Freitag, 24. April 2015

Junge Flüchtlinge in die Familie aufnehmen?

Die Krise rund um die Mittelmeerflüchtlinge bewegt mich. Ich hatte Gelegenheit, im Libanon Flüchtlingslager zu besuchen und kam tief berührt zurück. Hier ein Interview mit Livenet.ch

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Wer Flüchtlinge aufnimmt, muss sich auch auf deren kulturellen Hintergrund einlassen.
Livenet: Marc Jost, die aktuelle Flüchtlingssituation scheint dramatisch, und sie fordert auch die Christen heraus. Wo können sie sich einbringen?
Marc Jost: Neben der Fürbitte für die Flüchtlinge können Christen im persönlichen Gebet Gott fragen, wo in Bezug auf diese grosse Krise ihre Zeit, ihr Platz und ihre Verantwortung liegt. Das kann sehr unterschiedlich sein. Nicht jeder hat genügend Platz zuhause, um Obdach zu bieten, aber Beziehungen am Wohnort zu Fremden pflegen kann jeder. Als Schweizerische Evangelische Allianz möchten wir vor allem jenen Menschen ein Coaching anbieten, die Flüchtlinge oder andere Migranten persönlich im Alltag begleiten und unterstützen. Daran arbeiten wir mit Partnern.
Die Idee, jugendliche Flüchtlinge, die ohne Eltern angekommen sind, in Familien zu integrieren, hat Sie angesprochen. Welche Möglichkeiten gibt es für engagierte christliche Familien?
Mich hat dies angesprochen, weil ich vermute, dass der Familienkontext für viele unbegleitete Jugendliche das bessere Umfeld sein kann, als ein Heim, wo sie ihre Zeit in grossen Gruppen verbringen. Die Aufnahme von Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien ist jedoch bereits innerhalb unserer eigenen Kultur eine Herausforderung. Deshalb darf die zusätzliche Anforderung an die Aufnahme eines fremden Jugendlichen nicht unterschätzt werden.
Wer kann sie erfüllen? Was braucht es dazu?
Voraussetzung ist, dass Eltern die Anforderungen als Pflegeeltern grundsätzlich erfüllen. Zudem helfen interkulturelle Erfahrungen, sei es im Ausland oder unter Migranten in der Schweiz. Man muss ein Verständnis dafür haben, was Kulturunterschiede im Alltag daheim und in der Schule an Missverständnissen und Herausforderungen mit sich bringen können. Auch die Freude an anderen Kulturen ist wichtig. 
Wie können zum Beispiel Sprachprobleme gelöst werden, wenn ein Flüchtling zum Beispiel nur Arabisch oder eine afrikanische Sprache spricht?
Jeder Kanton und auch die Gemeinden bieten hier mit ihren Integrationsmassnahmen in Schule und Alltag Unterstützung. Ein Schlüssel ist, dass das Kind oder der Jugendliche möglichst rasch eine Amtsspache in der Schweiz versteht. Ideal ist natürlich, wenn eine Familie bereits Kenntnisse der fremden Sprache hat.
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Marc Jost
Welche andern Möglichkeiten gibt es für Einzelpersonen, Familien oder Gemeinden, sich an der Betreuung oder Integration von Flüchtlingen zu beteiligen?
In meiner Kirche sind viele Mitglieder an Deutschkursen und weiteren Integrationsmassnahmen beteiligt. Aber bereits die Nachbarsfamilie aus dem Irak oder aus Somalia zum Kaffee oder zum Essen einzuladen, ist hilfreich und kann ein Türöffner für weitere gemeinsame Unternehmungen sein. Und umgekehrt: Unsere eigenen Kinder werden zum Beispiel hin und wieder von einer Flüchtlingsfamilie betreut und lernen dabei erst noch Arabisch.
Wie sollen Interessierte vorgehen? Wo erhalten Sie mehr Informationen?
Oft hat es bereits im Freundeskreis Menschen mit Erfahrung. Oder dann findet man Hilfe bei der Integrationsabteilung der politischen Gemeinde und beim Kanton, bei einer Hilfsorganisation oder natürlich in der Kirche.
Von wem werden sie innerhalb der SEA unterstützt?
Innerhalb der Evangelischen Allianz gibt es mehrere Hilfs- und Missionswerke, die grosse Erfahrung haben und Interessierte beraten und unterstützen. Ich verweise da gerne auf unsere SEA-Arbeitsgemeinschaften für Mission, Interkulturelles und Religionsfreiheit. Insbesondere auch unsere Beratungsstelle für Integrations- und Religionsfragen (BIR).
Können nichtchristliche Flüchtlinge auch in die Gemeinde eingeladen werden? Darf man ihnen den Glauben bezeugen? Oder ist das politisch unkorrekt?
Was heute politisch korrekt zu sein scheint, kann nicht unser Massstab sein. Vielmehr haben wir die Möglichkeit, im Rahmen der hier gewährten Glaubens- und Religionsfreiheit unseren Glauben zu leben, zu erklären und weiterzugeben. Die SEA hat als Hilfestellung einen Verhaltenskodex ( Verhaltenskodex für SEA-Migrationsbegleiter.pdf) verfasst, der insbesondere auf die verletzliche Situation eines Flüchtlings oder Migranten eingeht. Ich möchte meine fremden Freunde auch zum Gottesdienst einladen, aber auf keinen Fall meine Unterstützung und Hilfe davon abhängig machen, ob sie sich für meinen Glauben interessieren oder nicht.

