Montag, 28. Juni 2010

Gib mehr als du nimmst!


Ein Berufskollege steht auf dem Friedhof und hält die Grabrede. Um ihn herum ist einzig der Sarg mit dem Toten und die Bestatter. Die Grabrede hält er zu sich selber. Es herrscht gähnende Leere. Eine sonderbare Situation, weshalb kam niemand zur Trauerfeier? In Gesprächen mit Angehörigen findet der Pfarrer heraus, dass der Tote ein Mensch war, der fast ausschliesslich auf seine eigenen Bedürfnisse bedacht war und der, je älter er wurde, umso verbitterter gewesen war. So wie er gelebt hatte, war er auch gestorben: alleine mit sich selber.
Bei einer anderen Beerdigung platzte die Kapelle aus allen Nähten, und man trat ratlos an den Pfarrer heran, was man mit den vielen weiteren Trauergästen nun tun solle. Auch am Grab war schlicht zu wenig Platz für alle, die von dem Verstorbenen Abschied nehmen wollten. Was war hier anders? Rückblickend auf das Leben der Person konnte man feststellen: All die Menschen waren nicht erschienen, weil der Verstorbene viel von der Welt nehmen wollte, sondern weil er so viel gegeben hatte. Was ihm anvertraut wurde, gab er anderen Menschen weiter. Er investierte seine Gaben und beschenkte andere. Aus Dankbarkeit und in guter Erinnerungen an diese Grosszügigkeit kamen die Menschen zur Trauerfeier.
“Geben ist seliger als nehmen.” So zitiert Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, Jesus im 20. Kapitel. “Selig”, was bedeutet das - über die Anzahl der Besucher meiner Beerdigung hinaus? Lukas verwendet dasselbe Wort, das Jesus in der Bergpredigt bei den Seligpreisungen gebraucht. Und verschiedene Bibelübersetzungen reden dort von “gesegnet” oder “glücklich” ist, wer dies oder jenes tut... Also kurz und fromm: “Wer viel gibt, wird reich gesegnet.” Oder etwas volkstümlicher: “Wer mehr gibt, als er nimmt, lebt glücklicher.”
Ein Soziologe wollte dieser These auf den Grund gehen und machte Umfragen. Über 200 alte Menschen, die andere als glücklich bezeichneten, hat er interviewt um herauszufinden, was es denn sein könnte, das ihr Leben erfüllt. Und siehe da! Ein Element, das immer wieder vorkam, war das grosszügige Geben: “Als wir den Menschen zuhörten, die andere uns als glücklich und weise beschrieben hatten, wurde uns bewusst, dass der, der am meisten gibt, das grösste Mass an Freude erntet.”
“Gib mehr als du nimmst”, ist demnach tatsächlich eine verheissungsvolle Aufforderung. Interessant wäre es bestimmt, einen Ökonomen zu fragen, was er über dieses Prinzip denkt. Wäre das Bibelzitat “Geben ist seliger als nehmen” vielleicht sogar etwas für die Finanzwelt? Es ist jedenfalls erstaunlich, dass viele Menschen sagen, dass sie reich beschenkt werden, wenn sie grosszügig weitergeben.
Nun ist es ja gut und recht, dass wir selber glücklich werden möchten und dass wir uns dem entsprechend anspornen viel weiterzugeben. Gleichzeitig ist es immer wieder schön zu sehen, wie sich der Beschenkte oder die Empfängerin selbst über eine Gabe freut. Es geht also nicht nur um die Anzahl der Besucher auf meiner Beerdigung, sondern auch darum, dass mein Mitmensch gesegnet wird.

Donnerstag, 10. Juni 2010

Ein alter Zopf?

In den letzten zehn Jahren wurde das Anliegen der Diakonie und der sozialen Verantwortung in der evangelikalen Kirchenlandschaft immer wieder zum Thema gemacht und gefördert. Und dies zu Recht! Nach wie vor leben zu viele Christen mit einer dualen Weltsicht: Wir sind die gesandten Evangelisten und machen Heiden zu Christen. Das ist unser wichtigster Dienst in dieser Welt. Die anderen, die säkularisierten und areligiösen Zeitgenossen können sich um die irdischen Dinge kümmern: um Sozialarbeit, Bildung und generell um das Gemeinwohl in öffentlichen Ämtern.

