Mittwoch, 15. Dezember 2010

Rassistische Christen

Am Kongress der «Lausanner Bewegung» in Kapstadt hat mich ein Referat sehr nachdenklich gestimmt. Ein Mitglied der Kommission für Einheit und Versöhnung in Ruanda sprach über die jüngere Geschichte des Landes. Er berichtete davon, dass sich vor dem Genozid um 1994 90% der Bevölkerung als Christen bezeichneten. Diese Tatsache konnte nicht verhindern, dass Brüder und Schwestern sich bis aufs Blut bekämpften. Wieso? Die Kommission stiess bei der Versöhnungsarbeit auf vier Faktoren. Die Christen kannten die Bibel nur durch Auswendiglernen. Sie wendeten das Evangelium nicht im Alltag an und wurden nicht sozial-diakonisch tätig. Schliesslich gaben ausländische Missionare ein schlechtes Vorbild ab, indem sie nicht lebten, was sie predigten. Sofort dachte ich an meine Heimat, wo immer noch über 80% der Bevölkerung einer Kirche angehören (BE) und überlegte: Wie steht es um unseren Umgang mit der Bibel? Nicht nur im säkularen Umfeld, sondern bis tief in unsere Kirchen herrscht ein erschreckender Bibelanalphabetismus. Und wie steht es um unsere Anwendung des Evangeliums? Ich musste an unsere einsamen Kranken und Alten denken, an ausgegrenzte Fremde und an getötete Ungeborene. Wie steht es um unsere Vorbilder? Mir kamen die Mächtigen und Reichen in den Sinn: 21 Milliarden Franken betraegt die Summe, um welche das Vermögen der 300 reichsten Schweizer in einem Jahr gestiegen ist. Das alleine ist nicht verwerflich. Dass einige unter ihnen aber mit dem Wegzug drohen, wenn die Steuern steigen, statt sich wie andere auf ihre soziale Verantwortung zu konzentrieren, ist sehr stossend. Und unsere Fussballgötter werden von korrupten Funktionären dirigiert, welche die WM in Länder wie Russland und Katar vergeben, wo die Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Zeichne ich zu schwarz? Ich will nicht den Teufel an die Wand malen. Aber genau jener streut uns immer wieder Sand in die Augen, und wir müssen uns fragen: Wie kann ich das Miteinander von Menschen aus unterschiedlichen Nationen und Kulturen fördern? Denn Christsein heisst nicht Schweizer-Sein, sondern Botschafter der Liebe Gottes allen Menschen gegenüber.

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