Donnerstag, 20. Dezember 2012

Gott, ein Mensch?

In der Weihnachtsgeschichte der Bibel finden wir den Bericht, dass bereits die Geburt von Jesus Christus unter ganz besonderen Umständen stattfand. Aber dies allein hätte nicht gereicht, dass wir noch heute diese eine Geburt im Nahen Osten ganz besonders feiern. Die Geburt und das ganze Leben, Sterben und Auferstehen von Jesus von Nazareth hat die Menschheit unvergleichlich geprägt. Kein Buch hatte so viel Nachwirkung wie die Bibel. Kein Buch ist in so viele Sprachen übersetzt worden. Kein Buch wurde so oft gedruckt, zitiert oder rezitiert. Aber nicht nur die Bibel, dieses Jesus-Buch, sondern Gottes Sohn selber hat der Welt in besonderer Weise seinen Stempel aufgedrückt. Jemand hat einmal gesagt: Wieso sollte ich nicht an die Weihnachtsgeschichte und an das Leben Jesu glauben? Es steht ja jeden Tag in der Zeitung, dass sie geschehen ist: Heute steht zum Beispiel 21. Dezember 2012. Dieses Datum bezieht sich auf das Leben Jesu. Unsere Zeitrechnung basiert auf diesem Ereignis. Milliarden von Menschen bezeichnen und bezeichneten sich als seine Nachfolger. Kein Mensch, kein anderer Glaube hat so viele Menschen bewegt und überzeugt.
Was aber hat dazu geführt, dass dieser Mann, dieses Ereignis, dieses Leben über all die Jahre so viel Nachwirkung hatte? Weshalb sollten wir seine Geburt auch in diesem Jahr feiern? Weil er gute Gedanken hatte, wie zum Beispiel jenen: „Wahre Liebe zeigt, wer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ Oder weil er gut gepredigt hat und die Ideale der Bergpredigt verkündet hat? Weil er vorbildlich gelebt hat und kein Vergehen von ihm überliefert ist? Aber grosse Philosophen, gute Redner und vorzügliche Menschen kennt die Welt viele. Was also macht Jesus von Nazareth und damit seine Geburt so einzigartig?
Ich glaube, es ist seine Identität. Jesus hat auch viel über sich selber geredet. Herausfordernd kommt das in seinen Ich-bin-Worten zum Ausdruck: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Oder: „Ich bin das Licht der Welt.“ Man stelle sich vor, ein Uniprofessor oder ein Staatspräsident würde heute so von sich reden. Wir wären sofort skeptisch und würden ihm – zu Recht – Arroganz und Überheblichkeit vorwerfen. Weshalb tun wir es bei Jesus Christus nicht? Ich denke, schlicht weil es wahr ist und in ihm Gott Mensch geworden ist. Für mich ist das der Grund auch in diesem Jahr, die Geburt des Gottessohnes zu feiern. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten!

Freitag, 16. November 2012

Verheerende Identität in Ägypten

Präsident Mursi spricht vor den UN
Er zeigt mir seine Identitätskarte. Aber ich verstehe nicht, was da steht. Es ist in arabischen Schriftzeichen geschrieben. So erklärt mir mein ägyptischer Berufskollege: Auf jedem Ausweis stehe, ob jemand Muslim oder Christ sei. Etwa bei rund zehn Prozent der Ägypter stehe auf der ID, dass der Inhaber Christ sei. Bei der grossen Mehrheit stehe Muslim, ganz egal welcher islamischen Richtung oder Frömmigkeit er angehöre.

Mich erinnert diese Tatsache aus dem arabischen Frühling eher an den Herbst des 2. Weltkriegs, als in Europa Menschen mit jüdischer Abstammung ein „J“ in ihren Pass gestempelt erhielten. Für viele war das damals gleichzeitig ihr Todesurteil. In Ägypten ist die Situation anders, aber für etliche Menschen im Staat am Nil ist ihre Religionszugehörigkeit auf der Identitätskarte ebenfalls mit grossen Problemen verbunden.

