Samstag, 8. März 2014

Als Christ zwischen den Politblöcken



Zu den Regierungsratswahlen treten der 40-jährige EVP-Mann Marc Jost und die Grünliberale Barbara Mühlheim als Zweierticket an. Jost positioniert sich als gläubiger Christ, aber nicht als Moralapostel.
Blick auf Thun und das Oberland mit dem Niesen: Der Zusammenhalt von Stadt und Land ist Marc Jost (EVP) ein besonderes Anliegen.Blick auf Thun und das Oberland mit dem Niesen: Der Zusammenhalt von Stadt und Land ist Marc Jost (EVP) ein besonderes Anliegen. 
Bild: Valérie Chételat
Von Markus Dütschler
Marc Jost weiss, wie Wahlkampf geht. 2010 weibelte der EVP-Mann im Elektroauto erstmals für seine Regierungsratskandidatur. 2011 kämpfte er um Simonetta Sommarugas frei werdenden Ständeratssitz. Jetzt kandidiert der 40-jährige Jost erneut für den Regierungsrat. Diesmal bildet er mit der Grünliberalen Barbara Mühlheim ein Zweierticket der Mitte. Er schätze sie seit der gemeinsamen Arbeit in der Justizkommission, sagt Jost, der seit 2006 im Grossrat politisiert. Er stammt aus Spiez und wohnt mit seiner Frau und den vier Kindern in Thun. Er sei eher im Oberland bekannt, sagt Jost, Mühlheim stehe der urbanen Stadtberner Wählerschaft näher.
Der smart wirkende Jost, der dem TV-Moderator Ruedi Josuran («Fenster zum Sonntag») entfernt ähnlich sieht, muss mit dem Argwohn leben, hinter dem sympathischen Lächeln verstecke sich ein Fundi. Ursprünglich Realschullehrer, absolvierte Jost beim Chrischona-Verband eine theologische Ausbildung, war Pfarrer des Evangelischen Gemeinschaftswerks (EGW) in Thun und ist seit 2012 Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA), eines Dachverbands von Landes- und Freikirchen. Zudem ist er Geschäftsführer von Interaction. In diesem Verband sind 24 christliche Hilfswerke, Entwicklungsorganisationen und Missionsgesellschaften zusammengeschlossen.
«Wertkonservativ, aber weltoffen»
Herr Jost, wie ist das mit dem Fundi? In der Gesellschaft habe das religiöse Bekenntnis an Bedeutung verloren, sagt er. «Wenn sich jemand auf klare Werte beruft, gilt das rasch als verdächtig.» Er versuche christliche Werte konsequent zu leben, auch wenn er wisse, «dass niemand perfekt ist». Seine Ticketpartnerin Mühlheim sagt über Jost: «Er ist kein Fundi», sondern höre zu, überlege, sei offen für andere Positionen und lasse diese einfliessen. Als «wertkonservativ, aber weltoffen» bezeichnet ihn ein SEA-Insider.
Ein Politiker, der ihn ausserhalb der Politszene beobachtet hat, hält fest: «Jost tut, was er sagt.» Sein politischer Ziehvater, der frühere Aargauer EVP-Nationalrat Heiner Studer, attestiert dem ehemaligen persönlichen Mitarbeiter im Bundeshaus «eine rasche Auffassungsgabe». Jost formuliere klar und verständlich, arbeite lösungsorientiert und habe «eine klare Wertehaltung als Christ». Spricht man Jost auf das Thema Homosexualität an, das in frommen Kreisen oft bedingungslose Ablehnung erfährt, sagt er, er kenne die einschlägigen Bibelstellen und nehme sie ernst. Als Seelsorger habe er jedoch gesehen, dass man «homosexuell empfindenden Menschen» mit einem Schwarz-Weiss-Schema nicht gerecht werde.
Moral – aber ohne Keule
