Freitag, 12. April 2013

Interview mit "20 Minuten" zu Erziehung und Gewalt


Die Fachstelle für Sektenfragen hat rund 21 evangelikale Erziehungsratgeber unter die Lupe genommen und festgestellt: Viele der Bücher raten zur körperlichen Bestrafung von Kindern - diese reicht vom Klaps auf den Hintern bis hin zum Verprügeln. Wo setzen sie die Grenze?
Marc Jost Wir verurteilen Ratgeber, die Eltern dazu auffordern, Kindern Gewalt anzutun. Ich selber bin dem besonders kritisierten Buch «Kindererziehung nach Gottes Plan» bis zu diesem Bericht in der Praxis nicht begegnet - und ich bin selber Pädagoge und habe als Vater christliche Erziehungskurse besucht. Dass gewisse Leute oder Organisationen darauf zurückgreifen, können wir jedoch nicht verhindern.
Können Sie Ihren Mitgliedern nicht klar kommunizieren, dass jegliche Form von Gewalt in der Erziehung Tabu sein sollte?
Wir verleihen gemeinnützigen Organisationen, welche sich an Kinderschutzrichtlinien halten, ein freiwilliges Gütesiegel. Darunter fällt auch, dass Mitarbeitende niemals ein Kind schlagen dürfen. Explizit eine Stellungnahme dazu haben wir aber noch nicht erarbeitet. Eine 2011 gegründete Arbeitsgruppe soll sich unter anderem diesem Thema annehmen.

Kritisiert wird aber nicht nur die körperliche, sondern vor allem auch die seelische Gewalt. Die Glaubensvermittlung der Eltern würde die Kinder überfordern, belasten oder in Gewissenskonflikte bringen. Nehmen Freikirchen diese Problematik zu wenig ernst?

Nein, im Gegenteil. In Verbänden wie beispielsweise jenem der Jungscharen werden das Machtgefälle von Erwachsenen zu Kindern und die damit verbundenen Gefahren explizit geschult.
Was heisst das konkret?
Jungscharleiter lernen zum Beispiel, dass Kinder nie manipuliert werden dürfen - egal, was für eine Weltanschauung sie haben. Jeder Erwachsene birgt die Gefahr, seine Ideologie weiter zu geben. Kinder sollen die Freiheit haben zu sagen, wenn sie etwas nicht wollen.
Also auch zu sagen, wenn sie nicht an Gott glauben?
Ja, Freiwilligkeit ist im christlichen Glauben gross geschrieben. Kinder sollen nicht zu etwas gedrängt werden. Umgekehrt sollten ihnen die Eltern ihren Glauben auch nicht vorenthalten. Wenn Kinder fragen, weshalb ihre Eltern gläubig sind, können sie zum Beispiel sagen, dass der christliche Glaube davon ausgeht, dass jeder eine Beziehung zu Gott braucht.

Aber dann wird dem Kind ja implizit gesagt, dass es ohne den Glauben zu Gott verloren ist?

Ein Kind sollte nicht den Eindruck haben, dass die Eltern solche Fragen einfach tabuisieren. Die Eltern sollen die Kinder einladen, offen mit ihnen über Glaubensfragen zu sprechen.
Das ist doch auch eine Beeinflussung!
Ja, allerdings wenn ich meinen Kindern fair und offen meinen Glauben darlege, gebe ich ihnen gleichzeitig auch zu verstehen, dass ich meine Liebe zu ihnen nicht davon abhängig mache, ob sie diesen teilen oder nicht.
Liest man den Bericht von Infosekta, sind aber weitaus nicht alle evangelikalen Eltern so aufgeschlossen. In einem Brief an ihre Eltern beschreibt eine junge Frau, dass sie trotz der Liebe ihrer Eltern immer Angst hatte, etwas Falsches zu tun und sich die ganze Jugend hindurch verkrampft gefühlt hat.
Ob religiös oder nicht - es gibt immer Eltern, die ihre Erziehung nicht vorbildlich wahrnehmen. Ich bedauere natürlich, dass dies in einer evangelischen Familie vorgekommen ist. Doch Fehler passieren überall.
Was bedeutet für sie eine richtige christliche Erziehung?
Der Schlüssel ist sicher die bedingungslose Liebe der Eltern. Natürlich müssen wir den Kindern auch Regeln vermitteln, sie loben wenn sie es verdient haben ist oder sie bestrafen, wenn es nötig ist. Noch wichtiger ist aber dass wir ihnen mitgeben, dass Gott die Menschen so annimmt, wie sie sind.

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