Zum Beispiel für Christen, die innerhalb der Verwaltung oder Politik Verantwortung übernehmen wollen. Sehr oft wird ihnen auf Grund ihrer ID ein Aufstieg verunmöglicht. Auch im täglichen Leben kann die Identitätskarte verheerende Folgen haben: Mein Freund erzählt mir von mehreren Fällen, in denen unbescholtene Bürger, auf deren ID „Christ“ stand, von der Polizei festgenommen und lange Zeit in Untersuchungshaft genommen wurden. Und dann erzählt er mir vom grössten Problem mit der ID:

Viele Menschen muslimischer Abstammung kommen zum Glauben an Jesus Christus, was für Muslime schon im familiären Umfeld eine riesige Herausforderung darstellt. Wenn nun ein Ägypter seine Religionszugehörigkeit auf dem Ausweispapier ändern lassen will, beginnen die Probleme erst richtig. Und dies in einem Staat, der die Erklärung der Menschenrechte unterzeichnet hat. Wer es bisher auf juristischem Wege versucht hat, ist nicht nur gescheitert, sondern ist heute gezwungen, in Anonymität und im Untergrund zu leben, wenn er am Leben bleiben will.

Ich bin einmal mehr bewegt nach diesem Zeugenbericht. Das darf doch nicht sein! Was können wir tun, damit wirkliche Religionsfreiheit in solchen Staaten gefördert werden kann? Einige Ideen habe ich. Lassen auch Sie sich bewegen! Und informieren Sie sich über die Lage von Christen in Staaten ohne Religionsfreiheit! Zum Beispiel anlässlich des „Sonntags der verfolgten Kirche“ und weiteren Anlässen zum Thema: www.verfolgung.ch

Dienstag, 6. November 2012

Fatalist oder Christ?

Die Welt ist nicht so, wie sie sein sollte. Das muss man heute niemandem erklären. Obwohl wahrscheinlich nur eine Minderheit in der Schweiz die Erklärung dafür hat, wie es dazu kommen konnte.
Wir haben zwei Möglichkeiten mit dieser Tatsache umzugehen: Ich kann Verantwortung übernehmen und mit den mir gegebenen Möglichkeiten versuchen, etwas zu ändern. Oder ich glaube, dass ich nichts verändern kann und hoffe, dass es mich selber nicht zu hart erwischt im Leben.
Der Fatalist nimmt alles hin wie es ist, weil er davon überzeugt ist, dass er die Welt nicht verbessern kann. Er denkt, dass er weder die Gleichgültigkeit gegenüber Gott, noch den Welthunger, die unaufhörliche Gewalt oder all die Ungerechtigkeiten aus der Welt schaffen kann. Er sieht, wie oft bereits versucht wurde Frieden zu stiften, Menschen eine bessere Zukunft zu ermöglichen und den liebenden Gott zu verkündigen. Aber immer stellt er ein Scheitern fest. Weshalb die Hoffnung behalten?
Der Christ sieht die Welt anders. Weil er Gott, seine Schöpfung und insbesondere auch seinen Nächsten liebt, bewegt ihn die Not so sehr, dass er etwas ändern will. Er hat die Hoffnung dass es gelingt, weil er weiss, dass Gott der allmächtige Schöpfer und Erlöser ist. Und er glaubt, dass Gott selber durch uns Menschen diese Welt mehr und mehr verändern will, weil er sie liebt. Ein Christ, der nichts verändern will, ist eigentlich gar kein Christ, sondern ein Fatalist.
Und ein Zitat Gandhis stimmt für Christen mehr als für jeden anderen Menschen: «You must be the change you want to see in the world.» Sei der Wandel, den du in der Welt sehen willst! Lassen wir es zu, dass Gott an uns arbeitet und uns verändert! Vielleicht ist es sein Weg, die Welt zu verbessern?

Dienstag, 16. Oktober 2012

Mein Nachbar in Not


Jeden Tag sterben über 20‘000 Menschen - meist Kinder- weil sie zu wenig zu essen oder kein sauberes Trinkwasser haben. Wenn wir die Welt als Dorf von 100 Einwohnern ansehen, dann bedeutet dies, dass 14 Menschen in diesem Dorf hungern oder kein sauberes Wasser haben. Vor kurzem haben wir uns in einer kleinen Gruppe bei uns im Wohnzimmer diese und andere Zahlen vor Augen geführt. Dabei habe ich festgestellt, dass mich diese Zahlen der Armut viel mehr bewegen oder empören, wenn ich sie auf ein Dorf übertrage.