Donnerstag, 2. April 2015

Freikirchen: Dauerbrenner der öffentlichen Diskussion? - Trialog-Interview (Heilsarmee)

Thomas Martin: Sie sind bei der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) zuständig für Gesellschaftsfragen und Kommunikation. Welche Themen beschäftigen Sie momentan?
Marc Jost: Religionsfreiheit und Meinungsäusserungsfreiheit sind Dauerbrenner und für uns wichtige Anliegen. Im vergangenen Jahr waren zudem die Freikirchen sehr oft ein Thema in der Schweizer Öffentlichkeit. Das ist erfreulich. Leider gab es oftmals den Vorwurf, Mitglieder von Freikirchen würden ihr gesellschaftliches Engagement instrumentalisieren und ihren Mitmenschen den Glauben aufdrängen.

Wie setzt sich die SEA für diese Themen ein?
Zum Thema der Glaubensfreiheit haben wir eine äusserst aktive und gut kooperierende Arbeitsgemeinschaft von christlichen Nicht-Regierungsorganisationen, die sich für dieses Menschenrecht international engagieren. In der Schweiz setzen wir uns mit breiter Information für dieses Anliegen ein.

Bezüglich den Vorwürfen gegenüber Freikirchen haben wir einerseits den Kontakt zu den kritischen Medien gesucht und auch Personen für Porträts vermittelt und andererseits mit konstruktiven und erklärenden Mitteilungen agiert. Wir planen öffentliche Anlässe dazu. Arbeiten Sie in der Kommunikation auch mit Karikaturen?
Ja, Karikaturen kann ich mir sehr gut als Kommunikationsmittel vorstellen. Sie eignen sich, Dinge auf den Punkt zu bringen. Selbst für religiöse Themen oder Glaubensfragen kommt das für mich in Frage. Eine Karikatur darf aus meiner Sicht jedoch, genauso wenig wie ein Text, die Meinung anderer Menschen lächerlich machen.

Wie erleben Sie das gesellschaftspolitische Engagement von Christen?
Christen sind immer stärker gesellschaftspolitisch aktiv. Sie engagieren sich in der Bildungspolitik und Lebensethik, kämpfen gegen Armut und Ungerechtigkeit wie Menschenhandel, aber auch zunehmend für Umweltschutz oder eben Religionsfreiheit – dabei insbesondere für verfolgte Christen.

Sie sind Grossrat im Kanton Bern. Motivation Ihrer politischen Tätigkeit?
Mir wurde dieses Denken und Handeln seit meiner Jugend in meiner Kirche vorgelebt (Evangelisches Gemeinschaftswerk). Durch meine pädagogische und theologische Ausbildung wurde ich weiter dafür sensibilisiert. Ein Schlüsselerlebnis hatte ich jedoch im bürgerkrieg-geplagten Kolumbien 2002, wo ich Kidnapping, Korruption und Krieg in unmittelbarer Nähe mitbekam. Die Erfahrung von grosser sozialer Ungerechtigkeit in der Fremde hat mich „politisiert”. Deshalb ist die Bekämpfung extremer Armut eines meiner wichtigsten politischen Anliegen. Ich bin überzeugt, dass sich dadurch viele kriegerische Konflikte vermeiden liessen.


Sie haben vier Kinder. Wie bringen Sie Familie, Politik und Beruf unter einen Hut?
Im Moment bringe ich es nicht unter einen Hut und bin dabei, mich neu zu organisieren. Was uns als Familie jedoch sehr hilft, ist das Hochhalten mindestens eines freien Tages pro Woche.

Wo finden Sie den Ausgleich?
Bei meiner Arbeit. Im Ernst, meine Arbeit macht mir enorm Freude und erfüllt mich. Aber ich spiele auch regelmässig Volleyball. Zudem geniesse ich das Spielen, Sport treiben oder Musizieren mit den Kindern. Der Eheabend mit meiner Frau ist auch jede Woche ein besonderes Highlight.