Dass mit der Trennung und Priorisierung dieser beiden Aufträge je länger desto mehr Schluss gemacht wird, ist höchste Zeit. Dass jedoch erst in relativ junger Vergangenheit die Mission Jesu wieder ganzheitlicher gesehen wird, überrascht mich. Denn seit meinem Geburtsjahr ist mit der «Lausanner Verpflichtung» vor 36 Jahren auch für die weltweite «evangelische Gemeinde» festgehalten: «Missachtung der Menschenwürde, Ausbeutung und die weltweiten sozialen Missstände» müssen angeprangert werden. Ein Dauerthema seit über einer Generation könnte man meinen. Leider nein.

Offensichtlich ist es so, wie ich vor Kurzem Dominik Klenk, den Leiter der «Offensive junger Christen» (OJC) sagen hörte: «Ein Leitbild auf dem Papier nützt nichts, es muss ‹inkarniert›
werden. Diakonie ist zwar ein alter Zopf und besteht nicht erst seit 1974, sondern mindestens seit Mose und Gottes Anweisungen an sein Volk. Dieser alte Zopf muss nicht abgeschnitten, sondern viel eher entflochten und entfaltet werden. Denn erst wenn Diakonie ‹Fleisch wird›, kommt das Evangelium zur Geltung.»

Samstag, 5. Juni 2010

Mein Tagebuch


Seit etwa sieben Jahren führe ich ein Tagebuch. Genau genommen ist es kein Tagebuch, ich schreibe da nämlich nicht täglich hinein. Ich schreibe am Morgen dann und wann mal meine Gedanken hinein. Es kann vorkommen, dass dies einige Tage hintereinander geschieht. Es kam aber auch schon vor, dass ich einen Monat lang keinen Eintrag machte. Das Tagebuch ist für mich eigentlich ein Gebetsbuch. Es sind meine Gedanken an Gott, meine Gefühle, die ich vor Ihm in Worten ausdrücken will. Ich versuche Erfahrungen aufzuschreiben, die mich dankbar machen. Ich notiere Erlebnisse, wo ich Gottes Eingreifen erlebt habe. Und ich schreibe Sorgen, Fragen und Nöte auf, die mich umtreiben. Auf dem Buchdeckel habe ich geschrieben: «Wenn du Gott bist, bitte öffnen!» Ich denke, dass bisher niemand, mein Zwiegespräch mit Gott mitverfolgt oder gelesen hat. Weshalb schreibe ich denn alles auf? Im Grunde genommen ist es eine durch und durch selbstbezogene Sache, die mir selber gut tut. Beim Schreiben komme ich zur Ruhe. Ich ordne meine Gedanken und finde oftmals Frieden für meine Seele, die hin und wieder richtig aufgewühlt ist. Dann wieder hatte ich irgendwann eine Frage oder ein Gedanke für kommende Zeiten notiert, und ich werde ermutigt durch die Tatsache, dass sich eine Antwort ergeben oder eine eingeschlagene Richtung bestätigt hat. Es kommt auch vor, dass ich eine Frage oder ein Anliegen immer wieder notiere. Ich denke nicht, dass dies ein Problem für Gott ist. Vielmehr zeigt es mir, wo ich anscheinend selber ein Problem habe. Manches löst sich plötzlich und verschwindet. Anderes bleibt unbeantwortet und begleitet mich weiterhin ungelöst. So oder so möchte ich aber dieses Tagebuch und die Zeiten des Schreibens und Lesens nicht missen. Gerade durch dieses Buch wurden für mich die folgenden Psalmworte sehr nachvollziehbar: «Still und ruhig ist mein Herz, so wie ein sattes Kind im Arm der Mutter - still wie ein solches Kind bin ich geworden.» Psalm 131,2