Wie kann eine Dorfgemeinschaft wegschauen oder ignorieren, wenn 14 ihrer Nachbarn sterben, weil zu wenig oder schlecht ernährt sind? Sie wird es kaum können. Die Verantwortlichen werden es als ihre Pflicht und Verantwortung sehen die Solidarität im Dorf dahingehend zu lenken, dass zumindest das Überleben all ihrer 100 Bewohner sichergestellt ist. Sie werden in diesem Zusammenhang insbesondere darauf hinweisen, dass es für die reichsten fünf Dorfbewohner eine Kleinigkeit ist, sich wirtschaftlich dieser Not anzunehmen.


Seit 20 Jahren hören wir, dass die Welt zum Dorf geworden ist. Nicht nur Menschen sind mobiler geworden – durch billigen Flugverkehr -, sondern Information in Echtzeit aus dem hintersten Winkel der Erde ist alltäglich geworden – durch eine weite Verbreitung von Internet und Satellitenfernsehen. Wieso schafft es die Weltgemeinschaft nicht in ähnlicher Weise, wenigstens das Überleben derer sicherzustellen, die in extremer Armut leben?


Im Informationszeitalter besteht offenbar die Gefahr, dass wir Menschen mit Informationen über unüberblickbare Leiden und Nöte der massen überflutet werden, dass es bei uns eher Ohnmacht auslöst, als uns zum konkreten Handeln anregt. Natürlich lösen Schreckensmeldungen nicht bei jedem Menschen dasselbe aus. Ich wünsche mir, dass diese Kolumne einige wenige Leser dazu ermutigt, einem konkreten Leiden in der Welt zu begegnen.


Dazu bietet sich der Welternährungstag vom 16. Oktober an: Könnte es ihre Verantwortung sein ihrem Nachbarn im weltweiten Dorf zum Überleben zu helfen? Ich würde mich über Ihr Feedback freuen, wenn Sie den 16. Oktober neu als Motivation genommen haben, einen kleinen Beitrag für mehr Gerechtigkeit im globalen Dorf genommen haben.

Freitag, 7. September 2012

Das ist nicht fair!

Man braucht keine Stunde spielenden Kindern zuzuschauen, bis man eines sagen hört: Das ist nicht fair! Aber auch wir Erwachsenen erleben kaum einen Tag, an dem wir nicht eine Ungerechtigkeit erleben. Ein Beamte nützt seine Stellung missbräuchlich und verweigert einem Bürger sein Recht. Ein Betrunkener fährt einen Fussgänger am Strassenrand zu Tode. In Syrien werden unbeteiligte Zivilisten regelrecht abgeschlachtet. Das ist nicht fair! Wir Menschen wissen, ohne dass man es uns lange erklärt, was Gerechtigkeit ist. Wir sind uns zwar nicht immer einig, aber das Grundverständnis ist uns allen gemeinsam.
Wir wollen auch, dass Ungerechtigkeit verschwindet. Und nach dem Völkermord an Juden in Deutschland, an den Armeniern durch die Türkei oder dem Genozid an den Tutsi in Ruanda haben immer wieder Menschen gesagt: So etwas darf nie mehr geschehen! Aber wie der englische Autor N.T. Wright schreibt: „Wir sind wie Motten, die versuchen zum Mond zu fliegen: Wir wissen, dass es so etwas wie Gerechtigkeit gibt, aber wir können sie nie ganz erreichen.“ Und trotzdem, wer die Hoffnung aufgibt, dass es sich lohnt für mehr Gerechtigkeit in der Welt einzustehen, der wird rasch einmal zynisch. Wer aufgibt, schafft plötzlich selber Ungerechtigkeiten, indem er mit seinem beissenden Spott oder seiner Gleichgültigkeit andere Menschen verletzt oder im Stich lässt.
Deshalb ist die einzig richtige Haltung angesichts aller Ungerechtigkeit die Frage: Ist es an mir etwas zu verändern? Kann ich hier etwas zum Guten bewegen? Das ist nicht immer möglich. Und doch brauchen wir immer wieder den Zuruf: Komm, verändere die Welt! Und wenn dies vorerst bedeuten sollte, bei sich selber anzufangen. Denn es ist offensichtlich: Auch wir selber sind leider immer wieder Ursache für unfaires Verhalten. Und oft hätte unser Schöpfer das Recht uns wegen unzulässigem, ungerechtem Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen. Aber was unsere persönliche Rechtsprechung vor Gott betrifft, sind wir begnadigt worden. Jesus Christus hat das auf sich genommen und für uns den Preis bezahlt. Auch das ist unfair! Aber erst das macht uns wirklich fähig, mit der Ungerechtigkeit um uns klar zu kommen. Denn gleichzeitig sagt Gott: Einmal wird kein Leid, kein Schmerz und kein Geschrei mehr sein. Diese Hoffnung auf eine „bessere Welt“ macht uns zu Hoffnungsträgern.

