gewalt. Die Glaubensvermittlung der Eltern würde die Kinder überfordern, belasten oder in Gewissenskonflikte bringen. Nehmen Freikirchen diese Problematik zu wenig ernst?

Nein, im Gegenteil. In Verbänden wie beispielsweise jenem der Jungscharen werden das Machtgefälle von Erwachsenen zu Kindern und die damit verbundenen Gefahren explizit geschult.
Was heisst das konkret?
Jungscharleiter lernen zum Beispiel, dass Kinder nie manipuliert werden dürfen - egal, was für eine Weltanschauung sie haben. Jeder Erwachsene birgt die Gefahr, seine Ideologie weiter zu geben. Kinder sollen die Freiheit haben zu sagen, wenn sie etwas nicht wollen.
Also auch zu sagen, wenn sie nicht an Gott glauben?
Ja, Freiwilligkeit ist im christlichen Glauben gross geschrieben. Kinder sollen nicht zu etwas gedrängt werden. Umgekehrt sollten ihnen die Eltern ihren Glauben auch nicht vorenthalten. Wenn Kinder fragen, weshalb ihre Eltern gläubig sind, können sie zum Beispiel sagen, dass der christliche Glaube davon ausgeht, dass jeder eine Beziehung zu Gott braucht.

Aber dann wird dem Kind ja implizit gesagt, dass es ohne den Glauben zu Gott verloren ist?

Ein Kind sollte nicht den Eindruck haben, dass die Eltern solche Fragen einfach tabuisieren. Die Eltern sollen die Kinder einladen, offen mit ihnen über Glaubensfragen zu sprechen.
Das ist doch auch eine Beeinflussung!
Ja, allerdings wenn ich meinen Kindern fair und offen meinen Glauben darlege, gebe ich ihnen gleichzeitig auch zu verstehen, dass ich meine Liebe zu ihnen nicht davon abhängig mache, ob sie diesen teilen oder nicht.
Liest man den Bericht von Infosekta, sind aber weitaus nicht alle evangelikalen Eltern so aufgeschlossen. In einem Brief an ihre Eltern beschreibt eine junge Frau, dass sie trotz der Liebe ihrer Eltern immer Angst hatte, etwas Falsches zu tun und sich die ganze Jugend hindurch verkrampft gefühlt hat.
Ob religiös oder nicht - es gibt immer Eltern, die ihre Erziehung nicht vorbildlich wahrnehmen. Ich bedauere natürlich, dass dies in einer evangelischen Familie vorgekommen ist. Doch Fehler passieren überall.
Was bedeutet für sie eine richtige christliche Erziehung?
Der Schlüssel ist sicher die bedingungslose Liebe der Eltern. Natürlich müssen wir den Kindern auch Regeln vermitteln, sie loben wenn sie es verdient haben ist oder sie bestrafen, wenn es nötig ist. Noch wichtiger ist aber dass wir ihnen mitgeben, dass Gott die Menschen so annimmt, wie sie sind.

Donnerstag, 4. April 2013

Beresowski - von Oligarchen, Gott und anderen Göttern

Vor zwei Wochen ist der Oligarch Beresowski tot aufgefunden worden. Viele Medien berichteten anschliessend über Russland und dessen Wirtschaft und Politik seit der Wende. Eine Zeitung schrieb, Beresowski habe mit seinem Vermögen, seiner Vernetzung und seiner Macht die Hälfte der russischen Wirtschaft kontrolliert (!).
 
Ex-Präsident Jelzin: War Beresowski "sein Gott"?
Das erste der zehn Gebote der Bibel lautet: „Ich bin der HERR, dein Gott... Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Waren damals vor allem Götzenfiguren die grosse Versuchung und Gefahr für die Zeitgenossen von Mose, so sind es heute andere Dinge, die den Platz unseres Schöpfers streitig machen. Ich sehe vor allem drei Götter, die dem Höchsten den Rang ablaufen wollen: Das bin ich selber, das ist unser Besitz und das sind andere Menschen.

