Samstag, 28. März 2009

Anonyme Christen heute

Im vergangenen Jahrhundert hat ein Theologe (Karl Rahner) den Begriff "anonyme Christen" geprägt, und zwar für Menschen, die in ihrem Leben nie mit dem christlichen Glauben und der Bibel in Berührung kamen, aber deren Lebenswandel potenziell der eines gläubigen Christen gewesen war.
Ich fülle den Begriff "anonyme Christen" heute anders, weil mich ein Phänomen in der Christenheit beschäftigt. Immer wieder begegne ich Menschen, die sich aus der Gemeinschaft der Gläubigen verabschiedet haben oder dabei sind sich zurückzuziehen. Sie tun dies nicht, weil sie den Glauben an Gott und das Vertrauen in Jesus Christus verloren hätten. Es ist also keine Abkehr vom Glauben, sondern eine Abkehr von den Gläubigen. Wenn ich nach Gründen frage, werden oftmals zwischenmenschliche Probleme, zeitliche Überlastung und Beschneidung der persönlichen Freiheit erwähnt. Das stimmt nachdenklich!
Lässt sich Christsein in der Anonymität leben? Weshalb fliehen Christen in die anonyme Einsamkeit? Bestimmt führen verschiedene Gründe dazu. Wer in der Gemeinschaft verletzt wurde, braucht Mut, das zu thematisieren. Wer überlastet ist, braucht Mut nicht bei der Gemeinschaft mit anderen zu sparen. Wer sich eingeengt fühlt, braucht Mut seinen Individualismus zu hinterfragen. Das Verheerende am Schritt in die Anonymität ist, dass er keine Arznei gegen die "konstatierte Krankheit" ist, sondern dass die Einsamkeit und die Selbstbezogenheit das Übel bloss vergrössern wird.
Ein anderer Theologe des vergangenen Jahrhunderts hätte dazu vieles zu sagen. Dietrich Bonhoeffer, der selber einige Jahre bis zu seiner Hinrichtung gezwungen war, getrennt von andern Christen zu leben, schreibt in "Gemeinsames Leben": "Es ist nichts Selbstverständliches für den Christen, dass er unter Christen leben darf. Sichtbare Gemeinschaft ist Gnade." Ich wünsche Ihnen immer wieder den Mut sich der Gemeinschaft zuzuwenden trotz Hindernissen, den Mut zur Gemeinde!
Berner Oberländer vom 28. März 2009

Dienstag, 3. März 2009

Begnadete Leistung?

Kennen Sie Calvin? Nein, ich meine nicht die kleine schulmüde Comic-Figur. Ich denke an den Reformator, der Genf und noch viele andere Städte tiefgreifend verändert hat. Vor rund 500 Jahren ist er geboren, deshalb feiern wir neben dem Darwin- auch das Calvin-Jahr. Mich beschäftigt eine Frage besonders, wenn ich an Johannes Calvin denke: Welchen Stellenwert hatte für diesen grossen Theologen (und Juristen) die Arbeit?
Wie ich gerade auf diese Frage komme? Einerseits hat Calvin ähnlich wie Luther und Zwingli messerscharf herausgearbeitet, wie der Mensch zum Heil gelangen kann: Nicht durch irgendwelche guten Werke, sondern durch bedingungslose Gnade. Andererseits hat Calvin eine Arbeitsethik vertreten, die zwar jeglichem Selbstzweck eine Absage erteilte, aber von den Menschen trotzdem alles abverlangte. Wie können zwei so unterschiedliche Ansätze von ein und demselben Menschen stammen?
Erst vor kurzem hatte ich dazu ein Aha-Erlebnis. Der Grund könnte in Calvins Prädestinationslehre liegen. Da gemäss seiner Auffassung jeder Mensch seit je her entweder für den Himmel oder die Hölle vorherbestimmt war, sollte sich der einzelne zumindest über seinen Gnadenstand Rechenschaft ablegen. Das hiess also: Kann ich an meinen Werken erkennen, ob ich von Gott gnadenvoll erwählt wurde oder weist mein Lebenswandel auf das Gegenteil? Mit anderen Worten: Fleiss, Zuverlässigkeit und wirtschaftlicher Erfolg bedeuteten, dass der Betroffene dies als Zeichen seiner göttlichen Erwählung verstehen konnte. So viel ich auch von Calvin in verschiedensten Fragen halte, äxgüsi, war seine Prädestinationslehre ein Schritt zurück in die Zeit vor der Reformation? Ich fürchte ja.