Freitag, 31. August 2012

Pietismus 2.0





Integrale Mission, integriertes Christsein, missionaler Lebensstil, emerging church, ganzheitliches Evangelium, holistischer Ansatz: Alle diese Begriffe sind kaum älter als ich selber. Bei dieser Fülle an neuen Begrifflichkeiten könnte man meinen, in der Post-Moderne habe die Christenheit nun endlich verstanden, worum es im Leben mit Gott und der Versöhnung durch Jesus gehe.

So intensiv wir uns auch bemühen, dass wir als Christen unseren „Glauben am Montag“ leben, das „Büro als Fischteich“ betrachten und „den Auftrag der 97 Prozent“ - die nicht in einem geistlichen Beruf tätig sind – fördern. Denken wir daran! Wir haben das nicht erfunden! So sehr wir uns bemühen „inkarnativ“ zu leben, das Evangelium zu „kontextualisieren“ und „holistisch“ unsere Mission zu leben. Wir sind nicht die ersten.

Im 17. Jahrhundert wurden Menschen, die in Europa ähnlich glaubten, dachten und lebten anfangs spöttisch als „Pietisten“ bezeichnet: die „Frömmeler“. Der Pietismus, diese Bibel-, Laien- und Heiligungsbewegung, wollte – wie wir – ihre Gesellschaft transformieren. Sie waren sich bewusst, dass eine innige Gottesbeziehung und intensives Bibelstudium sowie verbindliche Gemeinschaft in Hauskreisen die Grundlage ihres Wirkens waren. Gleichzeitig scheuten sie sich nicht „in der Welt“ zu leben, obwohl sie nicht „von der Welt“ waren. Mehr und mehr entstanden unter dem Einfluss der Pietisten über die Jahrzehnte Universitäten, Missionsgesellschaften, Bibelgesellschaften, Volksschulen, Spitäler, Waisenhäuser und vieles mehr. Wer weiss vielleicht würden Tersteegen, Neander, Spener (Bild), Francke und Zinzendorf unsere Bemühungen einfach als Pietismus 2.0 bezeichnen. Und sie waren ja auch nicht die ersten ihrer Art. Haben sie nicht einfach das getan, was Jesus seinen Jüngern 17 Jahrhunderte früher gelehrt hat?