Die härtesten Konkurrenten für Gott in unserem Leben sind wir selber. Es ist die eigene Sorge, nicht zu kurz zu kommen. Der Egoismus, der sich über alles andere stellen will. Und die verletzte Seele, die glaubt, sich selber am besten helfen zu können. So verdrängen wir den vom ersten Platz, der alle Weisheit und Erkenntnis hätte, unser Leben wirklich reich zu machen.

Manchmal sind es aber auch materielle Güter, die zwischen Gott und mir stehen. So schnell kann Besitz und Vermögen nicht bloss Sorge bereiten, sondern eine Lust auf mehr wecken, die schier unendlich zu sein scheint. Dabei können wir uns in einen inneren Rausch entwickeln, der uns zu kleinen Dagobert Ducks werden lässt. Und eh wir uns versehen, steht Gott mit seinen Werten wie Freundlichkeit, Güte und Barmherzigkeit an zweiter Stelle hinter unserem Reichtum und seinem Ruf nach mehr. Tja, es ist eben nicht alles Gott, was glänzt!

Bei Persönlichkeitstypen mit weniger Selbstbewusstsein werden schnell einmal andere Menschen zu einflussreich in ihrem Leben, so dass diese beinahe den Status von Gott einnehmen können. Das ist dann der Fall, wenn ein Mensch und dessen Meinung für mein Leben so wichtig wird, dass ich mich gar nicht mehr in wichtigen Fragen entscheide, ohne vorher dessen Meinung eingeholt zu haben.

Vermutlich war dies nicht das Problem von Oligarch Beresowski, er soll nämlich sogar den ehemaligen russischen Präsidenten Jelzin unter seiner Kontrolle gehabt haben. Auch wenn Sie nicht 50 Prozent der Schweizer Wirtschaft kontrollieren, lade ich Sie ein darüber nachzudenken, was in Ihrem Leben in der Gefahr steht, Gott den Platz strittig zu machen.

Mittwoch, 13. März 2013

Die Bibel - falsch und überholt?

„Gott, mag sein, dass so etwas existiert, aber die Bibel als seine Offenbarung und verbindlich zu nehmen, kann das ein vernünftiger Mensch heute noch?“ Die meisten skeptischen Zeitgenossen sind wahrscheinlich zu freundlich, als dass sie dies frei und offen sagen würden. Ich vermute aber, dass solche und ähnliche Gedanken heute viele Menschen bewegen: Die Bibel ist sie nicht eine Aneinanderreihung von Mythen und Legenden? Ist sie nicht altmodisch und kulturell überholt? Wer mit solchen Gedanken vorschnell zufrieden ist, verpasst Erstaunliches.
Qumran-Rolle

Wer sich nämlich die Zeit nimmt verschiedene Kommentare oder Bücher über die Bibel zu lesen, wird Überraschendes feststellen: Zum Beispiel, dass die Texte des Neuen Testamentes, die am besten historisch belegten Quellen sind. Oder dass alleine der Erzählstil dieser Schriften darauf hinweist, dass es Augenzeugenberichte sein müssen und nicht Legenden sein können. Welcher Dichter käme beispielsweise auf die absurde Idee, Frauen als Zeugen der Auferstehung Jesu auftreten zu lassen, im Wissen darum, dass Frauen damals nicht einmal die Glaubwürdigkeit zugemessen wurde vor Gericht aufzutreten. Ja, die Berichte über Kreuzigung, Vergebung und weitere „Ausdrücke von Schwäche“ waren schon zur Zeit der Entstehung dieser Schriften regelrechte Stolpersteine für potenzielle Konvertiten. Welcher Religionsstifter hätte sie von sich aus erfunden, wenn es ihm um einen ansprechenden Glauben gegangen wäre? Der einzig plausible Grund, dass wir in den Evangelien so viele merkwürdige Szenen und Geschichten finden ist der, dass sie tatsächlich geschehen sind.