Ist ein Politiker mit einem festen Wertesystem nur tolerant, solange er sich in einer Minderheitsposition befindet, um dann alles Unerwünschte zu verbieten, sobald er an die Macht kommt? «Ein Gottesstaat ist eine abstruse Idee», erwidert Jost. Gewissensfreiheit und Meinungsäusserungsfreiheit seien wichtige Werte, sagt der EVP-Mann, der sich für Christen einsetzt, die in autoritären Gesellschaften diskriminiert werden.
Jost nimmt als Beispiel für die verantwortungsethisch begründete EVP-Haltung die Grossratsdebatte zum Prostitutionsgesetz. Seine Partei habe den Antrag gestellt, dass der Kanton aussteigewilligen Frauen helfe, denn Prostitution sei «keine erstrebenswerte Beschäftigung». Sie habe aber kein generelles Verbot gefordert. Dennoch habe der Rat den Antrag abgelehnt, «wohl weil er aus der frommen Ecke kam».
Kirche und Staat: Neue Definition
Kirche und Staat sind in Bern eng verzahnt. Es sei bedauerlich, dass die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn vor Jahren nicht auf EVP-Ermahnungen gehört hätten, rechtzeitig eigene Vorschläge für eine Reform der Kirchenfinanzierung vorzulegen. Nun werde die Kirche in die Defensive gedrängt. Für sie sei die Debatte eine Gelegenheit, zu sagen, wofür sie stehe, denn die Nähe zum Staat sei «nicht nur gut».
Was Kirchen in der Sozialdiakonie und anderswo für die Gesellschaft leisteten, müsse honoriert werden, sagt Jost. Er bezweifle, dass der Staat diese Dienste günstiger erbringen würde. Und die Pfarrerbesoldung durch den Kanton? «Heute würde man das sicher anders regeln», sagt der ehemalige Pfarrer. Bei der Klärung des Verhältnisses von Kirche und Staat wolle er gerne mithelfen. Davon würde nicht nur die Landeskirche profitieren, sondern alle, auch Freikirchen und Konfessionslose.
Josts Ticketpartnerin Mühlheim leitet die Drogenabgabestelle Koda in Bern, eine früher umstrittene Einrichtung. Christlich orientierte Therapieeinrichtungen, die auf Abstinenz setzten, sind weitgehend verschwunden. Wie sieht Jost die Methadon-Abgabe? Im Sinne der Schadensbegrenzung könne es ein Weg sein, doch brauche es auch Anreize für einen Ausstieg: Er wünsche sich «etwas mehr Abstinenzorientierung». Dass es «hoffnungslose Fälle» gebe, die süchtig bleiben müssten, glaube er nicht.
Mit Genugtuung erzählt Jost, dass er im Grossen Rat eine Standesinitiative durchgebracht habe, die eine Erhöhung der Gelder für die Entwicklungszusammenarbeit des Bundes gefordert hat. Diese Hilfe werde übrigens zu Unrecht schlechtgeredet. Hilft sein Verband Interaction nur Christen? Nein, sagt Jost bestimmt. Die Verbandsregeln seien hier deutlich. Sie besagten, dass die Hilfe ein Wert an sich sei und weder von Rasse noch Religion abhängig gemacht werden dürfe. «Zwang oder Manipulation empfinden wir als unchristlich, gerade mit Blick auf die Kirchengeschichte.»
Blockdenken liegt Jost nicht
Jost sieht sich als Brückenbauer zwischen links und rechts. Im bürgerlichen Block gelte eine Steuererhöhung als Tabu, selbst eine befristete. Bürgerliche forderten harte Sparmassnahmen, um dann im Einzelfall zu sagen: «Hier bitte nicht.» Die Linke wiederum heule bei jeder Kürzung im Sozialbereich auf, ohne genau hinzusehen, ob Gelder wirklich zweckmässig eingesetzt würden. Er sei für den Schutz der Schwachen und Wehrlosen, aber als Mittepolitiker wolle er ohne Tabus Lösungen finden – die unversöhnlichen Blöcke aufweichen.

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