Freitag, 13. April 2012

Randständige Unternehmer

Es war im Januar 2007 in Leipzig als ich ein Aha-Erlebnis hatte. Friedhelm Loh (Bild), Unternehmer, Vizepräsident des grössten deutschen Industrieverbandes und einer der 30 reichsten Deutschen hielt ein Seminar. Ich kann mich nicht mehr an den genauen Titel erinnern. Aber es ging um die Fragen, wie Unternehmer in der christlichen Gemeinde besser integriert werden könnten. Mein Aha-Erlebnis: Unternehmer sind tatsächlich so etwas wie „Randständige“ in unseren Kirchen. Milliardär Loh erzählte von sich und anderen Unternehmern und davon, was es so schwierig machte.
In einem Interview sagte er später dazu: „Man begegnet erheblichen Vorurteilen. Alles zwischen Ausbeuter und Wohltäter... Das liegt auch daran, dass es leider immer weniger christliche Unternehmer gibt. Man wird nicht "normal" behandelt... Das empfinde ich in vielen Bereichen als Belastung.“ Gleichzeitig seien Unternehmer geprägt vom Berufsumfeld, wo sie ständig entscheiden. Das ergebe eine gewisse Persönlichkeitsstruktur: „Da fällt es manchmal schwer, sich hinzusetzen, zuzuhören – und seinen Erfahrungshintergrund zu vergessen.“
Ich hatte mir davor kaum jemals überlegt, dass es gerade für diese Berufsgruppe schwierig sein könnte, sich in der christlichen Gemeinde wohl zu fühlen. Aber in einem Seminar mitten unter dieser Spezies fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ja, in der Tat, sowohl Pastoren wie auch Unternehmer müssen mutige Schritte aufeinander zugehen. Wir brauchen keine besonderen „Unternehmerkirchen“. Nötig ist eine Portion Mut und Demut, sich dem so ganz anderen auszusetzen. Unternehmer wollen nicht auf ihre Firma und ihr Vermögen reduziert werden. Und die Kirche tut gut daran, sie zuerst einfach als Menschen mit Hoffnungen, Ängsten und Sorgen zu nehmen, wie sie jeder kennt.
Was dann geschehen kann, lernte ich auch von Loh: Er engagiert sich nicht nur in der Gemeinde, sondern zudem in den Vorstanden vom Bibellesebund, bei ProChrist und Christival, ist Vorsitzender der Stiftung Christliche Medien (SCM) und hat das Bundesverdienstkreuz erhalten.
erschienen in idea Spektrum 11. April 2012

Donnerstag, 5. April 2012

Warum hast du mich verlassen?

In schwierigen Situationen des Leidens liegt manchen Menschen die „Warum-Frage“ auf der Zunge. Sind wir uns bewusst, dass diese Frage ein Gebet ist und deshalb sicher nicht das Falscheste in einer notvollen Lebenslage?
Als Jesus Christus vor rund 2000 Jahren brutal am Kreuz hingerichtet wurde und lange leiden musste, stellte er ebendiese Frage: Warum? Oder genauer: Er betete aus dem Psalm 22, wo es heisst: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wer „warum?“ fragt, hat eine Gottesbeziehung, sonst würde er Gott nicht fragen, sondern könnte nur über die verzweifelte Lage fluchen. Aber die Hinwendung zu Gott mit dieser Frage ist ein guter Reflex.
Es ist jedoch selten so, dass darauf die Frage auch gleich beantwortet würde. Ja, das bleibt wahrscheinlich eher die Ausnahme. Viel entscheidender scheint mir, dass Gott auf die verzweifelte Frage immer mit seiner Gegenwart, mit seiner Nähe antwortet. Das hat auch der Schreiber von Psalm 22 so erlebt; König David.
Nachdem er Gott all seinen Kummer klagt, folgt die Wende in seinem Herzen, und er findet zum Loben zurück, weil er sich an all das erinnert, was Gott Gutes für ihn getan hat und was Gott ihm verheissen hat. Er ist überzeugt, dass Gott trotz allem treu bleibt: „Deine Treue preise ich in der grossen Gemeinde!“
Wir können annehmen, dass auch Jesus am Kreuz den ganzen Psalm gebetet hat. Auch er hat dem himmlischen Vater die „Warum-Frage“ gestellt. In der Not war er verzweifelt wie wir alle, wenn tiefes Leid über uns kommt. Dann aber wird sich auch Jesus am Kreuz an Gottes Treue und Macht erinnert haben, wenn er im Psalm fortgefahren ist: „Denn der Herr regiert als König; er herrscht über die Völker.“ Und noch viel mehr als Gottes Macht, ist Gottes Nähe im Leiden gewiss: „Er verbirgt sein Gesicht nicht vor mir; er hat auf mein Schreien gehört.“
Jesus Christus kennt nicht nur die Not, die mich vielleicht gerade plagt. Er teilt sie auch mit mir. Karfreitag soll uns daran erinnern, dass Gott im Leiden mit uns Gemeinschaft hat und uns schliesslich daraus erlösen will.
erschienen im Berner Oberländer vom 5. April 2012

Freitag, 2. März 2012

Ich war krank...