Soweit so gut, aber wie steht es denn um die überholten Moralvorstellungen in den vielen überlieferten Briefen? Wenn Paulus schreibt: „Ihr Sklaven, gehorcht euren Herren!“ Dann tönt das nicht nur für einen Afroamerikaner sehr befremdend. Aber interessanterweise haben sich gerade viele schwarze Sklaven mit biblischen Texten identifizieren können. 
Wie kam das?
Bibel fürs Smartphone

Vermutlich sind sie nicht bei der ersten Verwirrung stehen geblieben, sondern haben nach den zeitgeschichtlichen Umständen gefragt und dabei gemerkt, dass die Bedeutung eines Sklaven im ersten Jahrhundert nach Christus überhaupt nicht zu vergleichen war mit der brutalen Wirklichkeit des rassistisch motivierten Sklavenhandels des 18. und 19. Jahrhunderts. Mich motiviert gerade die Tatsache, dass der Sklavenhandel schliesslich durch Christen verboten wurde, bei Bibeltexten, die mir komisch vorkommen, umso tiefer in der Zeitgeschichte von damals zu forschen.

Dienstag, 12. Februar 2013

Ich bin gerne Christ!

Eine Zahl des Nationalen Forschungsprogramms über die Religionsgemeinschaften liess mich aufhorchen: 111 Prozent der Mitglieder von evangelischen Freikirchen besuchen regelmässig am Sonntag einen Gottesdienst.

Komisch, dachte ich. Wird da übertrieben und geschummelt? Aber nein, der Grund liegt darin, dass Gottesdienste von so genannt nicht anerkannten christlichen Kirchen auch von Gästen besucht werden, die nicht Mitglieder sind. Im Gegensatz dazu besuchen gerademal 3 Prozent der Mitglieder der evangelischen Landeskirche regelmässig einen Gottesdienst. Wie hoch auch immer der Anteil der aktiven Mitglieder sein mag, insgesamt ist es eine kleine Minderheit der Bevölkerung, die ihren christlichen Glauben aktiv lebt und bekennt. Bestimmt nicht einmal jeder zehnte Schweizer gehört zu den «religiösen Virtuosen», wie Max Weber uns einmal bezeichnete.

Warum sonntags in die Kirche gehen?

Glaube: Es ist ein besonderes Vorrecht der Glaubenden, dass uns jeden Sonntag die Vergebung zugesprochen wird. Trotz all unserer Unzulänglichkeit und unseres wiederkehrenden Versagens spricht Gott uns seine Gnade und Vergebung zu. Wenn wir an ihn glauben und Christus vertrauen, befreit er uns und versöhnt uns mit dem Schöpfer. Jeden Sonntag erlebe ich deshalb, was Freiheit bedeutet.

Hoffnung: Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, sieht viel Not, Zerstörung und Hass. Das kann uns bedrücken. Jeden Sonntag werde ich daran erinnert, dass dies nicht die ganze Wirklichkeit ist. Ich erlebe es als grosse Ermutigung zu vernehmen, dass Gott dabei ist, sein neues Friedensreich aufzurichten. Ich bekomme Hoffnung, Zuversicht und Trost, wenn ich höre und lese, dass auf mich eine neue Welt ohne Tränen, Leid und Geschrei wartet. Jeden Sonntag erfahre ich, dass ich ein Hoffnungsträger bin.

Liebe: Freunde können wir uns wählen, Glaubensgeschwister sind uns einfach gegeben, mit allen Gaben und Grenzen. Die christliche Kirche ist deshalb ein Ort des Lernens. Ich kann üben, Gottes Liebe, die ich empfange, mit meinen Nächsten zu teilen. Liebe weitergeben ist erfüllend und schön. Jeden Sonntag bekomme ich Gottes Liebe zu spüren, deshalb habe ich überhaupt die Kraft, diese Liebe auch unter der Woche mit anderen zu teilen. Warum sich das nicht mehr Menschen wünschen?

Ich jedenfalls bin gerne Christ.