Sonntag, 12. Juli 2015

Ein Lobbyist für Gott - Porträt im Tagesanzeiger

"Drängen wir Religion einfach in die Privatsphäre ab und lassen sie nicht zum Thema werden, wird es gefährlich". Darum macht Marc Jost (41) aus seinem Glauben kein Geheimnis, im Gegenteil: Der frühere Pfarrer ist als Lobbyist Gottes in der Politik unterwegs, seit dem 1. Juni als Präsident des 160-köpfigen Berner Grossen Rats. Schon zweimal hat er für einen Sitz in der Berner Regierung kandidiert, 2011 für den Ständerat. Im Herbst will er in den Nationalrat, als Spitzenkandidat der EVP. Jost ist so etwas wie der Ziehsohn des früheren Parlamentariers Heiner Studer; vier Jahre lang war er dessen Assistent, hat für ihn recherchiert und Stellungnahmen erarbeitet. "Für mich war das mitentscheidend, dass ich in die Politik eingestiegen bin".

Wobei das E bei Jost eher für "Evangelikal" als für "Evangelisch" steht. Obwohl er auch zur Landeskirche gehört, ist seine Biographie stark freikirchlich gefärbt. In Spiez aufgewachsen, war er von Kindsbeinen an mit dem Evangelischen Gemeinschaftswerk verbunden, dem er später in Thun als Pfarrer diente. Theologie studierte der Ex-Primarlehrer nicht an einer staatlichen Fakultät, sondern am theologischen Seminar der Freikirche Chrischona. "Ich suchte einen Ort, wo ich parallel zum Studium den Glauben verbindlich in der Gemeinschaft von Studierenden leben konnte.

Mit seiner Frau und den vier Kindern gehört Jost heute zur "BewegungPlus" in Thun, einer klassischen Freikirche mit breitem Freizeitangebot auch für Jugendliche. Hier findet er, was ihm in der Landeskirche bisweilen fehlt: lebendige Gottesdienste, starkes Engagement und ein "klares Bekenntnisses zu Jesus Christus als Herr und Freund". Anders als der Durchschnitts-Evangelikale beruft sich Jost aber nicht auf ein Bekehrungserlebnis. Die persönliche Jesus-Beziehung hat seine Vita ohne Brüche immer schon getragen und zur jetzigen Tätigkeit motiviert. Hauptberuflich ist er Co-Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA, zuständig für Gesellschaftsfragen.

Mit dem Dachverband von Freikirchen und Landeskirchen sowie christlichen Organisationen teilt er die Positionen in Moral und Politik. Kürzlich hat er in der "Arena" zum Thema "Ehe für alle" die Privilegierung der herkömmlichen Ehe verteidigt: Argumentiere man vom Kind her, müsse man gegen das Adoptionsrecht sein. Als Mann könne man nicht das Mami ersetzen. "Warum vom Ideal abrücken, dass Kinder Eltern in geschlechtlicher Komplementarität erleben?" Darum müsse man homosexuelle Partnerschaften anders behandeln. Die jetzige Lösung einer registrierten Partnerschaft möchte Jost auf Leute ausweiten, die in Kommunitäten leben.

Als Freund und Seelsorger sei er mit vielen Homosexuellen in Kontakt. Einige seien mit ihrem Leben zufrieden. Jenen, die wegen ihrer sexuellen Ausrichtung leiden, denen müsse man helfen. Dies sei bei den Evangelikalen üblich. "Ich kenne ehemals homosexuell empfindende Männer, die heute sagen, sie seien zufrieden in der Heterobeziehung", sagt Jost und fügt hinzu: "Ich weiss, dass das politisch nicht korrekt ist".

Jost plädiert auch für ein Verbot der Suizidhilfe mit den gängigen Argumenten: "Diese zu  legalisieren bedeutet, auf eine schiefe Ebene zu kommen und in die Rolle von Gott zu rutschen, indem man selber über Leben und Tod entscheidet". Weil er das Leben als Geschenk Gottes sieht, lehnt er die Fristenregelung ab und setzt sich für den Lebensschutz ein. Am 19. September hält er am "Marsch fürs Läbe" eine Predigt. Initiant Daniel Regli sei auf das Anliegen der Allianz eingegangen, weniger provozierend aufzutreten.

Dennoch sieht sich Jost nicht in der Fundiecke, auch seine Bekannten täten dies nicht, viele seien im Gegenteil neugierig, mehr über seine Tätigkeit zu erfahren. Mit den Ratskollegen käme es zu oft zu gutem Austausch bis hin zu Seelsorgegesprächen. "Wertkonservativ, aber weltoffen" bezeichnet Jost sich selber, als Politiker der Mitte: "Die EDU wäre nie meine Partei gewesen". Der Theologe gehört nicht zu den frommen Zeitgenossen, für die einzig das innere Glaubenserlebnis zählt. Seit seinem vierten Studienjahr, das er im Bürgerkrieg geschüttelten Kolumbien verbracht hatte, beschäftigt er sich mit Fragen die weltweite Gerechtigkeit betreffend. "Kirche ist nur Kirche, wenn sie für die anderen da ist", die Maxime von Dietrich Bonhoeffer ist auch die seine.

Bis zur Übernahme des Präsidiums im Grossen Rat hat Jost den christlichen Hilfswerksverband "Interaction" geleitet und steht ihm heute als Präsident des Vorstandes vor. Durch die Hilfsprojekte der 26 Allianz-Werke hat Jost Einblick ins Asylwesen erhalten. Im Dezember besuchte er im Libanon syrische Flüchtlingslager. "Wenn man dieses himmelschreiende Elend sieht, kann man die plakative Asyl-Politik der nationalen SVP schlicht nicht nachvollziehen", empört er sich. Und freut sich um so mehr, dass innerhalb der Allianz bereits 450 Personen bereit seien, Asylsuchende zu begleiten und aufzunehmen. Derzeit ist er im Kanton Bern in ein Projekt involviert, das ein Haus für Migranten aus dem arabischen Raum betreibt.

Schliesslich sagt laut Jost der christliche Gott allen Menschen Hilfe zu, auch den Muslimen. Anders als EDU und SVP hatte er gegen die Minarett-Initiative votiert, aus Respekt vor der  Glaubensfreiheit. Damit vereinbar ist für ihn, dass die SEA jedes Jahr während des Ramadan die Aktion "30 Tage Gebet für die islamische Welt" lanciert und für die Bekehrung der Muslime zu Christus betet. "Beherzige ich den Auftrag Jesu an die Kirche, muss ich mich an die ganze Schöpfung und an alle Menschen wenden. Wir wünschen uns für jeden Menschen, dass er sich durch Christus mit Gott versöhnt". Jost versucht dabei , das mit Manipulation und Zwang assoziierte Wort "Mission" zu vermeiden. Er spricht lieber von Austausch in Liebe, in der Veränderung stattfinde. "Es ist nicht gleichgültig, was ich glaube und lebe", sagt er. Leider aber verbiete es heute die Political Correctness, Unterschiede im Gottesbild zu werten und zu beurteilen.

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