„Hauptsache, man ist gesund!“ Das höchste Gut ist die Gesundheit, könnte man meinen, wenn man der OECD glaubt: Als Schweizer geben wir zehn von 100 Franken für unsere Gesundheit aus. Damit sind wir weltweit auf Rang drei. Und in der Tat ist Gesundheit wichtig für uns. Das erkennen wir auch, wenn wir die Finanzen weglassen. Wie schnell können uns Kopf-, Zahn- oder Bauchschmerzen völlig aus der Bahn werfen! Wie stark wird eine Gesellschaft in ihrer Entwicklung ausgebremst, wenn Krankheiten wie Aids, Malaria oder Tuberkulose wüten!
Ganz klar, niemand ist gerne krank. Und doch ist Krankheit immer wieder eine Realität, wenn nicht im eigenen, so doch im Leben von Freunden, Bekannten und Verwandten. Und das Ausmass der eingeschränkten Funktionsfähigkeit kennt alle Variationen. Verständlich, dass auch in der Kirche Gesundheit, Heilung und Wohlergehen Hochkonjunktur haben.
Manchmal rückt das Bemühen um Gesundheit so sehr ins Zentrum, dass der Kranke selber - als Mensch - beinahe vergessen geht. Gerade mit dem Mehr an Technologie, welche die medizinischen Eingriffe mehr und mehr prägt. Dabei wäre gerade die Begegnung und Beziehung zum kranken Menschen ein verheissungsvoller Akt. Gott verspricht nämlich dabei nichts weniger, als ihm ganz persönlich zu begegnen! Sie finden das übertrieben? Lesen Sie selber: „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. … Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Eine Gottesbegegnung beim Krankenbesuch, das versprechen die Worte Jesu in seinem Gleichnis zum Weltgericht. Und nicht nur das, er macht gerade unseren Umgang mit kranken Menschen zum Kennzeichen für Menschen, die sich von Gott haben gerecht machen und verändern lassen. Wer Gott begegnet ist und ihm Raum gibt, wird ihn gerade auch im Schwachen, Gefangenen, Fremden, Armen und Kranken suchen. Denn genau mit dieser Gruppe von Menschen identifiziert sich Gott besonders. Daran hat Jesus, der „herunter gekommene Gott“ keinen Zweifel gelassen! Möchten Sie Gott übers Wochenende begegnen, dann besuchen Sie einen kranken Menschen!

Mittwoch, 8. Februar 2012

Geld und Moral

Geld und Moral beherrschen seit Monaten die öffentliche Diskussion; nicht nur in der Schweiz, nein in ganz Europa und auch in Übersee. Es stechen riesige Unterschiede bei Einkommen und Vermögen ins Auge, ebenso wie immense Schuldenberge, welche darauf hinweisen dass hier eine (westliche) Gesellschaft über ihren Verhältnissen lebt. Das Thema regt zum Nachdenken an. Welche Kernaussagen macht eigentlich die Bibel zum Thema Geld? Sie sagt nicht pauschal, Geld und Reichtum seien einfach schlecht oder gut. Und trotzdem gibt es herausfordernde Aussagen zu Geld und Moral. Eine schwerwiegende Aussage von Jesus steht in Matthäus 6: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz… Niemand kann zwei Herren dienen: … Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“
Auch wenn Jesus hier provozierend Gott und Mammon einander ausschliessend gegenüber stellt, wird Reichtum und Wohlstand nicht einfach verurteilt. Jesus weist aber auf die korrumpierende Macht des Geldes hin, wenn es zum wichtigsten Faktor im Leben geworden ist. Das muss uns beunruhigen: Hat mich das Geld so sehr im Griff, dass es meine ethischen Überzeugungen beeinflusst, ja über den Haufen wirft? Oder bewahre ich meine moralische Unabhängigkeit auch dann, wenn mir Geldsummen möglich wären?
Nachdem bisher öffentlich vor allem darüber gestritten wurde, ob solche moralischen Massstäbe von Führungskräften mit grosser Verantwortung erwartet werden dürfen, möchte ich Herr und Frau Schweizer mit diesem Anspruch konfrontieren: Prüfen wir unsere Motive im Alltag? Bin ich in meinen Gedanken und Entscheidungen primär von finanziellen Faktoren beeinflusst? Oder ordne ich Anreize zu mehr Vermögen letztlich Gottes Geboten unter, die mich dazu verpflichten das Gemeinwohl höher zu gewichten als mein Privatkonto?